Sommer 2019: Loyalität

Freier leben, offener lieben

Ich heiße Alessia*, bin 28 Jahre alt und lebe polyamor. Ich bin mit einem Mann verheiratet und habe auch eine Freundin. Das war allerdings nicht immer so. Während ich mich in Babyschritten der polyamoren Beziehung näherte, lernte ich vor allem eins: Die einzig richtige Beziehungsform gibt es nicht.

09. Juli 2019 - 17:14
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Die Beziehung zu meinem Mann hat monogam angefangen. Wir lernten uns mit 17 Jahren kennen und wussten früh, dass wir uns gegenseitig guttun und Halt geben. Wir heirateten schließlich ein paar Jahre später in der Erwartung, gemeinsam alt zu werden. Eine offene Beziehung kam für uns beide nicht in Frage.

Das änderte sich allerdings, als ich für meine Arbeit in eine andere Stadt zog. Mein Mann und ich führten eine Fernbeziehung, uns trennten Kontinente und Gefühlswelten – so dachte ich zumindest. In der Zeit lernte ich meine jetzige Freundin kennen. Da war diese Anziehungskraft und ich wusste, dass ich dieses Gefühl weiter erkunden will. Ich erkannte eigentlich schon vor einigen Jahren, dass ich Frauen aufregend finde – aufregender, als ich es mir vielleicht eingestehen wollte. Aber wie konnte ich gleichzeitig meinen Mann lieben und diese Seite an mir entdecken? Mir war vor Auf- regung fast übel, als ich ihm eröffnete, dass ich bisexuell bin und gerne mit anderen Frauen schlafen möchte. Wir redeten über Eifersucht, Gefühle und Sex und beschlossen, uns langsam heranzutasten.

Polyamorie hat nichts mit Anonymität zu tun

Über eine App lernten mein Mann und ich Maria* kennen und verbrachten eine Nacht zusammen. Der Sex mit einer fremden Frau fühlte sich schön an, aber irgendetwas fehlte mir. Anonymer Sex kann spannend, schweißtreibend und wunderschön sein, aber ich wollte für mich persönlich mehr Gefühl und Verbundenheit. Meine Freundin ging mir nicht aus dem Kopf und ich wollte unbedingt einen Weg finden, mit ihr und meinem Mann zusammen zu sein.

Es waren im Nachhinein gesehen Babysteps, bis mein Mann und ich uns entschieden, polyamor zu leben und unsere Kommunikation wurde währenddessen immer offener und ehrlicher. Inzwischen haben wir beide eine Freundin und kennen unsere jeweiligen Freundinnen auch persönlich.

Zwischen Harmonie, Hierarchie und Eifersucht

Natürlich läuft nicht immer alles harmonisch ab, es gibt auch Eifersucht und Streit. Aber in welcher monogamen Beziehung wird nicht gestritten? Wenn mein Mann zum Beispiel abends nicht ans Handy geht, hatte ich am Anfang immer ein mulmiges Gefühl. Ich malte mir aus, dass er bestimmt gerade Sex hat und fühlte mich bei dem Gedanken unwohl. Mit der Zeit änderte sich aber meine Haltung – inzwischen freue ich mich total für ihn.

Ich glaube fest daran, dass Beziehungen in gewisser Form mit Freundschaften oder Familie vergleichbar sind. Fragt man Eltern nach ihrem Lieblingskind, hört man ein entrüstetes „Ich habe jedes meiner Kinder gleich lieb“, und würde man je anzweifeln, dass man mehrere gute Freunde hat? Liebe wird meiner Meinung nach größer und Beziehungen werden glücklicher, wenn man sie teilt. Dieses Modell hat natürlich auch seine Grenzen und ich merke, dass ich auch mit Eifersucht zu kämpfen habe – dagegen ist wohl niemand immun. Ich brauche eine gewisse Sicherheit in meinen Beziehungen und erwarte Ehrlichkeit, vor allem in Bezug auf Verhütung.

