SPIESSER unterwegs

Kreativschmiede im rauen Norden

Als mir eine Freundin davon erzählte, konnte ich es nicht so recht glauben: Eine isolierte Inselgruppe im Nordatlantik veranstaltet ihren eigenen Music Award? Bei mehr Schafen als Einwohnern? Ganz klar, ich musste dorthin.

04. Mai 2018 - 10:24
SPIESSER-AutorIn max_marian.
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max_marian Offline
Beigetreten: 24.04.2018

„Wir sind jetzt 100 Meter unter dem Meer.“ Ich schrecke hoch. Draußen schrammen schummrig beleuchtete, karge Felswände vorbei. Ich fühle mich benommen. Gedämpfte Stimmen bahnen sich einen Weg in mein Bewusstsein. Das Fenster spiegelt mein zerknittertes Gesicht wieder. Ich muss eingeschlafen sein. Wo bin ich – Hamburg? Elbtunnel? Nein. Langsam kehrt die Erinnerung an die letzten Stunden zurück: Bahnhof Hamburg. Flughafen Kopenhagen. Warten am Gate 43. Flugnummer RD725. Destination Färöer-Inseln. Färöer-Inseln!


Leuchtturm Tórshavn

„Der Tunnel verbindet zwei der 18 Inseln hier. Wir sind gleich wieder draußen. Auf welche Band freut ihr euch eigentlich am meisten?“ Im Profil erkenne ich Olivur – den Mann mit den kurzen roten Haaren. Er ist so freundlich, uns vom Flughafen in die eine Stunde entfernte Hauptstadt, nach Tórshaven zu shuttlen. Die Landschaft ist bizarr. Die Vegetation ein braun-grüner Brei aus Moosen und Gräsern, der sich über die Umgebung ergossen hat. Vereinzelt kleben Schneefelder an Felsenhängen. Nebelfelder verhindern Fotoausblicke. Es regnet. Menschliches Leben scheint hier unmöglich zu sein. Umso verwunderlicher ist es, dass die Inseln nicht nur bewohnt sind, sondern auch noch ihren eigenen Music Award veranstalten. Wie kann es sein, dass nur 50.000 Einwohner so viel Musik hervorbringen? In dieser Umgebung – Depressionen als Kreativquelle?!

Tradition und Einsamkeit

Erste Antworten darauf bekomme ich wenig später im Plattenladen vom färöischen Label TUTL. Unsere kleine internationale Delegation aus Journalisten und Musikbranchen-Leuten sitzt im Halbkreis um Labelgründer Kristian Blak herum. Der sympathische Graubärtige ist selbst Musiker und passionierter Erzähler. Erste „Bands“ hätten sich bereits im 18. Jahrhundert in Form von Ringtänzen auf den Inseln etabliert. Eingehakt bewegten sich so bis zu 5.000 Personen tanzend und singend im Kreis. „Diese Tradition des Musikmachens wurde von Generation zu Generation weitergegeben und ist somit einer der Hauptgründe für die heutige musikalische Vielfalt“, erklärt Blak. Das Label hat mittlerweile über 50 Bands unter Vertrag und bildet Musik von Klassik bis New Metal ab.


Band „Ólavur á Váli“ auf dem FMA

Ok, Punkt eins: Musiktradition. Und welche Rolle spielt jetzt die allgegenwärtige Natur?
Ich entscheide mich für eine kleine Wanderung, um ein Gespür dafür zu bekommen und wähle den Weg zur „Sklaven-Klippe“. Eine Wikingersage überliefert, dass die Sklaven der damaligen Inselbewohner über diese Klippe hinab ins Meer und damit in den sicheren Tod gestoßen wurden. Als ich oben ankomme, bricht glücklicherweise die Sonne durch die Wolken. Ich stehe direkt am Abgrund, kein Mensch ist zu sehen. 400 Meter unter mir klatscht der Nordatlantik rau gegen die Felsen. Der Blick reicht weit über das Meer und die anderen Inseln hinweg. Ich kann die Einsamkeit förmlich schmecken. Auf dem Rückweg treffe ich zufällig auf Per. Er ist Schlagzeuger für verschiedene Bands und erklärt sich die Kreativität der Musiker vor allem mit der Abgeschiedenheit der Inseln. Man sei räumlich abgekapselt, das schaffe einen ganz eigenen kreativen Spirit.

Music Award ohne Allüren

Zwei Stunden später nehme ich schließlich auf der Zuschauertribüne des Färöer Music Awards Platz und bin gespannt wozu dieser „Spirit“ fähig ist. Der Saal ist in blau-violettes Licht getaucht. Das Programm beginnt mit Mattias Kapnas, einem Solopianisten. Mit weiteren neun Acts folgt eine musikalische Mischung aus Pop, Country, Jazz und World. Die gesamte Veranstaltung kommt in färöischer Manier, entspannt und gänzlich ohne Allüren daher. Musikalisch überzeugend sind jedoch nur ein Drittel der Acts.


Natur und Einsamkeit – hier auf der Sklaven-Klippe – als Kreativitätsquelle?

Auf der Aftershow-Party treffe ich Lea Kampmann und Konni Kass. Lea hat den Award in der Kategorie „Band des Jahres“ gewonnen. Konni ist bereits über die Färöer hinaus bekannt. Wir sprechen über die Musikszene. „Ich habe früh die Möglichkeit bekommen mit Leuten zu spielen, die besser waren. Da musste ich mich anstrengen, um hinterher zu kommen. Dadurch steigt das Niveau“, so Konni. „Ich mag den Support der ‚Stars‘, es gibt keine Affektiertheit“, sagt Lea. „Wir sind alle eine Familie“, schließen beide lächelnd.

Wie, das soll die Antwort sein? Mit einem Ende wie in einer Sonntagssoap? Ohne Haken an diesem Miteinander? Ja!

Text und Fotos: Max-Marian Unger

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