Kinofeeling

Ich fürchte, das hatten wir gar nicht bestellt

Konfetti, viereckige Augen und jede Menge Begegnungen – Was für ein Spaß! Das 30. Dresdner Filmfest wurde letzte Woche gebührend gefeiert. SPIESSER-Autor Vincent hat sich es in mehreren Kinosesseln bequem gemacht. In einer österreichischen Tragikomödie hat er seinen Festival-Liebling gefunden.

27. April 2018 - 09:25
SPIESSER-Autor Kalendermensch.
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Kalendermensch Offline
Beigetreten: 14.12.2015

Eigentlich bin ich weitestgehend Anti-Fashionist, wenn es um Nachbesprechungen diverser (Charity-)Galas geht, die in der Regenbogenpresse zu lesen sind. Mich nervt das einfach, diese übertriebenen Rezensionen von Abendkleidern und Ausschnitttiefen á la „Das lässt tief blicken“. Jedenfalls hat mich das Filmfest Dresden des Besseren gelehrt. Was für eine komische Überleitung? Wartet’s ab.


Nach diesem Filmfest können wir alle wieder an die Zukunft
glauben.

Journalistin Jenni Zylka, über die bekannt ist, dass sie bei der Berlinale mit George Clooney in der VIP-Lounge chillt, moderierte die Verleihung der Goldenen Reiter am Samstag. Diese bekamen Filmemacher, die besonders großartige Arbeiten vorgestellt hatten. Zylkas Kleid – ein Pailletten-Prunkstück. Diese Überleitung war nötig, denn es setzt eine schöne Pointe zur vergangenen Woche: das Dresdner Filmfest zeigte dieses Jahr schillernde, knallige, demonstrative und mitunter auch nebulöse Streifen zu unerschöpflichen Themen.

Pedicure, maybe?

„Entschuldigung, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin“ heißt mein Liebling (Nationaler Wettbewerb Nr. 4). Lasst euch den Titel mal auf der Zunge zergehen. Da hat jemand feinen Humor. Der 23-minütige Spielfilm ist in einem Wellnesshotel in Tirol angesiedelt, das von den Alpen umgeben ist. Aron, ein junger Schwede, ist dort eigentlich auf Pärchen-Urlaub. Eigentlich. Seine Freundin verschwindet nach einem Streit ums Mineralwasser (!) spurlos. Bei der Pediküre ist sie nicht. Er sucht sie und dabei eventuell sich selbst, den Tischtennisraum jedenfalls auch.

Der österreichische Regisseur Bernhard Wenger konstruiert ein steriles Kammerspiel der besonderen Art, da er Wellnessurlaub als eine Skurrilität an sich betrachtet. Dabei achtet er auf die kleinsten Details und schafft wunderbar spleenige, fast schon verstiegene Bilder. Detailreich und mit ruhiger Kamera wendet er sich seiner stillen Hauptfigur zu, erzählt mit einfachen Mitteln große Geschichten. Etwa als Aron seinen Pullover nicht über den Kopf gezogen bekommt, ein Kurgast den Sprung in einem Schwimmreifen knapp verfehlt oder auch musikuntermalte Wassergymnastik mit Senioren. In der Familie, die Brötchen vom Frühstück heimlich in ihre Wanderrücksäcke packen, erkennen wir uns spätestens wieder.


„Entschuldigung, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin“: Wellnessurlaub als eine Skurrilität an sich

Live-Karamellisieren

„Ich fürchte, wir haben das gar nicht bestellt“, sagt der spontane Freund Arons, während der Kellner ihm seine Crème brûlée live karamellisiert. Zusammen trinken die beiden Bier im violetten Entspannungsraum mit Bordellcharme, der mit atypischen Massagesesseln bestückt ist. Die Therme, in der diese Szene gedreht wurde, schreibt: „Tauchen Sie in eine Welt aus Klängen, Farben, Düften und Schwingungen ein.“ Alles klar. Das ist so abstrus, das es Spaß macht. Weil jeder diese Bilder kennt, nur hat sie noch keiner so attraktiv gefilmt. Nun stellt sich die Frage: Ist diese Welt ironisch zu sehen oder Realität? Machen wir so etwas wirklich? Wohl schon. Den Spiegel vorhalten, das wollen doch immer alle. Einen Goldenen Reiter gab es trotzdem nicht. Schade, denn „Entschuldigung, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin“ ist eine ästhetisch anspruchsvolle Tragikomödie mit skurrilen Szenen, die aus Leichtigkeit im Gedächtnis bleiben. Übrigens, Spoiler-Alarm: den Tischtennisraum findet Aron. Seine Freundin war schon längst über alle Berge.


Tschüss, Filmfest Dresden, bis nächstes Jahr!

Dieser Streifen ist nur ein Beispiel von vielen Höhepunkten der 30. Ausgabe des Filmfests Dresden. In welchem Screening auch immer – jedes hatte seinen eigenen Puls. Menschliche sowie filmische Nervensägen gab es auch, wie immer. Kurzfilm wird expressiver, mutiger, differenziert sich von dem Konventionellen. Schlagen wir abschließend den Bogen zu Pailletten-Zylka bei der Preisverleihung. Ihr entwich nicht nur ein ulkiger Kabelbinder-Satz, sondern auch dieser: „Wenn ich junge Leute sehe, die schlaue Laudationen halten, dann fange ich an, wieder an die Zukunft zu glauben.“ Nicht nur dann. Denn nach diesem Filmfest können wir alle wieder an die Zukunft glauben.

 

Text: Vincent Koch
Bildmaterial: Filmfest Dresden, Oliver Killing, Dada Lin

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