Kinofeeling

LOMO – The Language
of Many Others

Karl ist 18, Schüler und betreibt erfolgreich den Blog LOMO – The Language of Many Others. Doch sein Leben nimmt eine starke Wendung, als er ein Sex-Tape seiner Mitschülerin postet. Karl verliert sich mehr und mehr in der illusionierenden Welt des Internets.

10. Juli 2018 - 14:46
SPIESSER-Autorin Em.
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Em Offline
Beigetreten: 17.07.2015

Worum geht's?

Karl ist nie komplett alleine. Seine Follower begleitet ihn Tag für Tag überallhin. Sie kommentieren seine neuesten Tätigkeiten auf seinem Blog „LOMO“ oder schreiben direkt mit dem 18-jährigen Schüler. Karl gibt sich anders, möchte sich abheben von der reichen Wohngegend seines Elternhauses und der perfekten, zukunftsplanenden Zwillingsschwester. Seine Videos wirken cool und selbstsicher. Doch das ist eine reine Illusion, denn ohne seine Follower wirkt der Schüler im Alltag schüchtern und verloren.

In der Schule lernt Karl schließlich Doro kennen. Sie ist tatsächlich selbstsicher, leidet jedoch unter ihrer karriereverliebten und oft abwesenden Mutter. Karl verliebt sich in Doro, die beiden gehen eine inoffizielle Affäre ein. Doch Doro möchte sich nicht fest an Karl binden. Unter Alkoholeinfluss postet er ein Sex-Tape der jungen Schülerin auf seinem Blog. Während sich die Konsequenzen abspielen und so auch unter anderem die Polizei vor der Tür steht, wird Karl eins klar: Auch im echten Leben machen sich die Menschen gegenseitig etwas vor. Während er zwangsweise offline ist und über das Leben philosophiert, basteln seine Follower an einer neuen IP-Adresse für seinen Blog. Nun bestimmten sie Karls Leben und geben ihm Handlungsanweisungen. Er lässt sich darauf ein und verliert zunhemend die Kontrolle über seine eigenen Handlungen sowie über die seiner Follower. Das Ganze gerät in eine immer stärkere Eigendynamik bis hin zur Entscheidung über Leben und Tod.

Wer spielt mit?

Jonas Dassler, Lucie Hollmann, Eva Nürnberg oder Karl Alexander Seidel – nicht unbedingt große Namen, die man kennt. Trotzdem sind die Schauspieler auch keine neuen Hasen im Filmgeschäft und spielten schon in zahlreichen deutschen Produktionen wie „Die wilden Hühner“ oder „Fack ju Göthe 2“ mit. Alle vier Jungschauspieler verkörpern hierbei doch etwas ernstere Rollen als in ihren bisherigen Produktionen. Trotzdem sind die Charaktere souverän und voller Gefühl dargestellt.

Filmischer Augenschmaus?

Schon gleich zu Beginn wird die Second-Screen-Methode angewendet, ein illusionierendes Mittel der Filmtechnik. So werden simultan die Erdpopulation mit jeder Sekunde mitgezählt, die Kommentare von LOMO und seinen Follower gelesen sowie Chats angezeigt und ein Herz pocht. Diese Methode der Darstellung wiederholt sich immer wieder im Film. Als Zuschauer fühlt man sich davon schnell überfordert. Doch abseits dieses Second-Screens ist die Kamerabewegung sehr an ihre Figuren angepasst, teilweise schnell, teilweise langsam – je nach Situation. Die Welt, die im Film präsentiert wird, scheint eher dunkel und finster, was perfekt zu Karls Situation passt. Doch auch in der dunkelsten Zeit lassen sich sehr schöne und künstlerische Einstellungen finden, wie beispielsweise das bunte Lichterspiel während einer Fahrt durch die Waschanlage.

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Gibt’s was zu meckern?

Der Film spricht wichtige Konsequenzen von unbedachtem Internet- und Social Media-Konsum an. Dabei versucht er den Nerv der Zeit zu treffen und größere, philosophische Fragen aufzuwerfen. Jedoch wirkt er dabei manchmal etwas zu sehr wie ein Lehrfilm aus dem Schulunterricht. Auch die Rollen der „Erfolgreichen“ im Film, allen voran der Eltern, erscheinen etwas zu klischeehaft und übertrieben. So ist Karls Vater ein überarbeiteter, gefühlskalter Architekt, die Mutter eine verkannte Musikerin und Karls erfolgreiche Zwillingsschwester läuft die ganze Zeit in Bleistiftrock oder Anzugshose durch die Gegend, als würde sie nicht gerade das Abitur absolvieren, sondern schon für eine erfolgreiche Anwaltskanzlei arbeiten. Auch das Klischee der schrecklichen Rabenmutter, die nonstop arbeitet, wird in der Rolle von Doros Mutter erfüllt.

Braucht man Taschentücher?

Die Taschentücher können bei diesem Film ruhig beiseitegelegt werden, dafür braucht man jedoch starke Nerven und geschnittene Fingernägel. Denn die Spannung steigt mit jeder Szene, so dass man aufpassen muss, sich nicht ausversehen alle Fingernägel abzukauen. Erst ganz zum Schluss wird die Spannung mit einer offenen Frage abgebaut.

Mit wem angucken?

Den Freunden, der eigenen Familie oder dem Partner – im Internet sind alle involviert. Nur vielleicht sollten die Großeltern nicht dazu geholt werden, denn diesen alle Gegebenheiten des Films zu erklären, könnte etwas lang dauern.

Auf einen Blick
Action: ✪ ✪
Romantik: ✪ ✪ ✪ ✪
Humor: ✪ ✪ ✪
Niveau: ✪ ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Was macht man danach?

Panisch rennt man zu seinem Laptop, löscht alle Social Media-Accounts und klebt sich Mikrofon und Kamera an Handy und Laptop ab. Erst jetzt fühlt man sich vor den Hackerangriffen, die im Film gezeigt werden, geschützt.

In 3 Worten:

Aktuell, illusionsschaffend, tödlich.

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Dieser Film wirkt durch die Second-Screen-Methode am besten auf dem Laptop. Dabei wird das Gefühl erzeugt, gerade tatsächlich zu chatten oder ein Video im Internet zu schauen.

Mainstream oder Independent?

Die innovative Second-Screen-Methode, die divergente Kameraführung und die gegenwartsnahe Geschichte scheinen sehr alternativ zu sein. Doch die vielen bedienten Klischees der Geschichte verleihen dem Film am Ende doch wieder einen sehr starken Mainstream-Charakter.

LOMO – THE LANGUAGE OF MANY OTHERS

Regie: Julia Langhof
Darsteller: Jonas Dassler, Lucie Hollmann, Eva Nürnberg, Karl Alexander Seidel und u.v.m.
Kinostart: 12. Juli 2018
Filmlänge: 101 Minuten
Genre: Drama
FSK: 12

 

Text: Ema Jerkovic
Teaser: © Flare Film GmbH_Michal Grabowski

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