SPIESSER Bildungsweg

Langzeitfolgen höchst wahrscheinlich

Obwohl Wehrpflicht und Zivildienst längst Geschichte sind, denken immer noch viele Jugendliche beim Wort „Freiwilligendienst“ an ein langweiliges Pflichtprogramm im Krankenhaus oder Altenheim. Dass ein Freiwilliges Soziales Jahr aber viel mehr als das sein kann, hat SPIESSER-Autor Erik in einem Berliner Theater am eigenen Leib erfahren und berichtet jetzt über die Vorzüge eines „FSJ mal anders“.

25. Juni 2015 - 13:56
SPIESSER-Autor sonyerikson.
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sonyerikson Offline
Beigetreten: 15.09.2009

Ich atme tief ein, kontrolliere meine Frisur ein letztes Mal in der großen Fensterscheibe und drücke dann auf die Klingel mit der Aufschrift „Büro“. Ich bin so nervös, dass ich ein bisschen Angst habe, die Leute beim Bewerbungsgespräch könnten meinen Herzschlag hören.


Beim FSJ Kultur gibt es viele verschiedene Einsatz-
möglichkeiten. Judith ist in der Requistite FW.
Foto: von Clar, Jens Draser-Schieb

Als ich in diesem Moment, im Sommer 2012, zum ersten Mal das GRIPS Theater betrat, ahnte ich noch nicht, dass es heute einer meiner Berliner Lieblingsplätze sein würde. Dieser Punkt aber war spätestens dann erreicht, als ich zwei Tage nach meinem ersten Arbeitstag zu meinem 18. Geburtstag vom ganzen Theater-Büro mit Sekt empfangen wurde. Ja, genau da wusste ich, dass die Bewerbung zum Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) Kultur eine gute Entscheidung war – vielleicht sogar die beste, die ich bis dahin getroffen hatte. Drei Jahre später arbeite ich immer noch hier und kann jedem Unentschlossenen empfehlen, sich für ein solches FSJ abseits von Krankenhaus oder Altenheim zu entscheiden.

Es ist nichts ungewöhnliches, dass sich nach dem FSJ neue Karriere-Möglichkeiten ergeben, erzählt mir die Projektkoordinatorin Ulrike Lange von der Landesvereinigung kulturelle Jugendbildung Berlin e.V.: „Das FSJ schließt Langzeitfolgen wie zahlreiche Kontakte und Netzwerke zwischen Einsatzstellen und Freiwilligen mit ein. Nach dem FSJ ergeben sich dadurch für viele richtige Honorarjobs.“ Genau wie bei mir!

Vom Hotel Mama zur 40-Stunden Woche

Trotzdem ist der Umstieg vom Familienleben in die eigene Wohnung und einen vollen Arbeitstag natürlich nichts für schwache Nerven: Ich erinnere mich ganz genau, wie ich in den ersten Monaten das Gefühl hatte, der Tag müsste eigentlich 48 Stunden haben.

Ähnliche Erfahrungen hat auch die 18-Jährige Inga Goossens als FSJlerin beim Helliwood Lernzentrum für Medienkompetenz in Berlin-Marzahn gemacht: „Es gibt immer wieder Durchhänger-Phasen, wenn man von der Schule in ein 40-Stunden-Arbeitsverhältnis kommt. Trotzdem ist es eine super Erfahrung und man nimmt echt viel mit.“


Nicht mit Alten sondern mit Kindern arbeiten? Beim
FSJ Kultur kein Problem. Milad hat eine Stelle in
einem Jugendmuseum gefunden.
Foto: von Clar, Jens Draser-Schieb

Wie viele andere Freiwillige ist auch Inga über Umwege zum FSJ gekommen. „Ich hatte einen anderen Plan nach dem Abi, aber der hat sich in der letzten Minute zerschlagen. Beim FSJ wollte ich dann eigentlich ans Theater oder an die Oper. Nach dem Bewerbungsgespräch habe ich mein gutes Bauchgefühl entscheiden lassen.“

