Kinofeeling

Eine moralische Entscheidung

Dieser Film des iranischen Regisseurs Vahid Jalilvand beschäftigt mit dem tragischen Tod eines kleinen Jungen. War er verhinderbar? Wer trägt überhaupt die Schuld? Es sind Fragen wie diese, aus denen sich ein zutiefst spannender moralischer Zwiespalt rund um Trauer, Leid, Rache und Schuld entspinnt.

20. Juni 2019 - 14:30
SPIESSER-Autor mclovin.
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mclovin Offline
Beigetreten: 27.05.2019

Worum geht's?

Kaveh Nariman ist Gerichtsmediziner. Eines Abends wird er von einem Auto auf den Straßen Teherans geschnitten. Aus Reaktion fährt er eine Ausweichbewegung und beachtet das, neben ihm fahrende Motorrad nicht. Es kommt zu einem Unfall, bei dem die vierköpfige Familie auf dem Motorrad zu Fall kommt. Dabei verletzt sich der achtjährige Amir leicht am Kopf. Augenscheinlich scheint alles in Ordnung zu sein, denn bei der schnellen Überprüfung durch Kaveh lässt sich keine Auffälligkeit feststellen. Dennoch drängt er Amirs Vater Moosa dazu, seinen Sohn direkt ins Krankenhaus zu bringen. Obendrein bietet er ihm noch Geld für alle entstandenen Unkosten an, was dieser widerwillig annimmt.

Am nächsten Tag erfährt Kaveh Nariman, dass Amir in seine Klinik eingeliefert wurde. Er ist noch in dieser Nacht verstorben. Seine Kollegin Dr. Sayeh Behbahani diagnostiziert bei der Autopsie zunächst eine Lebensmittelvergiftung durch vergammeltes Fleisch. Allerdings gibt es eine kleine Ungereimtheit, denn am Nacken hatte der Junge eine kleine Beule. Von Zweifeln und Ungewissheit geplagt, gibt sich Kaveh selbst die Schuld am Tod des kleinen Amir. „Ist er nicht doch an den Folgen des Unfalls gestorben?“, fragt er sich immer wieder. Und während er sich auf die Suche nach der Wahrheit begibt, bleiben die Eltern des Jungen in tiefer Trauer zurück. Voller Wut erhebt Amirs Mutter Leila schwere Vorwürfe gegen ihren Mann Moosa, welcher das vergammelte Fleisch mit nach Hause gebracht hat. Dieser hat hingegen eine ganz eigene Art um mit seinem Verlust umzugehen: Rache an dem  Verantwortlichen.

Wer spielt mit?

Für die meisten von euch dürfte der Cast relativ nichtssagend sein. Es spielen ausschließlich Menschen iranischer Herkunft mit. Dementsprechend dürften die Darstellenden eher für Szenekenner und nicht die Normalos unter euch interessant sein. Die Eltern des kleinen Amir werden von Navid Mohammadzadeh (Moosa) und Zakiyeh Behbahani (Leila) verkörpert. Als Dr. Kaveh Nariman agiert Amir Agha’ee. Dessen Kollegin Dr. Sayeh Behbahani wird von Hediyeh Tehrani dargestellt.

 

 

Filmischer Augenschmaus?

Einen Augenschmaus stellt der Film sicherlich nicht dar. Meistens bewegt sich das Geschehen im Krankenhaus, in Autos oder auf den Straßen Teherans. Keine Actionszenen, atemberaubende Landschaften oder Stadtsilhouetten. Dennoch hat der Film seinen eigenen Charme. Dies liegt vor allem daran, dass er interessanterweise einen Einblick in die iranische Gesellschaft erlaubt. Da viele von uns den Iran mit etwas Verborgenem, Mysteriösem oder Exotischem verbinden, ist dies ein frisches und unverbrauchtes Setting in unseren westlichen Gefilden. Ob das nun ansprechend ist, muss man aber für sich selbst entscheiden.

Gibt’s was zu meckern?

Leider ist die deutsche Synchronisation der pure Horror. Da würde es sogar Stephen King eiskalt den Rücken runter laufen. Die Stimmen passen schlichtweg nicht und vermitteln die Stimmung grauenhaft. Das führt dazu, dass die Emotionalität darunter leidet. Falls es möglich ist, solltet ihr den Film also in der Originalsprache sehen. Darüber hinaus stellt der Film ebenfalls den Anspruch, die iranische Sozialstruktur abzubilden. Diese Darstellung habe ich aber eher als oberflächlich wahrgenommen. Das können andere Filme (z.B. „Raving Iran“) dann doch besser. Aber dies ist zu vernachlässigen, wenn man bedenkt, dass das Augenmerk nicht darauf lag, sondern auf dem moralischen Konflikt des Kaveh Nariman.

Auf einen Blick
Action: ✪
Romantik:
Humor: ✪
Niveau: ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪
Braucht man Taschentücher?

Das Drama von Regisseur Vahid Jalilvand ist emotional und bewegend. Die Emotionen und Gefühle der handelnden Personen sind nachvollziehbar und der moralische Zwiespalt um Schuld und Handeln ist bedrückend. Dennoch ist die Geschichte rund um den Tod des kleinen Amir nie so berührend, dass Taschentücher benötigt werden.

Mit wem angucken?

Da der Film die gesamte Aufmerksamkeit vereinnahmt, würde ich empfehlen ihn allein oder zu zweit zu schauen. Mit größeren Gruppen ist die Ablenkungsgefahr einfach zu hoch.

Was macht man danach?

Den (falls vorhanden) eigenen Fleischkonsum gründlich überdenken.

In drei Worten:

Leben, Tod & Schuld

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Selbstverständlich kann man sich den Film im Kino auf einer großen Leinwand anschauen. Dort kommt die Atmosphäre auch besser rüber und man wird nicht so schnell abgelenkt. Als notwendig empfinde ich dies jedoch nicht. An sich genügt auch ein kleinerer Bildschirm wunderbar, um das Geschehen zu verfolgen.

Mainstream oder Independent?

Der Film war zwar der offizielle Kandidat des Irans für den diesjährigen Auslands-Oscar. Dennoch würde ich ihn tendenziell eher in die Independent-Richtung einordnen. Für die westliche Hemisphäre ist das Setting im Iran dann doch zu ungewohnt und wird nicht alle ansprechen.

Eine moralische Entscheidung

Regie: Vahid Jalilvand
Protagonisten: Navid Mohammadzadeh, Amir Agha’ee, Hediyeh Tehrani
Kinostart: 20.06.2019
Filmlänge: 104 Minuten
Genre: Drama
FSK: 12

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Text: Duc Hai Le
Teaserbild: Noori Pictures

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