Kolumne

Hauptsache, das Label stimmt

Nachhaltigkeit ist so 2007. Da gewann Al Gore für eine Umweltdoku noch einen Oscar. Der Klimawandel war neu, aufregend, sexy. Die große Bedrohung, die uns alle zu vernichten droht. Das ist so lange her, da war MTV (gerade) noch ein wichtiger Jugendsender. Und auch der machte eine sexy Kampagne für mehr Nachhaltigkeit. Heute ist selbst der Papst für mehr Ökologie. Geht’s weniger attraktiv? Der Papst! Der Mann ist gegen Kondome!

19. April 2016 - 14:08
SPIESSER-Autor Henk Marzipan.
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Henk Marzipan Offline
Beigetreten: 22.01.2014

Was taugt also Nachhaltigkeit heute noch? Ganz sicher nicht mehr als Weltanschauung mit der man sich irgendwie abgrenzen kann. Oder etwa doch? Immerhin gibt es heute alles in bio, es gibt Elektroautos und bei Facebook und Instagram ist scheinbar jeder Zweite Veganer, weil Tiere mit ihren Fürzen das Klima anheizen und sooo süß sind: #govegan. Veganer haben meine Sympathie. Die ziehen konsequent etwas durch. Ich ärgere mich schon, wenn ich im Supermarkt, total öko wie ich bin, auf eine Plastiktüte verzichte, und hinterher auf einem Kindergeburtstag meine Atemluft in 237 Ballons verpacke. Veganer haben eine, für manchen zu krasse, Ideologie. Die wissen, was sie dürfen und was nicht, und können sich darauf verlassen, doller öko zu sein als der Rest der Welt. Ich dagegen muss immer wieder von Neuem schauen, ob sich wohl insgesamt durch mein Verhalten etwas bessert, oder ob ich nicht alles schlimmer mache. Im schlimmsten Fall aus Versehen.

Ein ganz anderer Typus ist der Instagram-Öko-Hipster. Der „schaut alle her wie umweltbewusst ich bin, ich trinke grüne Smoothies“-Mensch. Der Öko-Hipster ist der VW unter den Bevölkerungsgruppen. Das Label sagt total super-sauber-ultra-gesund, ein Blick unter die Haube zeigt dann Feinstaubwerte wie ein Traktor. Zwar versucht der Öko-Hipster ernsthaft, seine Persönlichkeits-Marke nach außen ins grüne Licht zu rücken, benutzt dann aber für seine Smoothie-Bowl im Januar Erdbeeren, die schon mehr von der Welt gesehen haben als Felix Baumgartner. Aber hey, ohne hätte das bei Facebook bestimmt weniger Daumen bekommen. Hauptsache, das Label stimmt. Da wünsche ich mir eine Öko-Aufsicht mit Prüfsiegel, vielleicht die Betreiber*innen von Eine-Welt-Läden, die Öko-Posts durchsuchen und kritisch hinterfragen: Ist der Soja-Matcha-Latte in einem Wegwerfbecher? Ist dein Abendessen mit einem fair produzierten Smartphone oder mit einem angebissenen Apfel fotografiert? Würdest du immer noch Fixie fahren, wenn du das Geld für ein Auto hättest?

Ein Kumpel sagte mir einmal im Sommer am Baggersee: „Ich fahre gerne 3er BMW, denn so muss ich in Zukunft nicht nach Italien juckeln, sondern hab’ auch hier am See 30 Grad.“ Der macht wenigstens keinen Hehl daraus, dass er a) sich selbst am nächsten ist und b) auch eine komplexe Menschheitskrise, die Holland vernichten könnte, zu seinem sonnigen Vorteil auslegen kann. Das ist ehrlich. Kann man dagegen Politiker ernst nehmen, die mit einem Flugzeug zu einem Klimagipfel reisen? Wobei die Anreise mit dem Boot wahrscheinlich für Obama zu lange dauert. Bis dahin ist Mikronesien Atlantis. Langsam mache ich mir Sorgen, dass ich genauso inkonsequent lebe. Ich schreibe diesen Text auf einem Laptop der Strom verbraucht. Aber eine Schreibmaschine würde Papier brauchen und dafür müssen Bäume sterben, und der Brief müsste physisch zur Redaktion gefahren werden. Dabei trinke ich einen Kaffee, der zwar bio ist, und nicht im to-Go-Becher, aber trotzdem wahrscheinlich von Kinderhänden gepflückt wird.

Ich verlange also in der Klimadiskussion Prinzipientreue! Entweder du bist eine baumknutschende Ökotussi, bio, fairtrade, vegan und autofrei oder du bist ein fleischfressender VW-Fahrer und Primark-Käufer! Grautöne machen die Diskussion zu komplex!

Text: Henric Abraham
Teaserbild: Anja Nier

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Kommentare

Ein Kommentar
  • Ehrlich gesagt, finde ich den Kommentar, der Papst sei gegen Kondome ein bisschen zu krass. (Weil Kondome nicht sehr schnell biologisch abbaubar sind, aber den Bevölkerungswachstum kontrollieren helfen, kann ich sie der Frage nach Nachhaltigkeit nicht zuordnen.) Ich würde ohne groß nachzudenken einfach dagegen behaupten, dass die Menschen bei Religionszugehörigkeit noch am ehesten nach einem ethisch rechtfertigbaren Lebenskonzept handeln und, das christliche Gemeinschaft zu Ressourcenschonung anregt im Gegensatz zu prinzipienlosem Individualismus. Möchtest du von den Lesern, dass sie für sich ein eigenes Prinzip herausfinden und das vertreten, oder sich für eine von dir vorgestellte Variante festlegen? Ist der Sinn von Prinzipien nicht, dass man sie sich setzt um konfrontationsfähig zu sein und Kompromisse einzugehen zu können?

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