Mittagspause mit ...

„Hier wird bis zum Schluss gelebt“

Das Hospiz des Evangelischen Krankenhauses Düsseldorf war bei der Eröffnung im Jahr 1994 das erst vierte Hospiz in ganz Nordrhein-Westfalen. Unter seinem Dach leben 13 Patienten, die unheilbar krank sind; bei denen klar ist, dass sie bald sterben werden. Sie werden hier bis zum Schluss begleitet – selbstbestimmt und mit der höchstmöglichen Lebensqualität. In der Wohnküche des Hospizes traf Autorin Dana Marie Hospizleiterin Barbara Krug für die SPIESSER-Mittagspause.

27. Februar 2020 - 10:51
SPIESSER-AutorIn Dana Marie.
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Dana Marie Offline
Beigetreten: 01.07.2019

Frau Krug, wie fühlt es sich an, jeden Tag mit dem Thema Tod konfrontiert zu werden?

Ich als Leitung werde nicht so konfrontiert wie die Mitarbeiter, die direkt bei den Patienten sind. Und es ist auch – wie im richtigen Leben – nicht so, dass man ständig daran denkt. Wir leben einfach zu gerne dafür, und hier wird bis zum Schluss gelebt. Es werden Beziehungen neu aufgebaut, gepflegt, alte wieder neu aufgenommen, es wird sich ausgetauscht, genossen, man versucht rauszugehen. Sie können das Thema nicht verdrängen, aber ob Sie es ständig thematisieren, das liegt an Ihnen. Das macht eigentlich keiner. Sie leben ja viel lieber ...

Barbara Krug


leitet seit Oktober 2019 das Hospiz des Evangelischen Krankenhauses Düsseldorf. Die 58-Jährige begann ihre berufliche Laufbahn als Krankenschwester, studierte während einer Familienpause Pflegemanagement und bildete sich zur Fachkrankenschwester für „Palliative Care“ fort – ein Zweig der Krankenpflege, in dem sterbenskranken Menschen die bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende gewährleistet wird.

Wird der Tod bei dieser Arbeit zur Normalität?

Nein, Gott sei Dank nicht. Es gibt immer wieder Konstellationen, bei denen man selbst berührt ist, weil zum Beispiel eigene biografische Anteile gestreift werden. Und es gibt auch ganz lustige Dinge, zum Beispiel, dass ich mir jetzt einige Monate nach dem Amtsantritt als Leiterin meinen Lebenswunsch erfülle und nach Indien fahre, weil ich täglich sehe: Es geht ganz schön schnell. Das ist so ein bisschen das Abarbeiten der Bucketlist. Es gibt ein Buch mit dem Titel „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ – das kann, gemeinsam mit täglichen Erfahrungen, unseren Blickwinkel verändern.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ein normaler Arbeitstag beinhaltet, dass ich als Leiterin wiederkehrende administrative Dinge mache. Aber ich muss natürlich hochflexibel sein. Wenn eine Mitarbeiterin in Not ist oder ein Patient zu mir kommt, muss ich sofort ein Ohr für diese Nöte haben – oder zumindest möglichst schnell da sein. Ich muss Menschen einstellen, in Kooperation mit der Pflegedienstleitung Beurteilungen schreiben, das ganze Patientenmanagement umsetzen. Das bedeutet, dass ich Anmeldungen entgegennehme und schaue: Wer hat uns jetzt am nötigsten? In der Regel sind das Patienten, die allein zuhause sind, deren pflegerische Situation schwer gestaltbar ist, sodass sie hier aufgenommen werden müssen.

Eine häufige Frage von Angehörigen ist: „Wenn ich meine Mutter bei Ihnen anmelde, wie lange muss sie warten? Wie viele stehen bei Ihnen auf der Warteliste?“ Dann sage ich: „Das kann ich Ihnen nicht sagen, das ist jeden Tag anders, das regelt der liebe Gott.“

Welche Rolle spielt Ihr Glaube bei der Arbeit?

