SPIESSER unterwegs

Man kann Kriege überwinden

Europa steht heute vor großen politischen Herausforderungen, Rassismus und Intoleranz stellen die europäische Gemeinschaft auf die Probe. Um dieser Bewegung entgegenzutreten, organisiert das  Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) seit Jahren Projekte des interkulturellen Austauschs. SPIESSER-Praktikantin Renée hat mit der Generalsekretärin Béatrice Angrand gesprochen.

02. Juni 2016 - 14:31
SPIESSER-Autorin Oriella.
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Oriella Offline
Beigetreten: 13.10.2015

Renée: Ich treffe Sie heute hier in Cannes zu einem Projekt des Deutsch-Französischen Jugendwerks, können Sie mir zuallererst einmal erzählen, was genau hier passiert?

Béatrice Angrand: Das DFJW hat deutsche und französische Jugendliche, jeweils zehn aus beiden Ländern, in Cannes zusammengebracht, für ein Projekt, das in Partnerschaft mit der Semaine de la Critique (Anm. d. Red.: Internationale Woche der Filmkritik) entstand. Die Semaine de la Critique ist ein Parallelprojekt zu den Filmfestspielen. Wir haben jungen Menschen die Chance gegeben, von bekannten Kritikern zu lernen, wie man eine Filmkritik verfasst. Sie schreiben dann auch selbst Kritiken über die Filme, die sie hier sehen, wovon einige auch auf einem Blog online erscheinen.

Cannes
Bei dem Projekt in Cannes wurden verschiedene Schülergruppen vom DFJW eingeladen. Die Jugendlichen hatten unterschiedliche Vorbildung im Bereich Film und kamen aus ganz verschiedenen sozialen Milieus. Häufig werden solche Austausche aber auch ausgeschrieben und interessierte Schüler können sich darauf bewerben. Wer gerne bei einem Projekt des DFJW mitmachen oder mehr über ihre Arbeit erfahren möchte, kann hier vorbeischauen.
 
Was wollen Sie damit erreichen?

Wir wollen den Film als Plattform für interkulturellen Dialog nutzen. Junge Menschen zwischen 14 und 18 Jahren trauen sich oft nicht mit fremden Jugendlichen zu reden. Es ist noch komplizierter, wenn der Andere ein Ausländer ist, der nicht die eigene Muttersprache kann. Wenn man einen Mittler hat – wie jetzt den Film – bringt das enorm viel, um sie zueinander zu bringen. Damit sie sich über den Film austauschen, aber durch den Austausch auch mehr über die Sprache des Gegenübers, über die Kultur, die Erfahrungen des Anderen lernen. Es ist noch wichtiger denn je, dass junge Menschen über die Grenzen hinweg denken.

Wieso haben Sie so verschiedene Jugendliche zu diesem Projekt eingeladen?

Wir möchten die soziale Vielfalt fördern und gerecht sein, also jedem die Chance geben, an einem deutsch-französischen Austausch teilzunehmen. Im heutigen Europa werden in den Köpfen, aber auch physisch neue Grenzen gebaut, Rassismus und Antisemitismus wachsen. Da ist es wichtiger denn je, allen jungen Menschen die Chance zu geben raus aus dem Zuhause zu kommen, Offenheit und Toleranz zu entwickeln und die eigenen Gewissheiten zu hinterfragen. Wenn ich junge Menschen mit Migrationshintergrund sehe, aus der Türkei beispielsweise, die in Deutschland leben und selbst mit türkischem Migrationshintergrund in Frankreich lebe, dann sehe ich, dass wir auch zu Europa gehören. Ich glaube, die Mobilität innerhalb Europas ist sehr wichtig für junge Menschen mit Migrationshintergrund, die sich vielleicht fragen, woher sie kommen. Das stärkt das Gefühl des Zusammenhalts in Europa.

Glauben Sie dass die Wichtigkeit einer Institution wie dem DFJW eher zunimmt mit der Zeit oder dass sie abnimmt?

Ich glaube die Wichtigkeit nimmt zu. Auch weil die Herausforderung heute eine ganz andere ist. Die deutsch-französische Freundschaft erscheint heute selbstverständlich. Man muss mehr investieren, damit die Politiker, die Zivilgesellschaft, die jungen Menschen sich bewusst werden, dass diese Beziehung wichtig bleibt, auch wenn wir Frieden zwischen den beiden Ländern haben. Diese Beziehung hat eine Geschichte, die zeigt, dass man Kriege überwinden kann. Sie ist inspirierend für viele Regionen dieser Welt, denken wir an den Maghreb, an den Balkan, Israel, Palästina, etc. Diese Inspiration kann nur weiter existieren, wenn die deutsch-französische Beziehung bereichert wird. Wenn sie zersplittert, weniger wichtig wird, kann sie das nicht mehr.

Wie wird denn das Angebot des DFJW in den beiden Ländern angenommen?

Im Allgemeinen sind die Projekte des DFJW gleich interessant für junge Menschen in beiden Ländern. Nur die Themen unterscheiden sich, die Franzosen sind mehr interessiert an Projekten, die ihnen den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ermöglichen, in denen sie ihre beruflichen Fähigkeiten ausbauen können. Deutschland hat einen Arbeitsmarkt, auf dem kaum junge Menschen arbeitslos sind. Dieselben Projekte haben in Deutschland weniger Nachfrage, hier werden Kulturprojekte stärker wahrgenommen.


Generalsekretärin des DFJW Béatrice Angrand
© Laurence Chaperon

Für uns besteht die Herausforderung darin, uns gute Inhalte auszudenken. Dabei müssen die Bedürfnisse und die Erwartungen der jungen Menschen erfüllt werden.

Bloß nach Deutschland oder nach Frankreich zu kommen, reicht den meisten jungen Leuten heute nicht mehr. Sie kommen nur, wenn sie das Thema – sei es Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Kultur oder Zivilengagement – auch interessiert. In den 60er und 70er Jahren hatten Jugendliche den Wunsch sich mit Deutschen oder Franzosen auszutauschen, um den Frieden in Europa ewig zu erhalten, das geht zurzeit nur bei einem kleinen Kreis, sonst sind es ganz andere Inhalte, die erforderlich sind. Das macht den Job aber noch interessanter – schwieriger, aber auch spannender.

Dann wünsche ich Ihnen dabei noch ganz viel Erfolg und viel Spaß.

Text: Renée Theesen
Teaserbild: © Lucie Brux

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