Kinofeeling

Kinofeeling: Das Vorspiel

Anna kämpft als Geigenlehrerin mit den Wünschen und Chancen des eigenen Lebens mal unentschlossen, mal zweigespalten, mal verzweifelt. SPIESSER-Autorin Stephanie hat sich das Drama mit starkem Bezug zur klassischen Musik angesehen, für sie selbst überraschenderweise mit viel Entsetzen und Mitgefühl.

23. Januar 2020 - 17:25
SPIESSER-Autorin Kirschblütenrot.
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Kirschblütenrot Offline
Beigetreten: 18.06.2015

Worum geht’s?

Der Film handelt von der Geigenlehrerin Anna Bronsky (Nina Hoss), welche den ihrer Meinung nach talentierten Alexander (Ilja Monti) im Musikgymnasium zu Bestleistungen antreibt. Doch dabei vernachlässigt sie ihren Sohn Jonas (Serafin Mishiev), der ebenfalls Geige spielt und betrügt zudem ihren Mann Phillipe (Simon Abkarian) mit ihrem Kollegen Christian (Jens Albinus).

Lasst euch von dieser zugegeben etwas langatmig anmutenden Handlung nicht täuschen. Denn „Das Vorspiel“ wirkt in keiner Sekunde überzogen, die Charaktere werden glaubhaft beleuchtet und lassen viel Raum zur Entwicklung. So muss sich Anna mit ihren eigenen Versagensängsten herumschlagen und sieht sich mit dem immer aufmüpfigeren Verhalten ihres Sohnes konfrontiert. Das gesamte Stück spitzt sich auf eine Tragödie zu, die, wenn es dann soweit ist, euch nicht kaltlassen kann und wird.

Wer spielt mit?

Die Schauspielerin Nina Hoss wurde bislang zu Recht mit Preisen nahezu überschüttet. Nina Hoss war bereits mit „Die Weiße Massai“ im Kino erfolgreich und ist unter anderem in „Homeland“ und „A Most Wanted Man“ zu sehen. Simon Abkarian ist ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt, für viele dürfte er als Alex Dimitros aus „James Bond: Casino Royale“ bekannt sein. Der dänische Schauspieler Jens Albinus ist weit über die Grenzen seines Landes durch „Deutschland 83“ oder die Hauptrolle in der Serie „Der Adler“ namhaft. Ilja Monti brilliert hier mit seiner ersten Filmrolle, während Serafin Mishiev bereits in „So viel Zeit“ mitspielte.

Filmischer Augenschmaus?

Während sich die meisten Actionfilme vor schnellen Kamerafahrten, vielen Dialogen und allerlei Handlungsstränge nicht retten können, nimmt sich Ina Weisse die Zeit, ihre Charaktere dem Zuschauer nahe zu bringen. Obwohl im Vordergrund die klassische Musik steht, ist dieser Film in vielen Momenten trotz gelungener musikalischer Untermalung sehr leise und lässt Bilder für sich sprechen. Durch die Achtsamkeit, die dadurch entsteht, kann man den Film einfach nur als schön empfinden, obwohl er die hässlichen Seiten des Lebens beleuchtet.

Vielleicht liegt das an dem zusätzlichen wunderschönen Klang der französischen Sprache, welche zum Teil, selbstverständlich untertitelt, ihren Platz in dem Film einnimmt.

Auf einen Blick
Action: 
Romantik: ✪ ✪
Humor: ✪
Niveau: ✪ ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪ ✪
Gibt’s was zu meckern?

Es sind die kleinen, stillen Momente, die ihr verfolgen solltet, um das gesamte, wirkliche Bild der Familie zu erhalten. Das Schweigen der Protagonisten auf so scheinbar einfache Fragen, der harte Ton des Vaters und die nur angedeutete Affäre könnt ihr nur intensiv erleben, wenn ihr hochkonzentriert auf jede einzelne Szene achtet.

Zudem wäre es vorteilhaft, wenn ihr euch ein wenig im Notenlesen auskennt. Aber keine Sorge, auch ich, die dem Instrument Geige bislang nichts abgewinnen konnte und musikalisch höchstens die Triangel betätigen kann, habe den Film begeistert verfolgt.

Braucht man Taschentücher?

„Das Vorspiel“ erzeugt Wut, Verzweiflung, Unverständnis. Taschentücher braucht ihr da nicht.

Mit wem angucken?

Ihr werdet den Film schwermütig und diskussionsfreudig verlassen. Daher lohnt sich der Besuch mit Freunden, die Liebhaber von Klassik, französischer Sprache oder Dramen sind.


Nina Hoss als Anna Bronsky und Ilja Monti als Alexander Paraskevas
Was macht man danach?

Besonders glücklich werdet ihr den Kinosaal nicht verlassen. Denn Nina Hoss schafft es, ihre Zerrissenheit so gekonnt darzustellen, dass man nicht weiß, ob man sie nun lieben oder hassen kann. Der Film wird euch länger beschäftigen, ebenso die Frage, ob man sich, wenn es bislang noch nicht geschehen ist, nicht vielleicht doch im musikalischen Bereich betätigen sollte.

In drei Worten:

Laut, doch leise.

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Der Film lebt nicht nur von seiner Musik, sondern auch von seiner Stille. Daher ist an dieser Stelle der Besuch eines kleinen Independent-Kinos oder der heimische Bildschirm zu empfehlen.

Mainstream oder Independent?

Ich kenne keinen vergleichbaren Film, der es wagt, ein Klassikthema auf die große Leinwand zu bringen und dann die mit unglaublicher Sorgfalt ausgewählten Schauspieler in jeglichen Momenten der Verzweiflung und Hoffnung so grandios erscheinen zu lassen.

Das Vorspiel

Regie: Ina Weisse
Darsteller: Nina Hoss, Simon Abkarian, Jens Albinus, Sophie Rois, Ilja Monti, Serafin Mishiev
Kinostart: 23. Januar 2020
Filmlänge: 99 Minuten
Genre: Drama,
FSK: 12

 

 

Text: Stephanie Schulze
Bildmaterial: Judith Kaufmann / Port au Prince Pictures

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