Härtetest

Mal zum Horst machen

Mit abgedroschenen Sprüchen sammeln Amateure wohl eher Körbe als Nummern. Wie das mit dem Flirten klappt, durfte SPIESSER-Autorin Mona von einem echten Profi lernen. Ein Härtetest, der nur halb so peinlich war wie erwartet, dafür doppelt so lustig.

28. Juni 2015 - 10:05
SPIESSER-Autorin Mimi_the_first.
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Mimi_the_first Offline
Beigetreten: 02.12.2009

Ich laufe mit meiner Schwester durch die Stadt: „Und was hast du heute noch so vor?“, fragt sie mich. „Ach, ein bisschen flirten, interessante Männer kennenlernen, nichts Besonderes“, antworte ich. Es folgt ein Lachflash, in dem sie fast von einer Straßenbahn erfasst wird.


Monas erster Flirtversuch: Und was
machst du so?
Auf unbekanntes Terrain

Ja, flirten kann ich nicht. Welcher Härtetest läge da näher als ein Coaching vom Profi? Schon seit Tagen bin ich aufgeregt. Ich werde mich bestimmt wahnsinnig dumm anstellen. Um mich irgendwie vorzubereiten, google ich meinen Coach. Horst Wenzel ist Geschäftsführer der Flirt university, die er 2012 in Essen zusammen mit Alex Pareto gründete. Inzwischen bieten sie deutschlandweit Flirtcoaching-Seminare an. Die Flirtuniversity hat ein klar definiertes
Ziel: den Männern und Frauen dieser Welt zu „mehr Liebe im Leben“ verhelfen. Keine Tipps zum schnellen Aufreißen also, das klingt angenehm.

Flirten will gelernt sein

Ich bin mit Horst in Berlin am Alexanderplatz verabredet. Groß, sportlich, blond, gekleidet in Jackett und Röhrenhose, kommt mein Flirtcoach auf mich zu. Das Selbstbewusstsein steht ihm ins Gesicht geschrieben. Zuerst fragt Horst mich aus: Wer ich bin, was ich will und was wir heute vorhaben. Ich solle mir keine Sorgen machen, es würde lustig werden und er sei immer in meiner Nähe. Schon geht es los.

Erste Aufgabe: Hol dir das, wovor alle Flirtanfänger Angst haben: einen Korb. Ich schätze, ich stehe ebenso einsam und verloren auf dem Platz rum, wie der Fernsehturm hinter mir. Wie mache ich das jetzt? Mit einem Kopfnicken deutet Horst auf mein erstes „Opfer“. Ein Typ, bestimmt einen Kopf kleiner als ich, eilt an mir vorbei. Mit ein paar schnellen Schritten überhole ich ihn. Schon meine Begrüßung wird abgewürgt mit einem „English, please.“ Hilfe, ich bin überfordert. Obwohl ich dreimal frage, wie es ihm geht, wimmelt er mich nicht ab. Das mit dem Korb ist ja schwerer als gedacht.

Der nächste Flirtversuch scheint von Anfang an zum Scheitern verurteilt. So folgt auf mein unkreatives „Und was machst du so?“, prompt eine peinliche Stille. Hilfesuchend schaue ich zu Horst, der mich aus der Situation befreit. Mir aber gleich eine neue Aufgabe daraus bastelt: Männer ansprechen mit „Entschuldigung?“ und dann abwarten. Ich komme mir dabei zwar dämlich vor, finde es aber auf der anderen Seite total amüsant, wie die Angesprochenen versuchen, das nicht vorhandene Gespräch zu retten. Faszinierend, das kann doch nicht wirklich so einfach sein! Scheinbar wollen mehr Menschen einfach unverfänglich angesprochen werden, als ich dachte.

Einem James-Blunt-Double darf ich als nächstes seinen gerade geholten Kaffee abquatschen. Bei dem Gespräch hätte ich hängen bleiben können, aber wir haben ja noch mehr vor. So sacke ich nur schnell seine Nummer ein.Jetzt muss ich mich auf eine Bank stellen und eine Rede über Pinguine und ihre Knie halten. Einen Moment fühle ich mich hilf los, dann fällt mir auf, dass das sinnlose Rumlabern für mich ja keine Schwierigkeit ist. Die Touris halten mich wahrscheinlich für verrückt. Egal.

Die nächste Übung: High-fives-Sammeln auf Zeit. Nachdem wir laut von zehn runter gezählt haben (was mir unangenehmer ist, als das Folgende), sprinte ich über den Platz. „Krieg ich einen High-five? Kostet nichts. Noch einen? Danke.“ Es wird geklatscht, was das Zeug hält. Ein alter Opa guckt mich verwirrt an und lässt sich doch zu einer halbherzigen Fünf überreden. Als die Zeit um ist, möchte ich zwar erst mal Hände waschen, innerlich klopfe ich mir aber auf die Schulter. Beide Übungen zeigen mir, dass sich mal zum Horst machen oder Ablehnung erfahren, echt nur halb so wild ist. Und wirklich viele Körbe bekomme ich auch gar nicht.


Flirtcoach Horst verrät Mona, worauf's beim Flirten
wirklich ankommt
Selbst ist die Frau

Vom Gerenne verschnaufe ich bei einem Theorieteil, in dem Horst seine Tipps noch einmal bündelt: Keinen Fragenkatalog abarbeiten, sondern lieber von sich aus mit einer Geschichte starten, Körpersprache beachten, Rückmeldung geben, lächeln, Körperkontakt. Dabei spricht er auch einen ihm wichtigen Teil beim Flirten an: die Persönlichkeitsentwicklung. Ein gesundes Selbstbewusstsein und ein gutes Verhältnis zu sich selbst sind nämlich die Grundlagen dafür, wie man auf andere wirkt. Außerdem macht Horst deutlich, wie unnötig es ist, sich beim Flirten zu verstellen. Wer zufrieden mit sich ist, kann genug damit beeindrucken, wer er ist.

Der Flirtcoach beherrscht sein Handwerk, das ist den ganzen Tag immer wieder zum Vorschein gekommen. Bin ich nur mal eine Minute weg, hat er schon jemand neues in ein Gespräch verwickelt. Mit so einem guten Vorbild macht mir das Coaching auch wirklich Spaß und ich merke, dass es gar nicht schwer ist, jemanden in ein zwangloses Gespräch zu verwickeln – wenn man sich nur traut, den ersten Schritt zu machen.

Zum Ende gibt es dann noch Feedback von Horst: Ich kann vieles weiter verbessern, habe mich aber echt gut geschlagen. Erleichtert verabschiede ich mich und flüchte so schnell wie möglich wieder auf bekanntes Terrain. Zuhause stelle ich fest, dass ich mich in meinen eigenen vier Wänden um einiges wohler fühle als auf der Pirsch. Nur am Rande: Noch auf der Heimfahrt habe ich eine weitere Nummer abgestaubt.

Text: Mona Judith Zwinzscher
Fotos & Video: Franz Leuschner

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