Kolumne

Ich sporte,
also bin ich!?

Wir müssen alle gesund sein, und schön, und zwar sofort! Und da die meisten von uns ihre
Arbeit am Schreibtisch erledigen, wenn uns vorher die Maschinen nicht komplett ersetzen, bleibt uns nur der Sport. Als Millennial gehe ich natürlich nicht zum örtlichen Sportverein auf aschebedeckten Bolzplätzen kicken; ich gehe auf Instagram!

16. Juni 2016 - 13:09
SPIESSER-Autor Henk Marzipan.
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Henk Marzipan Offline
Beigetreten: 22.01.2014

Einfach Sport machen kann ja jeder. Im Zeitalter der großen Social-Media-Selbstinszenierung ist mein Sport ein Ausdruck meiner selbst. Genau wie mein Chai-Soja-Latte auch. Warum soll ich Sport machen, wenn mich nicht jeder dabei sehen kann? Image! Image! Image! Dennoch brauche ich einen Ort der Pein, der als Hintergrund für mein neues, gesünderes und überhaupt besseres Ich dient: das Fitnessstudio!

Was früher der Bolzplatz, ist heute das Studio. Laut Werbung treffen sich hier schöne Menschen mit schönen Körpern, um eben diese noch schöner zu machen. Dafür bezahle ich pro Monat lediglich so viel, wie für meinen Handyvertrag. Und dabei hat die Mitgliedschaft lediglich die Laufzeit einer durchschnittlichen Ehe! Ein Schnäppchen!

In diesem neuen Umfeld findet mansich leicht ein: Auf Laufbändern stehen schwitzende Menschen und starren auf Bildschirme. Auf mit Handtüchern bedeckten Geräten sitzen Menschen und starren auf ihr Handy. Vor einer scheinbar einzig zu diesem Zweck dienenden Spiegelwand – ich nenne sie Selfie-Wall – posen fleischgewordene Marmorstatuen in knapper Kleidung und setzen Po, Brust und Bizeps in Szene. So haben sich die Erfinder des Trimm-Dich-Pfades die Zukunft sicher nicht vorgestellt.

Zeit für eine kleine Sozialstudie: Zunächst hätten wir da die Instagram-Poserin. Man könnte meinen, sie sei fertig mit dem Fitnessstudio und könne nun gehen: Sie hat einen sensationell flachen Bauch, gestählte Schenkel und ernährt sich scheinbar lediglich von pinken Protein-Smoothies. Niemand kann sich ihren Körper erklären, da sie, ist sie einmal angeschwitzt, stundenlang für das perfekte Selfie posiert. Die Ergebnisse stellt sie stolz im Netz zur Schau. 257 völlig fremden Menschen gefällt das.

Nicht weit entfernt, der Club-Pumper. Einseitig auf den Oberkörper fixiert, denn „Beine kannste im Klub nicht sehen, weissu?!“, sieht dieses Exemplar aus wie ein Ballontierchen. Das Muskelshirt bedeckt eigentlich nichts außer den Brustwarzen. Nicht nur der Klub, auch das Fitti ist für den Club-Pumper Jagdrevier. Er ist der lebende Beweis, dass man auch im Amateursport über Doping-Kontrollen nachdenken sollte. Der Bizeps sieht nicht legal aus.

In einer stillen Ecke ist wohl der gefährlichsteVertreter des Biotops: Der Urmensch. Der Urmensch ist zweimeterzehn im Quadrat. Zwischen seinen Sets ernährt er sich von Quark mit rohen Eiern und Schrauben. Seine Urlaute durchbrechen die Stille. Ein Schrei, ein Grunzen und er hält das Gewicht eines Kleinlasters auf den Schultern. Er meint es ernst. So ernst, dass er sich sein T-Shirt ausgezogen hat. Die Pfütze zu seinen Füßen unterstreicht seine Entschlossenheit. Er trägt Bart.

Nun komme ich doch ins Schwitzen. Ich sage nur: Fitnessstudio-Vertragslaufzeit von 36 Monaten. Vielleicht fühle ich mich hier doch nicht so wohl. Ich gehe stark davon aus, dass jede Muckibude fest die Inkonsequenz des Menschen einberechnet. Man stelle sich mal vor, jeder, der sich mit seinen Neujahrsvorsätzen an ein Studio bindet, bis dass der Tod sie scheide, würde auch wirklich hingehen.

Es wäre eng wie bei Hühnern in Käfighaltung. Oder Laborratten im Laufrad. Vielleicht bin ich da doch lieber so der Läufer-Typ. Mein evolutionärer Vorteil wäre, dass ich schnell wegrennen kann. Das kann ich auch draußen machen. Und die Fotos wirken im Sonnenlicht doch eh viel besser.

Text: Henric Abraham
Teaserbild: Anja Nier

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