Kissenschlacht

Du musst viele Frauen bumsen!

Mit solchen Erwartungen können AnnenMayKantereit nicht viel anfangen. Im Interview erzählen Henning, Severin, Christopher und Malte SPIESSER-Autorin Sophie, dass sie nicht an die große Liebe glauben. Sie gehen nicht feiern, sondern saufen im ICE, stehen auf Kuscheln und wollen Frauen nicht mehr so oft auf die Brüste schauen.

19. März 2019 - 09:18
SPIESSER-Autorin sophielorraine.senf.
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sophielorraine.senf Offline
Beigetreten: 07.07.2012

In der Beschreibung eures neuen Albums „Schlagschatten“ heißt es, ihr wärt nun gewissermaßen erwachsen geworden. Fühlt ihr euch auch so?

Henning: Wir sind ja hier, um eine Kissenschlacht zu machen. Deshalb ist das mit dem Erwachsensein natürlich schwierig. (lacht) Auch wenn wir den Text nicht selbst verfasst haben, glaube ich, dass wir reifer, ruhiger und etwas ehrlicher geworden sind. Mittlerweile haben wir weniger das Bedürfnis, Leuten zu gefallen.

Christopher: Ich glaube auch, dass wir uns alle weiterentwickelt haben. Und zwar nicht nur jeder für sich, sondern wir als Band zusammen.

Severin: Das ist wahr. In unserer Produktionsphase hatten wir diesmal auch genügend Zeit, uns auszuprobieren und dadurch besser zu werden. Das zählt ja auch zu einem Entwicklungsprozess dazu.

Ihr seid alle in Köln aufgewachsen und kennt vermutlich die besten Insider-Tipps. In welchen Clubs geht man denn dort feiern? Und wie sieht das aus, wenn ihr nachts einen draufmacht?

Severin: Ich wüsste gar nicht, wann ich das letzte Mal feiern war.

Henning: Mir geht es ähnlich. Vermutlich gehen wir durch unsere Bekanntheit eher weniger feiern als mehr. Für uns ist das stressig, im Club diese „Feierabendaufmerksamkeit“ zu bekommen. Deswegen läuft’s eher auf Homeparties oder Saufen im ICE hinaus.

Malte: Wir haben auch alle ein sehr schönes Zuhause, wo man echt gut Party machen kann. Ansonsten mag ich das „AZ“ in Köln sehr gern. Da gibt es tolle Veranstaltungen mit vielen unabhängigen Bands.

Christopher: Und in der „Wohngemeinschaft“ kann man sehr gut Bier trinken gehen. Dort in der Nähe sind auch noch viele weitere nette Bars. „Goldener Schuss“ zum Beispiel.


Das mit der weiblichen Unterstützung ist nicht nur Gelaber:
Bei ihrer Clubtour gab’s für AnnenMayKantereit Support
unter anderem von Alli Neumann, Amilli und Blond.
Lasst uns mal über eure Musik reden. In euren Songs singt ihr über das Ver- und Entlieben, vermutlich unzählige Male. Glaubt ihr denn überhaupt noch an die große Liebe?

Henning: Ich glaube nicht daran. Ich denke aber, dass man sich krass verlieben kann und das für einen langen Zeitraum. Ich finde es schade, dass oft dieser Druck da ist, der einem abverlangt, so lange wie möglich mit jemandem zusammenzubleiben. Dabei verändern sich Menschen doch. Vielleicht hat man einfach für zehn Jahre eine tolle Beziehung, macht zwei Kinder und danach ist man mit jemand anderem zusammen. Für mich ist das auch ok.

Euer Song „Weiße Wand“ erzählt von Privilegien und Ungerechtigkeit. Wenn ihr etwas an der Jetzt-Zeit verändern könntet, was wäre das?

Malte: Es wäre schön, wenn es keinen Sexismus und keinen Rassismus gäbe. Wenn Menschen nicht verhungern müssten, obwohl eigentlich genug für alle da ist. Wenn jeder sein Leben so gestalten könnte, wie er das gerne möchte.

Henning: Eigentlich braucht man da gar nicht so utopisch zu denken. Momentan versuchen wir, uns im Musikbusiness für ein bisschen mehr Gerechtigkeit einzusetzen. Unsere Band sucht daher vor allem nach weiblicher Unterstützung. Das ist ein ziemlicher Kampf in dieser Männerdomäne, die es Frauen schwermacht, ein- und aufzusteigen. Aber mal ehrlich: Wie geil wäre es, wenn auf allen Festivals genauso viele Bands mit weiblichen Frontpersonen spielen würden wie mit männlichen?

