Vertretungsstunde

Manche Dinge fragt man nicht

Fragen oder nicht fragen – das ist hier die Frage. Schauspieler und YouTuber Daniele Rizzo kehrt als Vertretungslehrer nach zwölf Jahren an seine alte Schule, das Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Dortmund, zurück. In einem Interview-Training mit Schülern der zehnten Jahrgangsstufe spricht er über schlechte Fragen und gute Antworten.

19. Juni 2015 - 10:54
SPIESSER-Autorin John H. Watson.
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John H. Watson Offline
Beigetreten: 13.03.2012

Daniele Rizzo: Hallo, guten Morgen. Ich bin euer Vertretungslehrer und heiße Daniele Rizzo.
Dann fangen wir mal an und am besten schreibe ich zu Beginn meinen Na – woah! Was ist das denn? Daniele hat sich umgedreht und starrt mit offenem Mund das Smartboard an. Das ist für mich jetzt so’n bisschen Science-Fiction. Ähm, was muss ich jetzt machen? Ich nehme diesen Stift und dann funktioniert das oder muss ich etwas drücken? Ah ok, ich hab's. Daniele schreibt „Herr Rizzo“ an das Smartboard. Und wie kann ich das jetzt wieder löschen? Ah, hier mit dem Cyber-Schwamm. Genial. Alles klar. Heute geht es um Interview-Training, das heißt, wie sollte man Fragen stellen? Und wie sollte man sie lieber nicht stellen? Wir machen jetzt erst einmal ein Brainstorming zum Thema Interview. Was fällt euch dazu ein?


Eine Runde Brainstorming, bitte! Foto: Dennis Treu

Saskia: Direkt.

Minou: Informationen sammeln.

Aaron: Fußball.

Malik: Spontan.

Daniele: Ja, ihr habt schon viele verschiedene Begriffe genannt. Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Interviews. Ich führe viele Interviews, oft mit internationalen Schauspielern. Hierbei gibt es Unterschiede, bei einigen Prominenten wird man eingeladen, man befragt sie und dann schreibt man einfach das Gespräch zusammen. Bei den meisten Prominenten ist es aber so, dass das Interview geführt wird und dann schickt man es demjenigen vor Veröffentlichung noch mal zurück. Warum wollen das einige Stars so?

Söhnke: Damit einem nicht die Worte im Mund verdreht werden.

Daniele: Sehr gut. Johnny Depp hat in einem Interview zum Beispiel mal über den Oscar gelästert. Der Journalist war nach dem Gespräch mega happy, weil die Info für ihn eine Riesensache war: Ein Weltstar, der den Oscar total doof findet! Aber dann kam die Agentin rein und meinte: „Das wird rausgeschnitten.“ Später war dieser Part dann nirgendwo mehr zu finden. Das war natürlich blöd für den Journalisten. Guckt ihr eigentlich Youtube? Allgemeines Kopfnicken. Ah, sehr gut! Welche YouTuber guckt ihr denn so?

Daniele Rizzo

Daniele Rizzo galt während seiner Schulzeit als Pausenclown und hat als Schauspieler und Comedian auch seine Berufung gefunden. Mit seinen charmant-außergewöhnlichen Interviews treibt er die Hollywoodstars zu den bizarrsten Auftritten, bringt etwa Cameron Diaz zum Schlager-Singen oder Hugh Jackman zum Gedichte-Rezitieren. Zu sehen sind seine Clips auf YouTube, Clipfish und Comedy Rocket (RTL). Wenn er nicht gerade internationale Filmschauspieler interviewt, moderiert er für Super RTL die Wissenssendung „Tierisch unterwegs“ oder steckt in Dreharbeiten: Gerade steht er in Urbino für die ARD-Krimireihe „Der Poliziotto“ vor der Kamera.

Dominik: Pumping Ercan.

Georgia: Bibis Beauty Palace.

Selin: Bethany Mota.

Malik: Karl Ess.

