Kolumne

Im Lebensfrühling überwinten

Die Pubertät. Für die meisten von euch sicher, ebenso wie für mich, eine Zeit in Ketten gelegt. Vor allem, was die Zähne anbelangt. Mündig werden und Zahnspange tragen – da sind Probleme vorprogrammiert.

30. März 2017 - 10:16
SPIESSER-Autor Der Mann den Sie Pfirsich Nannten.
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Der Mann den Sie Pfirsich Nannten Offline
Beigetreten: 24.04.2015

Apropos Digitalisierung – sie macht natürlich auch vor der Pubertät nicht halt. Gottseidank! Sexuelle Aufklärung kann jeder Teenager selbstbestimmt, wenn auch realitätsfern, online als Unterrichtsvorbereitung erledigen. Wer in der Schule gemobbt wird, kann im Internet andere mobben. Und um zu sehen, ob man cool ist, vergleicht man morgens die Klamotten einfach kurz mit seinem Instagramfeed. Und in fünf Jahren dann Pubertät 4.0: Einfach mit der Virtual Reality-Brille die ganze Phase realitätsflüchten und die Eltern können sich als kostenpflichtiges Add-On einfach ein sorgenfreies Kind in die augmented Realität herunterladen. Parentship24.

Zurück in die Gegenwart. Denn in dieser spüren wir bereits die ersten Schattenseiten des Immer-online-Status: Der Vergleich mit anderen ist immer da, in der Hosentasche. Die Vorbilder sind immer öfter selbst noch in der Pubertät und das Orientieren in der sich schnell drehenden Welt ist schwindelerregend. Wohlmöglich taumeln auch deshalb immer mehr Menschen immer länger mit dem Wunsch des ewigen Jungseins durch die Gegend. Das Heranreifen wird uns der technologische Fortschritt nicht abnehmen. Google Maps hilft nicht beim Suchen des Wegs zu sich selbst. Es gibt keine klaren Meilensteine im Leben mehr, die signalisierten, dass der Übergang von jugendlich zu erwachsen erfolgt ist. Bei den Mädchen war es früher die Heirat. Bei den Jungen die Wehrmacht. Beiden gesellschaftlich akzeptierten Adoleszenz-Schwellen weine ich keinesfalls nach, aber dennoch ist die gewonnene Freiheit der jugendlichen Phase nun auch frei von festen Orientierungspunkten. Wir müssen selbst bestimmen. Wann ist man denn überhaupt raus aus der Pubertät? Ich dachte damals, dass man dieses Stadium automatisch mit dem ersten Sex beendet. Vielleicht werden die aufgezeichneten Daten unseres Verhaltens ja irgendwann genutzt, um ein Statuslevel des Erwachsenseins per Handy abrufen zu können.

Was genau das alles bewirkt, das wird man erst in ein paar Jahren sehen. Fest steht, dass die Phase der Pubertät sich zwar ausdehnt, die Entwicklung von einem Jahrgang Pubertierender zum nächsten allerdings an Geschwindigkeit gewinnt. Generationen erneuern sich in immer kürzerem Zeitrahmen und der Pubertierende von morgen wird mit dem Pubertierenden von heute nur das Gefühl, die Gedanken, die Zweifel und den stummen Schrei nach Liebe teilen. Zu meiner Zeit war das ABC der Pubertät nämlich noch Alkopop, Bravo-Zeitschrift (die Seiten ganz hinten) und Clearasil. Inzwischen ist es wahrscheinlich: After-Sex-Selfies, Body-Attack-Kurse und Cybermobbing. Und so geht’s ewig weiter.

Und nun entschuldigt mich, ich höre mir jetzt den Song zu unserem Heftthema von Rockstah an. Wenn er Recht hat, komme ich vielleicht in drei Jahren wieder in die Pubertät. Yay.

Text: Christian Schneider
Teaserbild: Anja Nier

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