AnnenMay
Kantereit


… ist der Name der derzeit wohl bekanntesten vierköpfigen Indie-Rock-Band aus Köln – und das wortwörtlich. 2011, damals noch zu dritt, formierten Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit den Namen ihrer Band aus den eigenen Nachnamen, als sie innerhalb kürzester Zeit durch Passantenvideos ihrer Straßenmusik über YouTube bekannt wurden. Seither ging es für die Band steil bergauf. Ihr neues und zweites Album „Schlagschatten“ erschien am 7. Dezember 2018 und zeigt die vier Jungs noch einmal von ihrer ernsten und tiefgründigen Seite.

Das trifft ins Herz feministischer Bestrebungen. Schaut man sich die Debatten genauer an, wird es schnell speziell, dann geht es um Abtreibungsgesetze oder die Enttabuisierung der Menstruation. Seht ihr euch denn auch als Feministen?

Malte: Klar. Wobei es natürlich schwierig ist, mit vier Männern hier zu sitzen und darüber zu reden, was alles falsch läuft. Dazu haben wir vielleicht einfach die falsche Perspektive. Wir können nur sagen, dass auch wir Sexismus scheiße finden …

Henning: … und dass wir noch viel lernen müssen. Als junger Mann in einer heteronormativen Gesellschaft hat man sich leider an Ungerechtigkeiten gewöhnt. Aus unserer Perspektive ist es seltsam, zu realisieren, wie viele Privilegien es gibt und dass man oft unterbewusst Leute diskriminiert. Daraus auszubrechen und sich zu verändern, fühlt sich manchmal wie ein Kampf an. Zum Beispiel wenn man merkt, wie oft man als junger Mann auf Brüste guckt. Sich vorzunehmen, das nicht mehr zu tun – und daran aber auch manchmal zu scheitern –, kann unheimlich frustrierend und anstrengend sein. Trotzdem ist es wichtig, nicht aufzugeben, sondern weiter zu probieren.

Ein aktuell sehr präsenter Begriff ist „Toxic Masculinity“. Stark vereinfacht: Ein gesellschaftliches Konzept von Männlichkeit, in dem Emotionen wie Zärtlichkeit oder Schwäche keinen Platz haben. Leidet ihr unter solchen Rollenbildern?

Christopher: Vielleicht unterbewusst. Natürlich sind wir als Musiker in einer privilegierten Situation. Als Künstler werden uns mehr Freiräume und Möglichkeiten zum Andersdenken zugesprochen. Manchmal passiert es aber gerade aufgrund der großen Öffentlichkeit, dass bestimmte Ansprüche an uns herangetragen werden.

Henning: Zum Beispiel, wenn es heißt: „Du musst viele Frauen bumsen.“ Ähm, wie bitte?

Christopher: Wenn das aber genug Leute sagen, macht man sich Gedanken darüber, weil es verunsichert. Ein bisschen drückt das auch unser Song „In meinem Bett“ aus. Darin erzählen wir davon, wie schön es sein kann, Zärtlichkeiten auszutauschen, bei denen es nicht darum geht, sich pornomäßig zu befriedigen.

In euren Songs gibt es scheinbar nichts Ungesagtes, ihr legt darin eure intimsten Gefühle und Gedanken offen. Worüber würdet ihr nie singen?

Christopher: Wahrscheinlich würden wir nie einen Disstrack schreiben. Bei einem lustigen Song über „Von Wegen Lisbeth“ käme sicher eine schlagfertige Antwort zurück, aber Songs mit unnötigen Beleidigungen passen zu keinem von uns.

Henning: Das stimmt. Trotzdem muss ich dir widersprechen, denn ich finde, dass es sehr viele ungesagte Dinge in unseren Texten gibt. Zum Beispiel singe ich in „Marie“: Ich habe sehr lange keine Mutter mehr und mein bester Freund ist zu jung gestorben. Dabei erzähle ich aber bewusst nicht, warum oder wie es dazu kam.

Trotzdem finde ich eure Musik erstaunlich ehrlich ‒ in meinen Augen geht sie damit sehr tief.

Malte: Das ist ein großes Kompliment, denn daran sieht man, dass wir einen Raum schaffen können, in dem wir private Dinge aussprechen, auch wenn für uns nicht jedes Detail davon in die Öffentlichkeit gehört.

Henning: Dazu fällt mir gerade die Geschichte zu einem Song ein: „Sunny“. Wir haben das Lied fünf Jahre lang bei jedem Auftritt gespielt, aber auch schon einmal auf einer Beerdigung. Das wussten damals nur wir. Während die Zuschauer dachten: Ey, geiles Cover, lass mal tanzen – war es für uns ziemlich krass, das Lied in einen Auftritt zu integrieren. Wir standen also auf der Bühne und das Ungesagte war nur zwischen uns.


Wem AnnenMayKantereit gerne mal ihre Gefühle gestehen würden? Ihrem Manager Carlo – für all seine vor der Öffentlichkeit verborgene Arbeit hat er ein ehrliches Danke verdient.

Text: Sophie Lorraine Senf
Fotos: Michael Kuchinke-Hofer
Kamera & Schnitt: Paul Henschel

Teaserbild: Lena Schulze

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