Daniele: Cool. YouTuber haben in den Medien etwas angestoßen. Früher gab es Fernsehen und Radio, aber mittlerweile hat man die Möglichkeit zuhause zu sitzen, die Kamera anzumachen und das eigene Ding durchzuziehen, zum Beispiel Interviews führen. Ein sehr bekanntes Interview möchte ich euch jetzt mal zeigen.

Das berühmte Interview mit Willy Brandt wird abgespielt. In dem Gespräch von 1972 stellt der Journalist Friedrich Nowottny vier lang formulierte Fragen, auf die der ehemalige Bundeskanzler nur mit „Ja“, „Nein“ und „Doch“ antwortet. Gekicher in der Klasse.

Daniele: Nur so zur Erinnerung, derjenige, der ganz viel gesprochen hat, war der Journalist. Also, was hat er falsch gemacht?

Tim: Er hat dem Gesprächspartner die Antworten schon in den Mund gelegt.

Daniele: Genau. Willy Brandt war hierbei noch relativ sympathisch, es gibt aber natürlich auch Gesprächspartner, die dann beleidigt sind, wenn in den Fragen die Antworten schon mitschwingen. Jetzt machen wir mal eine kleine Übung. Am besten einigt ihr euch an jedem Gruppentisch auf eine prominente Person und denkt euch einige Fragen aus, die ihr der Person gerne stellen würdet oder Fragen, bei denen ihr denkt, dass die Person extrem darauf reagieren würde. Die Schüler machen sich an die Arbeit und präsentieren anschließend ihre Ergebnisse.


Was fragt man einen Promi besser nicht? Foto:
Dennis Treu

Julia: Also wir haben uns mit dem Thema Fußball beschäftigt. Nach einem verlorenen Spiel könnte man einen Spieler aus dem Verliererteam zum Beispiel fragen, was der Fehler war.

Daniele: Ja, genau. Wenn die Stimmung des Spielers aber gerade nicht so gut ist, kann es sein, dass das nur ein sehr kurzes Interview wird. Der Klassiker hierbei ist meiner Meinung nach das Interview mit Mertesacker während der letzten WM, als er zum Journalisten sagt: „Was wollen Sie jetzt von mir?“ Das Interview war eine Mischung aus schlecht gestellten Fragen und einem Spieler, der keine Lust hatte zu antworten.

Mira: Wir haben uns ein Beispiel aus der Politik ausgedacht. Politik ist schließlich eine andere Art von Prominenz. Wenn man Frau Merkel aber jetzt fragen würde, ob sie lesbisch wäre, so wäre das unangebracht.

Daniele: Das stimmt natürlich. Ich glaube, sie wäre heute nicht in ihrer Position, wenn sie nicht so gut mit Reportern und Journalisten umgehen könnte.

Miryen: Man kann berühmten Leuten wie der Youtuberin Dagi Bee private Fragen stellen zum Beispiel über die Anfänge ihrer Youtube-Karriere. Wenn man Sie aber fragen würde, wie viel sie verdient, wäre das unangebracht.

Daniele: Ja, das stimmt, so etwas fragt man nicht. Das ist eine Unart. Wenn ein Youtuber bei Stefan Raab zu Gast ist, ist die zweite oder dritte Frage immer die nach dem Gehalt. Und wenn ich das als YouTuber sehe, sitze ich nur da und denke mir: „Hat er das jetzt wirklich gefragt?“ In den USA sehen das die meisten Promis etwas lockerer, aber hier in Deutschland stellt man manche Fragen einfach nicht.

Fazit aus der Klasse:

Minou, 15

Ich fand die Stunde sehr gut. Es war interessant, Daniele war ganz cool drauf und hat es sehr gut gemacht.

Note: 1

 

 

Saskia, 16

Ich fand es sehr toll, dass er so offen war und ich glaube, wir als Klasse waren aufgeregter als er.

Note: 1

 

 

Tim, 15

Ich fand es ganz interessant mal zu erfahren, welche Fragen man stellen sollte und welche nicht.

Note: 1
 

 

Text: Jing Wu
Video: Alexander Spelsberg
Fotos: Dennis Treu

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