Für mich persönlich ist er ein Stück Motivation. Weil Glauben für mich sehr mit Gemeinschaft, mit sozialem Tun zusammenhängt. Ich würde das aber nicht in meiner einzelnen Beziehung zu Patienten festmachen wollen. Wir nehmen jeden Patienten, egal ob er glaubt oder nicht glaubt, hier als Menschen an. Und bemühen uns, ihm ein würdevolles Lebensende zu bescheren. Das ist etwas, was mich motiviert, mich tröstet: Ich denke, danach ist „irgendetwas“. Aber das Irgendetwas ist so groß, dass ich es nicht begreifen kann. Es hat etwas Tröstliches, Hoffnungsvolles. Wir haben eine Seelsorgerin, die für das Hospiz zuständig ist und Gesprächsangebote macht, egal, ob jemand christlichen Glaubens ist oder nicht. Wir drängen uns da nicht auf, es ist wirklich nur ein Angebot. Wir arbeiten über die Konfessionsgrenzen hinweg.


Ehrenamtliches Engagement im Hospiz bedeutet in erster Linie,
Sterbende und Angehörige zu entlasten und zu unterstützen. Aber
auch beispielsweise die Mitarbeit in der Wohnküche im stationären
Hospiz kann dazugehören.
Gehen die Menschen anders aus dem Leben, wenn sie gläubig sind?

Ich glaube schon, dass sie eine andere Zuversicht haben und auch eher eine Akzeptanz, dass das Leben endlich ist. Diese Menschen hoffen mehr. Sie sagen nicht fatalistisch: „Dann bin ich kalt und mich kriegen die Würmer, dann bin ich halt Asche und werde zur Not bei Glatteis verstreut. Schluss, aus, fertig.“ Ich glaube, dass uns schon eine Hoffnung anders trägt, in den Tod hineinzugehen, weil da noch etwas kommt …

Wenn sich junge Menschen für die Arbeit im Hospiz interessieren – wie finden sie einen Einstieg?

Wir sind ein multiprofessionelles Team: Sozialarbeiter, Kranken- und Pflegepersonal, Ärzte, Psychologen, Seelsorger, bis hin zur Küchenfachkraft. Dann haben wir 60 Ehrenamtliche aus den verschiedensten Sparten, die alle ihre Expertise einbringen. Insofern gibt es ganz viele Punkte, an denen man ins Hospiz reinkommen kann. Sie sollten selbst darüber nachgedacht haben, wie das ist mit Leben und Tod, sich damit auseinandergesetzt haben. Führen Sie ein Gespräch mit einer Koordinatorin eines ambulanten Hospizdienstes, der die Ehrenamtlichen schult, und machen Sie solch eine Schulung mit. Da gehört die Kommunikation mit sterbenden Menschen genauso dazu wie eigenes biografisches Arbeiten. Wo habe ich Knotenpunkte, wo Trennungen erlebt, Verlusterfahrungen, Traurigkeit? Wie gehe ich damit um, wenn mir jemand erzählt, dass er bald sterben muss? Damit, dass er Schmerzen erwartet? Angst hat? Da gibt es ganz viele Aspekte, die man betrachten und üben kann. Dann gehen Sie in die Begleitung oder Sie arbeiten in der Küche mit als Ehrenamtlicher. Und wenn das alles Freude macht, kann man überlegen: Lernt man z. B. Pflege als Lehrberuf oder studiert man Pflege? [Anm. d. Red.: Es gibt z. B. die Bachelor-Studiengänge Pflegepädagogik, Pflegemanagement und Pflegewissenschaft]. Das ist krisensicher, erfüllend und danach kann man sich als „Hauptamtler“ im Hospiz bewerben.

Empfehlungen von Barbara Krug zum Thema:
Filmprojekt: 30 junge Menschen sprechen mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen: 30jungemenschen.de

Sarg-Geschichten: Kurzfilme über das Sterben, über Abschiednehmen und Beerdigen und über Trauern und Erinnern: sarggeschichten.de

Letzte-Hilfe-Kurse: Was passiert, wenn jemand stirbt und was man tun kann: letztehilfe.info

Text von Dana Marie Weise, 28, wohnt in Köln und ist freie Autorin für verschiedene Online- und Printmedien sowie TV.

Fotos von Jakub Kaliszewski, Werbefotograf, Fotodesigner und Teilzeithedonist aus Köln.

Teaserbild: Paula Hohlfeld

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