Sommer 2019: Loyalität

Meine Loyalität kennt kein Austrittsdatum

Im Juni 2016 entschied sich eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU – und ich mich für ein Leben im Vereinigten Königreich. Ich weiß noch ziemlich genau, wie ich damals, wenige Tage vor dem Votum, zuversichtlich durch London lief, Remain-Flyer entgegennahm und Leave-Plakate süffisant  belächelte. „Die werden doch nicht spinnen, diese Briten“, dachte ich mir.

22. Juli 2019 - 15:58
SPIESSER-Redakteurin MissFelsenheimer.
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Beigetreten: 04.05.2009

Damals war ich mit meiner Mutter anlässlich ihres Geburtstags übers Wochenende in der Stadt – von vorherrschender Anspannung spürte ich nichts. Im Gegenteil: Ich ertappte mich ständig dabei, wie ich mich fragte, wie es wohl wäre, hier in London zu wohnen. Ich nahm das Brexit-Votum überhaupt nicht für voll. Warum sollte jemand freiwillig aus der Europäischen Union austreten wollen? Und überhaupt musste ich sehr genau hinsehen, um zwischen den ganzen Europa- fahnen und T-Shirts mit EU-Logo die Brexit-Befürworter ausfindig zu machen. Doch mein Eindruck täuschte bekanntlich: Wenige Tage später stimmte eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union.

Gekommen, um zu bleiben

Jetzt nur noch schnell auf die Insel ziehen – je eher, desto länger bin ich dort und desto mehr Ansprüche stehen mir nach dem Brexit zu, so lautete meine Theorie. Und während ganz Europa sich noch in gefühlter Votum-Schockstarre befand, machte ich mich fleißig auf die Suche nach Jobs, bevor ich Ende November 2016 mit meinem Hab und Gut in den Zug nach London stieg. Goodbye Deutschland!

Heute, mehr als zwei Jahre später und wenige Tage vor dem vorläufigen Austrittsdatum, bin ich so gelassen wie eh und je. Auch wenn ich als Scheidungskind weiß, wie es ist, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, so fühlt sich diese sogenannte „Scheidung von Europa“ weniger dramatisch an. Das einzig Schmerzhafte bisher war, mich beim Gemeindeamt in Deutschland abmelden zu müssen – offiziell habe ich damit keinen Wohnsitz mehr in Deutschland. Das Recht auf die Teilnahme an Kommunal- und Landtagswahlen habe ich auch verloren, die Teilnahme an Bundestagswahlen sowie meine Nationalität samt Reisepass sind mir aber geblieben.

Und ehrlich gesagt, gibt mir diese Bindung an Deutschland etwas Zuversicht in diesen mehr als wechselhaften Brexit-Zeiten. Dieses ständige Hin und Her zwischen Brüssel und London, zwischen Deal und No-Deal macht alles so surreal. Ich kann diesen Brexit nicht sehen, nicht anfassen und verdränge dabei schnell, dass er zeitnah Realität sein wird. Dabei bin ich mit den Vorzügen der EU großgeworden, musste bis zu einem USA-Trip letztes Jahr noch nie ein Visum beantragen. „Warum kommst du nicht einfach zurück?“, höre ich regelmäßig meine besorgte Großmutter am Telefon fragen. „Rausschmeißen werden die mich nicht. Und es steht ja noch gar nicht fest, was passiert“, gebe ich beinahe mantraartig als Antwort. Nicht nur, um sie, sondern auch um mich zu beruhigen. „Ich könnte mit dieser Ungewissheit nicht leben“, meint meine Familie. „Was bleibt mir anderes übrig?“, denke ich mir.

Lieber zwei als keine Option?

Die kulturelle Vielfalt in London ist einzigartig in Europa – und einer der Hauptgründe für meinen Umzug in die britische Metropole. Ich kenne keine andere europäische Großstadt, in der so viele Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen nebeneinander leben. So ist die Liste der Nationen, denen meine Kollegen angehören, fast so lang wie die der EU-Mitgliedsstaaten. Die Liste an Brexit-Diskussionen am Mittagstisch ist jedoch kaum vorhanden.

Eine „I do not care“-Einstellung hat sich bei mir und meinen Kollegen breitgemacht, die Nachrichtenflut über den Brexit wird kaum noch verfolgt. „Da sieht doch eh keiner mehr durch“, meint Ayla aus Paderborn. Eine andere Kollegin hingegen, die schon seit über sieben Jahren auf der Insel lebt und arbeitet, hat Ende letzten Jahres den britischen Pass beantragt. „Ich möchte nicht benachteiligt werden“, begründet sie diesen teuren Schritt. Denn die britische Staatsbürgerschaft bekommt man nicht geschenkt: Zu den Kosten von über 1.200 Euro kommen noch ein Sprachtest sowie ein ausführlicher Wissenstest hinzu. Meine Freunde teilen meine Brexit-Gelassenheit: „Zur Not beantrage ich eben einen britischen Pass“, sagen die einen. „Oder ich ziehe woanders hin“, meinen die anderen. Eine meiner wenigen britischen Freundinnen hat von ihrem Stammbaum Gebrauch gemacht und dank der irischen Wurzeln ihrer Großmutter einen irischen Pass bekommen. Dieser hat sie nur 80 Euro gekostet und ermöglicht ihr im Fall eines Brexits weiterhin problemloses Reisen in der EU – ein Schnäppchen.

Brexit? Komme, was wolle!

Was also tun? Laut deutscher Gesetzgebung kann ich als deutsche Staatsbürgerin nur dann einen zweiten Pass besitzen, wenn dieser von einem anderen EU-Staat stammt. Im Falle eines Brexits müsste ich mich vermutlich zwischen dem deutschen und dem britischen Pass entscheiden, falls ich letzteren beantragen und zugesprochen bekommen würde.

Zugegeben, ich habe diese Möglichkeit ausgecheckt: Eine britische Staatsbürgerschaft würde mir alle Rechte eines Briten gewähren. Aber sollte ich so viel Geld, wie ich für meinen Führerschein ausgegeben habe, für ein einfacheres Leben auf der Insel bezahlen? Der Vorteil: Ich müsste nicht alle paar Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen und könnte zum Beispiel längere Schlangen bei der Einreise ins Vereinigte Königreich umgehen. Aber würde ich dafür meine deutsche Staatsbürgerschaft, meine Zugehörigkeit aufgeben?

Brexit hin oder her – meiner Heimat nicht nur geografisch, sondern auch rechtlich den Rücken zu kehren, fühlte und fühlt sich immer noch falsch an. London wird hoffentlich der kulturelle Schmelztiegel Europas bleiben. Mein persönliches Tor zur Welt, auch wenn es vermutlich bald außerhalb der EU liegt. Denn in dieser Stadt verschmelzen Nationalitäten miteinander und ich nenne sie als stolze Deutsche mindestens genauso stolz meine neue Heimat. Und bis dahin halte ich es wie die typischen Briten: trinke Tee und warte ab.

 

Text: Victoria Gütter, 27, ehemalige SPIESSER-Redakteurin, stand für diese Titelstory vor der Kamera ihres Londoner Freundes Faime Stewart.
Teaserbild: Paula Hohlfeld

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