Winter 2019: Lifestyle & Technik

In einer Woche zur digitalen Minimalistin

Minimalismus liegt voll im Trend. Dessen Devise: Weniger ist mehr. Je mehr Zeit wir in der digitalen Welt verbringen, desto mehr Kram sammeln wir auch dort an. In einem Selbstexperiment stellt sich SPIESSER-Autorin Veronika ihrem persönlichen Datenwahnsinn.

25. November 2019 - 15:53
SPIESSER-Autorin Cherilia.
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Cherilia Online
Beigetreten: 04.08.2012

Das Aufräumen fällt mir schwer. Nicht nur mein Schreibtisch, auch Laptop und Smartphone versinken im Chaos. Inmitten dieser Reizüberflutung habe ich immer mehr Probleme, den Überblick zu behalten. Statt die Vorteile zu genießen, die mir die digitale Welt bietet, verzettele ich mich nur noch. Zeit für ein radikales Experiment oder „Aufräumfest“, wie es Aufräum-Coach Marie Kondo nennen würde. Fünf Tage lang nehme ich mir jeweils einen digitalen Datenstapel vor. Nach der Konmari-Methode soll am Ende nur das übrig bleiben, was eine Funktion erfüllt oder mich glücklich macht.

Tag 1: Laptop- und Smartphonebildschirm

Ich beginne den Tag mit dem Hörbuch zu Marie Kondos „Magic Cleaning“. Sie schwärmt mir von einem besseren Leben vor, für das ich nur einmal richtig aussortieren müsse. Beim Anblick meines Computer-Desktops glaube ich ihr. Dort tummeln sich so viele kleine Icons, dass ich das Urlaubsfoto dahinter nicht mehr sehe. Ich verschiebe dorthin gern Dokumente, um sie schnell zur Hand zu haben. In diesem Chaos klappt das jedoch überhaupt nicht. Ich lege sie also lieber wieder in den Ordnern ab, aus denen sie kamen.

Auf mein Smartphone kann ich diese Regel jedoch nicht anwenden. Von Marie Kondo habe ich gelernt, dass selbst die praktischsten Ordnungssysteme uns oft austricksen, indem sie uns eine Ordnung bloß vorgaukeln. Genauso geht es mir mit den Ordnern, in denen ich mein buntes Sammelsurium an Apps versteckt halte. Ich entferne radikal alle Ordner und ordne die Apps nach Wichtigkeit und Funktionen – nicht nach Prokrastinationsmöglichkeiten.


Erleichtern euch Apps das Leben? Oder lenkt euch euer Smartphone-
Chaos eher ständig ab? Autorin Veronika findet: Es wird Zeit für ein
digitales Aufräumfest!
Tag 2: Löschen von Apps und Programmen

Die erste Tat am Morgen ist – zugegeben immer – der Blick aufs Smartphone. Ausnahmsweise aber wische ich begeistert hin und her. Ich bin zufrieden mit den Entscheidungen des gestrigen Tages. Das Schwierigste beim Löschen der Apps ist es, ehrlich zu mir zu sein: Die Workout-App, die ich nie ernsthaft benutzt habe, sowie ungeöffnete vorinstallierte Applikationen können weg. Als Letztes lösche ich Spiele, mit denen ich mir Zeit vertreibe, die ich viel lieber zum Lesen nutzen möchte.

Was die Computerprogramme angeht, kann ich nicht so stark sein. Immer wieder versuche ich, Die Sims zu löschen, scheitere dann jedoch an der alles entscheidenden Frage: „Möchten Sie „Die Sims 4“ wirklich deinstallieren?“ Ob mich dieses Spiel glücklich macht, kann ich nicht sicher sagen. Genügen nostalgische Gründe, um es zu behalten? Statt es zu löschen, beginne ich mal wieder eine Defragmentierung und freue mich darüber, dass mein Laptop jetzt für mich aufräumt.

Tag 3: Social-Media-Abonnements

Heute werde ich mich ein Stück weit von Marie Kondo entfernen müssen. Ihre Methode erlaubt nämlich kaum Ambivalenz: Behalten darf ich etwas wirklich nur dann, wenn ich es ansehe und Glück verspüre. Was soziale Medien angeht, bin ich mir da nie ganz sicher. Ich schätze sehr, dass ich auf Instagram inspirierende Kunst entdecken, auf YouTube vegane Rezepte lernen und auf Facebook mit Freundinnen in Kontakt bleiben kann. Trotzdem bin ich oft genervt von dem Sturm an Informationen und Bildern, die mich täglich erreichen. Löschen will ich meine Accounts nicht – aber ich kann entscheiden, was ich mir anzeigen lasse. Ich trenne mich von allen Abos, die ich nur anklicke, wenn ich mich gerade dringend ablenken möchte. Das gilt auch für Menschen, denen ich nur folge, weil wir dieselbe Schule besucht haben. Allein dadurch lässt sich eine beachtliche Flut an Posts verhindern. Auch hier zahlt sich Ehrlichkeit aus. Ich kann niemals alle Buchempfehlungen in den zahlreichen Instagram-Storys lesen. Ein oder zwei Koch-Channels auf YouTube genügen, sonst komme ich mit dem Nachkochen nie hinterher. Außerdem stelle ich jegliche Notifications ab und nehme mir für den Rest der Woche vor, erst meine To-Do-Liste abzuarbeiten, bevor ich mich auf YouTube begebe.


