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Leben mit dem Tod

Saskia ist 21, studiert – und weiß, dass sie spätestens in ein paar Jahren sterben wird. Sie hat Muskelschwund. Vorm Tod selbst hat sie keine Angst. Nur davor, dass ihre Beerdigung nicht perfekt wird.

08. Oktober 2012 - 12:26
von SPIESSER-Autorin Fabienne Kinzelmann.
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Fabienne Kinzelmann Offline
Beigetreten: 09.05.2009

In ihrer Freizeit lässt sich Saskia allerdings nicht einschränken: Sie geht zum Sport, bei Fußball und Basketball schaut sie am liebsten zu – und verliebt sich zum ersten Mal. In einen Sportler. Mario, der Klassenschwarm, kommt aus Faulheit vom Gymnasium auf ihre Schule. Saskia ist trotz der über 250 Fehlstunden im Jahr die Klassenbeste. Der Sport verbindet sie – er spielt selbst, sie guckt ihm vom Spielfeldrand zu.

Keine gemeinsame Zukunft

Zweieinhalb Jahre sind Mario und Saskia  ein Paar. Er fährt mit ihr in den Urlaub, sie küssen sich, Arm in Arm liegen sie auf der Couch. Wenn Saskia ihn besuchen will, stehen allerdings zwei Dinge gewaltig im Weg: 58 Stufen zu seinem Zimmer – und seine Eltern.

Wie soll sie die von sich überzeugen, wenn sie die Treppen hoch getragen werden und oben angekommen in einer speziellen Plastikschale sitzen muss? Und vor allem: Wenn allen klar ist, dass es keine gemeinsame Zukunft geben wird? Das ist auch der Grund, warum Mario mit Saskia Schluss macht. Sie ist ihm deswegen nicht böse.


Schilder an Saskias Zimmertür: Was sie nicht
ändern kann, nimmt sie mit Humor.

Saskias Leben mag von der Krankheit geprägt sein – aber nicht vom Tod. „Ich wusste, dass ich früher sterbe als andere. Aber das Wann schien unendlich weit weg.“ 2006 ist es fast so weit: Sieben Wochen lang liegt Saskia wegen einer Lungenentzündung auf der Intensivstation, sieben Wochen lang hoffen und beten die Eltern.

Noch schlimmer

Sie selbst hat keine Lust mehr auf das anstrengende Leben, die vielen Therapiemaßnahmen schlauchen sie. „Geh jetzt, lass mich in Ruhe. Ich will nicht mehr.“ Mit diesen Worten schmeißt sie ihre Krankengymnastin raus und verweigert sich jedem Gespräch, schickt ihre besten Freunde und ihre Familie weg.

Saskia kann nur vermuten, dass diese Wochen für ihre Familie und Freunde noch schlimmer gewesen sein müssen als für sie. Ihre ältere Schwester erzählt einem Basketballspieler, mit dem sich Saskia gut versteht, dass ihre kleine Schwester im Krankenhaus liege. Es sei ernst.

Es geht wieder bergauf

Colin besucht sie von da an regelmäßig, schaut mit ihr DVD, spielt mit ihr Karten. „‚Ich muss unbedingt meine Haare waschen, bevor er kommt‘“, das sei damals ihr einziger Gedanke gewesen. „Plötzlich gab es für mich nichts Wichtigeres als das.“ Die Freundschaft mit Colin hilft ihr, sich aufzurappeln.

Saskia beginnt, sich im Krankenhaus wohlzufühlen, lässt sich auf die Ärzte und ihre Therapiemaßnahmen ein. Es geht wieder bergauf. Die Krankenhausroutine gibt ihr Sicherheit: feste Abläufe, niemandem fällt sie zur Last, die Schwestern behandeln sie sorgsam, aber nicht zu fürsorglich.


Saskia lässt sich von ihrer Krankheit nicht
unterkriegen.

Weil sie in ihrem Leben schon viel umsorgt wurde, genießt Saskia es, etwas für andere zu tun. Deshalb hilft sie ehrenamtlich bei den Pfadfindern und hat zum vergangenen Wintersemester ein Studium in Bochum begonnen: Heilpädagogik.

Musikauswahl zur Trauerfeier

Ob sie lang genug Kraft hat, um den Abschluss zu machen, ist nicht sicher. Das erzählt Saskia sehr abgeklärt – neu sind diese Sorgen für sie schließlich nicht. Sie kann sich vorstellen, später mit Kindern zu arbeiten. Später, wenn es ein Später gibt. Eine richtige Beziehung zu haben, steht schon nicht mehr auf dem Plan. „Der Mann wüsste ja, dass er in ein paar Jahren allein wäre.“

Nur ein Später gibt es, auf das sich Saskia akribisch vorbereitet. Mit der Musikauswahl bei ihrer Trauerfeier sei sie sich noch nicht so sicher, sagt sie. Aber niemand solle etwas Schwarzes anziehen. Ihr Sarg soll dafür nun aber doch nicht mehr pink werden – sondern klavierlack-schwarz: „Das passt noch besser zu Lila."

Text: Fabienne Kinzelmann, 20
Fotos: Sascha Kreklau

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Kommentare

Zwei Kommentare
  • Für Saskia:

    Ich war letztes Jahr bei einem Geistheiler, in Abadiania, Brasilien. Sein Name ist João de Deus (oder John of God).

    Ob Du an sowas glaubst, bleibt Dir überlassen. Jedenfalls habe ich Menschen kennen gelernt, die von Krebs geheilt wurden, von Menscher erfahren, die nach einer Querschnittslähmung wieder laufen, und und und.... achja, mein eigenes Knie hab ich nach der Behandlung dort trotzdem noch physisch in Deutschland operieren lassen... allerdings war da vom angeblichen Schaden am Meniskus nichts mehr zu sehen... ;)

    Eine Krankheit hat nach dortiger Ansicht einen Sinn, meistens als Erfahrung, die zu einer Erkenntnis oder Entscheidung in Deinem Leben führt. Die Ursache liegt nicht in der physischen Ebene, sondern in der seelischen bzw. mentalen. Wird an dieser Stelle geheilt, wird der Körper dieser Heilung folgen.
    Und was heilt, ist letzlich der Glaube.

    Darum: Glaub an Dich!
    Und schau, ob Du vielleicht mal den Heiler besuchen möchtest. Ich kann mir vorstellen dass Du es leid bist, Dich auf Therapiemaßnahmen einzulassen. Aber gegen eine Reise nach Brasilien? Ich denke, der Sarg hätte Verständnis, wenn er noch etwas länger auf Dich warten müsste... ;)

    Liebe Grüße!

  • Das ist diese Frau definitiv! Mit ihrer Geschichte kann sie jedem von uns Mut geben, der irgendwann mal gedacht hat es geht nicht schlimmer. Für mich gehört sie damit - obwohl ich sie nicht kenne - zu den faszinierendsten Persönlichkeiten der Welt!

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