Tatsächlich wollen in Berlin inzwischen sehr viele Jugendliche, wie Inga und ich, ihr FSJ in einer kulturellen Einrichtung machen. Ich hatte dabei mit meiner Stelle an einem Theater richtiges Glück.  Das meint auch Ulrike Lange: „In Berlin kommen auf eine Stelle im Schnitt zehn Bewerbungen. Theater sind dabei ganz groß im Rennen, egal in welchem Bundesland.“

Doch auch bei Underdog-Stellen wie dem Lernzentrum Helliwood gibt es viel zu lernen. Mit Kindern und Jugendlichen aus der Region wird spielerisch zum Thema Medien & Kompetenz gelernt. „Oft blicken Lehrer bei ihren Smartphone-nutzenden Schülern nicht mehr durch und suchen bei uns Hilfe“, erzählt Inga. „Wir überlegen uns dann ein Konzept für einen Workshop mit der Klasse, wo wir zum Beispiel über Cybermobbing aufklären.“

Wie wär’s mal mit Natur?

Etwas ruhiger lässt man es mit der Bewerbung zum Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) angehen. Hier kann man direkt beim Träger anfragen und sich gezielt auf eine passende Stelle bewerben.

Doch selbst dabei kann es schwarze Schafe geben. So erging es der 22-jährigen Julia Krensel mit ihrer ersten Stelle: „Wir FSJler wurden dort richtig ausgebeutet! Zum Glück hat sich der Träger sehr bemüht und mir weitergeholfen, sodass ich die Einsatzstelle recht schnell wechseln konnte.“  So kam Julia dann zur Gartenbauschule Ilse Demme in Charlottenburg, wo die Teamer mit Kindern oder älteren Menschen bei der Arbeit in der Natur voneinander lernen – inklusive Kartoffelernte und Gartenfest.


Richtig anpacken? Lea hat eine FSJ-Stelle im
Bereich Museumstechnik gefunden.
Foto: von Clar, Jens Draser-Schieb

Julia weiß, warum sich ein FÖJ für junge Menschen lohnt: „Grade für Stadtmenschen geben Arbeit und Seminare viel Input. Sogar Menschen, die sich vorher noch nie mit Ökologie beschäftigt hatten, haben durch das FÖJ angefangen ihr Leben zu verändern.“

Übrigens kann man sich auch durchaus nach Ablauf der offiziellen Bewerbungsfrist erfolgreich bewerben: Inga Goossens ist zum Beispiel erst im Nachrückverfahren zu ihrer Stelle gekommen und auch Ulrike Lange von der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Berlin e.V. sagt: „Mit etwas Glück findet man sogar jetzt noch eine Stelle für den Jahrgang 2015/2016.“

Also, wenn ihr jetzt richtig Lust habt, auch so einen ungewöhnlichen Freiwilligendienst zu machen, dann los! Schnell informieren und bewerben!

Hier gibt's noch mehr Infos zum FSJ!
Freiwilliges Soziales Jahr Kultur
Träger: Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e.V. sowie verschiedene Landesträger
Beginn: 1. September jeden Jahres
Bewerbungen: In der Regel vom 1. Januar bis 31. März in allen deutschen Bundesländern
Verfahren: Nach Ausfüllen eines Online-Formulars wird das Profil der Bewerber an Einsatzstellen weitergeleitet. Dann erhält man mindestens ein Vorstellungsgespräch pro Bundesland, in dem man sich beworben hat.
Taschengeld: Mindestens 320 Euro pro Monat
Mehr Infos: www.fsjkultur.de

Freiwilliges Ökologisches Jahr
Träger: Unterschiedlich je Bundesland
Beginn: Meistens am 1. September eines jeden Jahres
Bewerbungen: In der Regel zwischen Januar und Mai
Verfahren: Je Träger unterschiedlich, meist werden ein Motivationsschreiben sowie das letzte Schulzeugnis verlangt, Online-Bewerbungen sind bei vielen Trägern üblich.
Taschengeld: Zwischen 150 und 363 Euro, eventuell sogar mit Unterkunft
Mehr Infos: www.foej.de

Text: Erik Veenstra
Teaser-Foto: von Clar, Jens Draser-Schieb

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