Obwohl Liebe vielleicht unendlich ist, hat der Tag nur vierundzwanzig Stunden und Zeitmanagement ist definitiv eine Herausforderung. Mann, Freundin, Arbeit, Freunde und Hobbys unter einen Hut zu bringen, ist oft kräftezehrend, aber auch unglaublich bereichernd. Ich glaube, dass mein Mann und meine Freundin ganz unterschiedliche Seiten in mir hervorbringen, da sie so verschieden sind. Mit meiner Freundin erkunde ich die queere Partyszene und Museen; mein Mann und ich gehen vegan essen oder hören Hörspiele. Ich lebe gleichzeitig eine queere und eine heterosexuelle Beziehung aus.

Das traditionelle Klischee von Monogamie

Wie unsere Freunde auf unsere Beziehung reagiert haben? Überrascht, aber verständnisvoll. Viele Freunde hätten es wohl nicht von uns erwartet – bestimmt hat das auch stark damit zu tun, dass wir verheiratet sind und mit der Ehe ein traditionelles Klischee von Monogamie verbunden ist. Umso cooler finden unsere Freunde, dass wir unseren eigenen Weg gehen. Ich vermute, dass uns insgeheim auch ein paar von ihnen beneiden, die sich vielleicht selbst mehr Freiheiten in ihrer Beziehung wünschen. Klar ist: Wenn ich für jedes „Das könnte ich nicht“ unserer Freunde einen Euro bekommen würde, könnte ich mir wahrscheinlich inzwischen ein paar Cocktails leisten

Bei der Arbeit und in der Familie ziehen wir jedoch aus Selbstschutz eine Grenze und sind mit unserer polyamoren Beziehung nicht offen. Ich arbeite in einem eher konservativen Umfeld und bin mir sicher, dass meine Beziehungsart skeptisch beäugt werden würde. Das finde ich sehr schade, denn schließlich liebe und sorge ich mich um zwei Personen gleichzeitig und bin deshalb nicht weniger wertvoll. Auch wenn ich das genau weiß, habe ich manchmal das Gefühl, an meine Grenzen zu stoßen und nie meine ganze Persönlichkeit zeigen zu können.

Ich merke auch, wie unterschiedlich meine Beziehungen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Wenn ich zum Beispiel mit meiner Freundin im Park spazieren gehe, läuft es in den meisten Fällen ereignislos ab – manchmal werden wir aber doch böse angeschaut oder hören blöde Sprüche. Die Beziehung zu meinem Mann hingegen wird überall ausnahmslos gutgeheißen, da sie einem heteronormativen Rollenbild entspricht.

Warum es nicht die richtige Beziehungsform gibt

Es gibt bestimmt einige Menschen, die eine polyamore Beziehung unglücklich machen würde und für die diese Lebensform nicht in Frage kommt. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Ich glaube, wir müssen uns trotzdem von gesellschaftlichen Zwängen und falschen Vorstellungen von Loyalität befreien. Es mag sein, dass einige Menschen auf „die Richtige oder den Richtigen da draußen“ warten, aber das gilt längst nicht für jeden. Unsere Gesellschaft suggeriert uns aber, dass eine einzige Beziehungsform die richtige ist – es gibt so viele Möglichkeiten, die wir aus Angst oder Scham nicht entdecken. Ich glaube, es gehört viel Mut und gute Kommunikation zu einer polyamoren Beziehung und man lernt sich selbst, seine Bedürfnisse und seine Partner richtig gut kennen. Vielleicht werde ich irgendwann mal wieder monogam leben, aber momentan fühle ich vor allem eins: Geborgenheit und Glück.

 

Text von einer Autorin, die anonym bleiben möchte. *Um den Wunsch zu respektieren, wurden alle Namen von der Redaktion geändert.
Fotos: Christian Schneider, Berliner Fotograf, hatte für dieses Titelstory-Shooting Model Walentyna Schwerbel vor der Kamera.
Teaserbild: Paula Hohlfeld

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