Brief an …

Hallo, meine liebe Sackgasse!

Ich nehme an, so eine Ansprache wundert dich, und ich muss zugeben, zu der Einsicht dahinter kam ich auch nicht leicht. Früher habe ich gedacht, dass du das Schlimmste bist, was mir je passieren könnte. Aber jetzt habe ich eine andere Meinung: Dank dir, meine Sackgasse, habe ich vieles über mich verstanden, über die Welt, über andere Menschen. Ich habe verstanden, wie groß mein Potenzial ist und was ich in meinem Leben verbessern kann.

21. Januar 2020 - 12:36
SPIESSER-Autorin VeryMary94.
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VeryMary94 Offline
Beigetreten: 13.08.2012

Heute sehe ich es eher so: Eine Lebenskrise zu durchleben, ist eine sehr nützliche Erfahrung. In ihrem Kern besteht sie aus dem Gefühl, als ob das vorherige Leben langsam zum Ende kommt und ein neues Leben noch nicht anfängt. Da hast du es mir wirklich nicht leicht gemacht, glaub mir. Von außen sah alles völlig normal aus, aber in mir herrschten Chaos, Stille, Dunkelheit, Leere – alles gemischt. Und keiner konnte es merken, sogar wenn ich über meinen Zustand irgendwie sprechen wollte oder es versuchte. Ohne dich hätte ich so etwas vielleicht nie im Leben gefühlt.

Artikelreihe von Gastautorinnen und Gastautoren aus Russland
Dieser Text ist der erste aus einer Reihe von Artikeln, die in Zusammenarbeit mit SPIESSER-Autorin Marie Robinski entsteht. Marie lebt und arbeitet derzeit in Russland und unterstützt die russischen Gastautorinnen und Gastautoren bei der Erstellung und Veröffentlichung von Artikeln auf Deutsch. Viele der Autorinnen und Autoren planen ein Studium in Deutschland zu absolvieren.

Der nächste Artikel folgt Anfang Januar 2020!

Ich befand mich in so einem tiefen Loch, dass ich dachte, ich käme nie wieder hervor. Ich ging zum Psychotherapeuten, der mir Antidepressiva verschrieb. Nach einigen Tagen ging es mir noch schlimmer. Anders, aber schlimmer. Das Loch, in das du mich geschubst hattest, schien tiefer zu werden und die Leere und Stille sich zu verdichten. Mich komplett regungslos zu machen. Im Kopf fühlte ich mich wie Gemüse, also habe ich mit diesen Pillen aufgehört und du hast dich etwas beruhigt.

Ich begann dann verschiedene psychologische Bücher zu lesen. Ich las wirklich viel! Es waren verschiedene Autoren. Besonders hat mir ein Ratgeber gefallen, in dem Leute ihre persönlichen Geschichten erzählten. Damals habe ich kapiert, dass nicht nur ich diese Probleme habe – dass ich nicht allein bin und es immerhin einen Ausweg gibt. Außer psychologischen Büchern habe ich auch Biografien von bekannten und berühmten Personen gelesen. Besonders inspirierend fand ich Katharina die Große und Anna Achmatowa – eine der größten russischen Dichterinnen. Ich glaube, am wichtigsten war es den Fokus auf anderes zu richten und dir nicht zu viel Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Das hat mir geholfen, mit deinem gaunerhaften Überfall über mein Leben klarzukommen. Damals wurde mir klar, dass das Leben ganz anders spielen kann als man denkt und ganz verschiedene Perioden umfasst.

Außerdem änderte ich meinen Alltag. Vielleicht wird es sich lustig und banal anhören, aber morgens früher aufstehen und Sport machen sind echt tolle Ratschläge! Je intensiver man trainiert, desto besser. Auch die Wechseldusche hilft. Ich begann auf meine eigene Körperhaltung zu achten. Je aufrechter ich ging, desto kleiner wurdest du. Ach ja, ich fing an mehr spazieren zu gehen, entdeckte für mich neue Wege und Straßen, unternahm Reisen. Kurz oder lang war egal, Hauptsache weg von Zuhause! So traf ich viele neue Leute sah viele neue Orte und so allmählich kam ich wieder dazu zu leben.

Heute zählt die Disziplin! Sie muss sein. Ich genieße sie, weil sie nicht von außen aufgezwungen ist, sondern von mir selbst stammt für mich, für mein neues, glückliches Leben. Und weißt du was? Ich lernte manchmal traurig zu sein, allein zu sein, ruhig zu sein oder selbst nervös zu sein. Wenn ich wollte, weinte ich auch. Das habe ich akzeptiert, weil ich selbst über mich bestimme, selbst träume und plane. Ich habe mir gesagt: Keine Panik! Es wird nicht lang so sein, wenn du dem Leben vertraust. Alles was passiert, passiert nur zum Guten, selbst wenn du zurzeit anders denkst.

So, liebe Sackgasse, ich glaube jetzt siehst du dich selber von einer anderen Seite, von unserer menschlichen Seite. Statt mich zum Stillstand zu zwingen, hast du mir geholfen, meinen Weg zu finden. Neu zu starten. Im Moment kann ich nur Danke sagen, dass du bei mir vorbeigeschaut hast. Aber verstehe mich nicht falsch: Ich freue mich, je seltener du mich besuchst.

Leb wohl, meine liebe Sackgasse!

 

Text: Gastautorin Oksana Zerr
Teaserbild: Photo by Jonathan Farber on Unsplash

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