Über 3.300 unsortierte E-Mails – Autorin Veronikas
digitale Postfächer quollen förmlich über und
stellten sie vor strikte Entscheidungen.
Tag 4: E-Mails und Nachrichten

3.385 E-Mails befinden sich in meinem Postfach. Alle davon habe ich bereits gelesen, die meisten beantwortet und mindestens die Hälfte ist verjährt – und das ist nur eine Schätzung. Nachdem ich mir die Zahl angesehen habe, verspüre ich den dringenden Impuls, mich lieber auf YouTube zu verstecken. Dreieinhalb Stunden dauert es, die E-Mails auf ein Viertel zu reduzieren. Manches hebe ich auf, weil mir die wiederholte Lektüre Freude gebracht hat, anderes wegen der Anhänge.

Die Nachrichten auf meinem Handy lösche ich wirklich nie. Ich bin schon bereit, aufzugeben,
da fallen mir die Einstellungen ein. Ich entscheide mich für das automatische Löschen aller Nachrichten nach einem halben Jahr. Und dann: Augen zu und durch, denn vermissen werde ich diese Nachrichten höchstwahrscheinlich nicht. Außerdem will ich mich endlich guten Gewissens dieser einen Doku auf YouTube widmen.

Tag 5: Urlaubsfotos

Laut Marie Kondo sollte ich mir das Schwierigste bis zum Schluss aufheben: Erinnerungsstücke. Bevor man sich an diese herantraut, sollte man schon einige Übung im
Aufräumen haben. Ich fühle mich selbst nach den vielen E-Mails nur wenig vorbereitet. Die Schwierigkeit besteht darin, sich nicht vom Schwelgen in der Vergangenheit ablenken zu lassen. Ich muss also systematisch vorgehen und mich daran erinnern, warum ich das hier mache: damit ich mich ungestörter an schöne Zeiten erinnern kann. Wann immer ich das möchte, verbringe ich unendlich viel Zeit damit, die besten Fotos davon zu suchen. Das führt dazu, dass ich es oft einfach nicht tue. Doch wie wäre es, tatsächlich nur die besten Fotos zu besitzen? Ich lasse mich von diesem Gedanken anspornen. Akribisch schaue ich mir die Fotos an und versuche, die besten Perspektiven herauszufinden. Manchmal mache ich zwischendurch Pause und teile einige Fotos mit Freunden, die auf diesen Reisen dabei waren – diese Ablenkung würde sogar Marie Kondo erlauben. Am Ende habe ich einen schönen Tag in meiner Vergangenheit verbracht.

Tag 6: Der Tag danach

Heute fühlt sich nicht an, als beginne der erste Tag vom Rest meines Lebens. Das ultimative
Befreiungsgefühl lässt wohl noch auf sich warten. Das Ausmisten im digitalen Bereich sehe ich eben nicht auf den ersten Blick, wenn ich mir meine Wohnung ansehe. Man wird nicht von einem Tag zum anderen zur glücklichen Minimalistin. Es braucht eine Haltung, die man aus sich selbst heraus entwickelt und die einem keine Aufräumexpertin erklären kann. Es gibt keine Regeln, die man nur befolgen muss, um das eigene Glück zu finden. Das würde das eigentliche Ziel verfehlen.

Marie Kondo
Marie Kondo ist eine japanische Ordnungsberaterin. In ihrem internationalen Bestseller „Magic Cleaning“ vermittelt sie Wissen aus langjähriger Berufserfahrung und verspricht, mit der einfachen Konmari-Methode jedem Menschen zu mehr Ordnung verhelfen zu können. „Konmari“ verweist dabei auf ihren Namen und steht dafür, sich jedes einzelne der eigenen Besitztümer genau anzusehen und nachzuspüren, ob es einen noch mit Glück erfüllt.

 

Text von Veronika Hofmann, 24, studiert Philosophie und Literatur. Sie liebt Ordnung, hasst jedoch das Aufräumen.
Fotos von Sara Lodeserto (Rowdygraphie) versucht sich digital zu ordnen, indem sie misslungene Fotos vom Handy regelmäßig löscht.
Teaserbild: Paula Hohlfeld

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Kommentare

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  • mclovin
    Nachgefragt

    Dank Papprequisiten und halbwitzigen Gags

    Mit „Lifestyle“ assoziiere ich vor allem Sandstrand und braungebrannte Oberkörper. Dabei ist die eigentliche Wortbedeutung viel breiter gefächert! Grund genug, mein Schubladendenken zu überwinden und mich mit anderen Lebensstilen auseinanderzusetzen. Wie wär’s denn

  • Kevin Groth
    Nachgefragt

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  • maxiise
    Kolumne

    Die Karten sind gelegt: Das war es für Bares

    Mal ehrlich: Bargeld ist so modern wie der Dieselmotor, Atlanten oder Telefonzellen. Eine Zukunft hat es in einer digitalen Welt nicht. Zeit loszulassen, auch wenn das „dem Deutschen“ schwerfällt.

  • lara.sc
    Winter 2019: Lifestyle & Technik

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