Nachgefragt

Flüchtlinge ein wunderbares Geschenk?

Wenn man sich die politische Lage in Deutschland momentan ansieht, kommen schnell mal einige Fragen auf. Zum Beispiel.: „Wie wird es denn jetzt weitergehen?“. Und wen könnte man solche Dinge besser fragen als einen Zukunftsforscher? SPIESSER-Praktikantin Theresa sprach mit Sven Gábor Jánszky über seinen Beruf, die Flüchtlingsproblematik und die nahe Zukunft.

03. Oktober 2015 - 09:02
SPIESSER-Redakteurin Onlineredaktion.
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Beigetreten: 25.04.2009

SPIESSER: Wie sind Sie Zukunfts-und Trendforscher geworden? Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Sven Gábor Jánszky: Eigentlich habe ich Journalistik und Politikwissenschaften studiert. Als Journalist habe ich aber immer gedacht, dass ich lieber dabei sein will, wenn etwas passiert, als danach darüber zu berichten. Also habe ich vor 14 Jahren ein Trendforschungsinstitut gegründet. Trendforscher erarbeiten mit wissenschaftlichen Methoden Zukunftsstudien und Prognosen. Außerdem gehen wir mit diesen wissenschaftlichen Ergebnissen in Unternehmen, helfen Projekte zu starten, Strukturen aufzubauen, neue Produkte zu entwerfen und vieles mehr. Wir arbeiten mit qualitativer Sozialforschung, wir suchen uns diejenigen Menschen in der Welt aus, von denen wir glauben, dass sie mit den Entscheidungen, die sie heute treffen einen Einfluss darauf haben wie sich die Welt, oder ein Ausschnitt ihrer Branche bewegt. Also beispielsweise die Technologiechefs, Strategiechefs, Innovationschefs von großen, marktprägenden Unternehmen. Mit diesen Menschen führen wir Interviews und fragen sie „Was macht ihr gerade? In was investiert ihr? Warum tut ihr das?“ und „Was glaubt ihr, wohin das in den nächsten Jahren führt?“ Und wenn wir das mit vielen Personen machen, dann haben wir ein sehr genaues Bild davon, was da gerade in die Welt getrieben wird.

Was ist für Sie an diesem Beruf spannend?

Ich mache das, um wirklich dort zu sein, wo die Zukunft bestimmt wird, gestaltet wird und in der Zukunft gearbeitet wird. Es ist natürlich spannend, die Art und Weise mitzuentwickeln, in der wir die nächsten Jahre leben werden. Und natürlich auch ein bisschen eher als andere zu erfahren, was da kommt. Und natürlich arbeite ich mit vielen kreativen, nach vorne strebenden Leuten. Es gibt immer neue Ideen, die mich umgeben – ein Traumjob.

Sven Gábor Jánszky
Foto: Pressematerial 2b AHEAD ThinkTank
ist der momentan angesagteste Trend-und Zukunftsforscher Deutschlands. In seinen Vorträgen und Büchern „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“, „2020 –So leben wir in der Zukunft“ und „Rulebreaker: Wie die Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern“ erklärt er, wie und warum sich die Welt in den nächsten Jahren verändern wird.
Ich habe gelesen, dass Sie die Flüchtlingswelle für eine riesige Chance für Deutschland halten. Können Sie ihre Prognose noch einmal kurz für die SPIESSER-Leser erklären?

In all den Zukunftsstudien über den deutschen Arbeitsmarkt, die wir in den letzten Jahrzehnten gemacht haben, heißt es, dass wir in eine Welt der Vollbeschäftigung gehen. In den nächsten Jahren geht die Generation der Babyboomer in Rente. Junge Menschen kommen nach, aber die Generation, die da folgt, ist ein geburtenschwacher Jahrgang. Und wenn man das gegeneinander aufrechnet, gehen 6,5 Millionen mehr Menschen in Rente, als von unten nachrutschen. Wir Trendforscher haben uns lange in den letzten Jahren darüber unterhalten, wie man dieses Loch auffüllen könnte. Und wenn nichts mehr passiert wäre, wäre die Prognose einfach gewesen. Es würden Menschen gezwungen werden über diese 67 Jahre hinaus zu arbeiten, bis 75, auf der anderen Seite müssten die jungen Menschen steigende Sozialabgaben leisten. Und da taucht plötzlich dieses wunderbare Geschenk auf, in dem ganz viele, oft junge, dynamische Menschen nach Deutschland kommen und sich alle eine Zukunft aufbauen und hier richtig arbeiten wollen. Uns wird so die Lösung für das größte zukünftige Problem Deutschlands auf dem Silbertablett serviert.

Sie unterscheiden bewusst zwischen zwei verschiedenen Kategorien von Flüchtlingen: „nützlich“ und „weniger nützlich“. Wer entscheidet das denn?

Aus moralischen Gesichtspunkten mag es manchen so erscheinen, als ob man nicht sagen darf: „Der eine Mensch ist nützlich für uns, der andere weniger“. Das ist auch richtig, wenn wir darüber reden, wer nicht mehr in seinem Land leben kann und wen wir deshalb aufnehmen müssen. Aber es wandern auch Menschen ein, die nicht an Leib und Leben gefährdet sind. Meine Prognose ist, dass wir am Ende der Diskussion, die wir hier gerade in Deutschland haben, eine zweiteilige Einteilung haben werden. Wir werden sagen: „Für die großen Probleme in Deutschland brauchen wir die und die Leute im Arbeitsmarkt“. Aber auf der anderen Seite werden wir natürlich ein Asylrecht haben, wo Menschen aus humanitären Gründen aufgenommen werden.

Wie sieht es aus, wenn Sie in die nähere Zukunft schauen? Was wird sich zum Beispiel 2016/17 verändern?

In der Politik wird es in den nächsten Jahren kaum ein so großes Thema wie die Flüchtlinge geben. Wir werden uns kümmern müssen: Wir werden mehr Leute haben, die erstmal kein Deutsch sprechen. Schulen und Universitäten müssen besser ausgestattet werden und Deutschland wird multikultureller. In mittelgroßen Städten wie Leipzig oder Dresden wird es auch eine signifikante Veränderung im Stadtbild geben. Was sich außerdem noch stetig verändert, sind die Technologie und Digitalisierung. Das erwarten wir in jeder Branche. Wir reden hier von selbstfahrenden Autos oder, dass Menschen einfach, wenn sie sich krank fühlen, ihr Handy fragen und erstmal nicht mehr zum Arzt gehen. Das hat natürlich eine große Auswirkung für die Menschen, die ihre Geschäftsmodelle umstellen müssen. Das wird sich aber langsam über die nächsten Jahre weiterentwickeln.

Interview: Theresa König
Teaser-Foto: Pink Sherbet Photography, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY 2.0)

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