Ein Leben mit der Angst

„Mein Säbelzahntiger
ist meine Seele“

Knapp eineinhalb Jahre sind vergangen, seit Nicholas Müller bei der Rockband Jupiter Jones aufhörte. Der Grund: seine Angststörungen, die er einfach nicht mehr in den Griff bekommen konnte. Nun sprach der Ex-Frontsänger mit uns über seine Zeit seit dem Ausstieg, die Angst vor der Angst und seine Therapie.

30. Oktober 2015 - 13:30
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SPIESSER: Nicholas, 2014 bist du bei Jupiter Jones ausgestiegen aufgrund deiner Angststörung. Unter welcher Form der Angststörung leidest du denn?

Nicholas: Ich leide unter einer generalisierten Angststörung. Das ist eine Angst, die permanent bleibt und einem ständig im Nacken sitzt. Hinzu kommt bei mir noch eine Panikstörung, also heftige Panikattacken. Meine erste Panikattacke hatte ich nach dem Tod meiner Mutter auf ihrer Trauerfeier. Kurz vorher war meine Großmutter verstorben und der Tod meiner Mutter war der finale Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Wie fühlt sich eine Panikattacke an?

Jeder Mensch hatte in seinem Leben schon einmal eine Situation, in der es knapp war, z.B. bei einem Autounfall, bei dem am Ende nichts passiert ist. In dieser Gefahrensituation schießt Adrenalin in den eigenen Körper. Das war ursprünglich auch mal wichtig, jedoch in einer Zeit,
in der Menschen noch von Säbelzahntigern gekillt werden konnten. Das Problem haben wir mittlerweile nicht mehr, die Funktionen allerdings schon. Bei einer Panikattacke geht mein Blutdruck hoch, mein Puls beschleunigt sich, ich sehe ganz scharf. Ich nehme alle Eindrücke um mich rum sehr extrem wahr. All das macht mich eigentlich fit dafür, zu flüchten. Das muss ich aber nicht. Mein Körper reagiert also auf Probleme und Gefahren, die aus der Psyche stammen. Mein Säbelzahntiger ist oft genug meine Seele.

Deine erste Panikattacke liegt knapp zehn Jahre zurück. Vor einem Jahr dann der Ausstieg. Was ist dazwischen passiert?

Eine Menge. Meine Angststörung war nicht permanent schlimm. Es gab auch Zeiten, da war ich so gut wie angstfrei. Da kam nur alle paar Wochen eine Panikattacke und ich dachte, ich könnte damit leben. Das war falsch. Ich habe mich viel zu lange nicht um Hilfe gekümmert, sond rn wollte es vor allem allein schaffen. Trotzdem war ich in diesen neun Jahren auch mal in Therapie, die mir unheimlich geholfen hat. Aber der finale Schritt war die Pause im letzten Jahr. Ich habe mich dann wieder in Therapie begeben, die nach wie vor nicht beendet ist.

Nicholas Müller

Zwölf Jahre lang stand Nicholas als Frontsänger von Jupiter Jones auf den Bühnen der Republik. Doch dann kam im vergangenen Jahr sein Ausstieg aus der Band. Seine Angststörungen machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Nun meldet sich der Musiker mit seinem neuen Bandprojekt "Von Brücken" und einer Menge Optimismus zurück. Hier kommt ihr zur Rezension vom ersten Album der Band.

Wie sieht diese Therapie aus?

Angst ist sehr gut therapier- und behandelbar. Therapie heißt in meinem Fall eine Menge
Gespräche und Verhaltenstherapie. Ich lerne dabei Strategien, mit meiner Krankheit umzugehen, sie zu akzeptieren und sie dadurch loszuwerden. So bemerkt die Angst, dass der Typ keine Angst mehr vor der Angst hat.

Hattest du das Gefühl, dass deine Arbeit als Frontsänger einer erfolgreichen Band deine
Störung noch verstärkt hat?

Nein, überhaupt nicht. Auf der Bühne war für mich ein angstfreier Raum. Irgendwann, als ich dann die erste Panikattacke auf der Bühne bekam, wurde es jedoch schwierig. Aber das lag weder an der Band noch am Musiker-Dasein, sondern daran, dass die Angst sich einen Weg gesucht hat, um mir den Spaß zu versauen.

Hast du Angst davor, dass deine Erkrankung dir wieder einen Strich durch die Rechnung machen könnte, was die Musik angeht?

Ich habe in der Vergangenheit einfach nicht früh genug Bescheid gesagt, wenn es mir nicht gut ging. Das war doof. Das Bescheid sagen habe ich mittlerweile gelernt. Das funktioniert hervorragend, denn so falle ich nicht mehr ein Jahr aus, sondern nehme mir einfach nur für
einige Tage eine Pause. Das ist sowieso wichtig, dass Menschen das können. Selbst die härtesten Hunde brauchen mal eine Zeit, in der sie sich einfach hinlegen, das Telefon ausmachen und keine E-Mails abrufen. Und ich bin kein harter Hund. (lacht) Ich bin sensibler, als man auf den ersten Blick vermuten sollte mit meinen Eins-Dreiundneunzig, mehr als hundert Kilo und Tätowierungen. Innen drin bin ich sensibel genug, um ganz schön viel Angst zu haben.

Was möchtest du Jugendlichen, die ähnliche Probleme wie du haben, mit auf den Weg geben?

Lasst euch helfen! Und noch viel wichtiger: Schämt euch nicht! Das ist totaler Quatsch. Es ist eine Erkrankung, die im Grunde genommen so normal ist wie jede andere Krankheit auch. Und man sollte sich für keine Krankheit schämen müssen. Tut euch selbst den Gefallen und seid mutig genug, zu sagen: „Ich hab Angst“. Dann wird es Leute geben, die euch helfen, an die ihr euch wenden könnt und die machen, dass ihr wieder ein ganz normales und glückliches Leben führen könnt. Wenn ihr euch helfen lasst, dann wird alles gut!

Interview: Mireille Huditz
Teaserbild: Anja Nier

 

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