Mach dein Ding!

Mit Axt, Schild und Helm – pädagogisches LARP

Jorma Vogel hat ein besonderes Hobby. Mehrmals im Jahr kleidet er sich in mittelalterähnliche Gewänder und trifft sich mit vielen anderen Menschen zum LARP – Live Action Role Playing. Was Jorma besonders macht: Er verbindet sein Hobby mit seinem Studium der Sozialen Arbeit. Er macht pädagogische LARPS mit Jugendlichen und schreibt Studienarbeiten zum Thema. Jormas Ziel ist es, später einmal seinen Beruf im sozialen Bereich professionell mit dem LARP zu verbinden.

17. Oktober 2019 - 09:25
SPIESSER-Autorin lpommeri.
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lpommeri Offline
Beigetreten: 30.09.2016

Schon wenn man Jormas Wohnung betritt, merkt man: hier wohnen Fantasy-Begeisterte. Reihenweise Bücher dieses Genres zieren die Regale, eine Hogwarts-Flagge hängt über dem Jackenständer und auf Gestellen sind Ritterhelme angebracht. Zu Hause bei einem Fantasy-Nerd, oder? „Nein, nein“ sagt Jorma, die Bücher würden zum Großteil seiner Freundin gehören, aber ja, die Helme und auch die Axt an der Wand sind von ihm. Denn Jorma ist begeisterter LARP-Spieler. „Eine Mischung aus Impro-Theater und Rollenspiel“, wie er es selbst versucht zu erklären. LARP ist in den 70/80ern entstanden und hat sich mittlerweile zu einem weit verbreiteten Hobby entwickelt. Zu Deutschlands größter LARP-Convention (Treffen und gemeinsames Spielen von LARP-Begeisterten) kommen mittlerweile über 10.000 Menschen. Dabei verkörpern sie für ein Wochenende selbst ausgedachte Rollen, um eine gemeinsame „Realität“ zu schaffen. Das heißt, zu spielen ohne dass es einen klaren Handlungsstrang gibt. Was Jorma von ihnen unterscheidet: Er macht das Rollenspiel nicht nur als Hobby, sondern auch professionell in seinem Job bei der Kinder-Jugend-Hilfe, den er neben seinem Studium der Sozialen Arbeit hat.

In der Freizeit ein Söldner


Jorma in seiner Rolle des Faravid Inselflucht.

Jorma ist während seines FSJs durch einen Freund zum LARP gekommen. Dieser hatte ihn und seine Freundin auf ein privates Treffen mitgenommen. Die Begeisterung war bei beiden sofort da und Stück für Stück entwickelten sie ihre Rollen. So schlüpft Jorma ungefähr zweimal im Jahr in die Rolle des Faravid Inselflucht, einem Söldner der zu den Nordmännern (The Norths) des Landes Skyrim gehört. Sein Charakter basiert auf dem Spiel „The Elder Scrolls V: Skyrim“. Zusammen mit einigen Freunden haben sie zusammengehörende Charaktere entwickelt, ein eigenes Lager mit Zelten, Feuerstelle, Essbereich und Speisekammer erbaut und viel Zeit und Mühe in ihre Kostüme gesteckt. LARP ist für ihn ein ernst zu nehmendes Hobby. Einmal im Monat trifft sich die Gruppe, arbeitet gemeinsam an Kostümen oder an der Geschichte ihrer Charaktere. Nach gemeinsamen Conventions treffen sie sich, um zu besprechen was gut und was schlecht war, wo zum Beispiel jemand nicht seiner Rolle gerecht gehandelt hat. „Wenn ich ein Hobby wie Bogenschießen habe, dann möchte ich ja auch immer besser werden, genauso ist das beim LARP“ erklärt Jorma den Ehrgeiz von ihm und seinen Mitspielern.

Mehr als nur ein Spiel - Pädagogisches LARP

Aber wie passt dieses Hobby zur Sozialen Arbeit? „Im Rollenspiel stärke ich meine Persönlichkeit, meine Selbstwahrnehmung und mein Selbstvertrauen,“ erklärt Jorma. Die bekannten Regeln und gesellschaftliche Strukturen existieren in dieser „zweiten Realität“, wie Jorma sie nennt, nicht. Es gibt neue Muster und Strukturen, die einen neuen Blick auf sich selbst und andere ermöglichen. Besonders bei Gruppen von Kindern, die sich schon lange kennen und schon ihre Position innerhalb einer Gruppe eingenommen haben, kann dies sehr hilfreich sein. Im Rollenspiel wird der Rahmen verändert, in dem die Kinder sich normalerweise bewegen. So können sie im Spiel andere Charaktere einnehmen und müssen in diesen Rollen eigenständig Rätsel lösen, ohne Erzieher, die das Sagen haben. Dadurch verändern sich die Gruppendynamiken.


Sehen gefährlich aus, aber sind doch sehr harmlos: die Waffen
der LARP Spieler.

Die Grenzen des sogenannten pädagogischen LARPs bestehen darin, ob sich die Kinder wirklich darauf einlassen. Erst ab ca. 12 Jahren sind die meisten Kinder kognitiv in der Lage, sich in Rollen hinein zu denken. Ein anderes Problem ist, wenn sie einfach keine Lust darauf haben. „Es ist nur ein Angebot an die Kinder“, sagt Jorma „Wir sagen vorher was wir vorhaben, niemand muss dann mitmachen.“ Angefangen hatte bei ihm auf der Arbeit ein Kollege mit dem pädagogischen LARP, aber auch Jorma ist nun mit voller Begeisterung dabei. Wichtig beim pädagogischen LARP ist vor allem die Reflexion nach dem Spiel. Zu schauen, was kann man vom eingenommenen fiktiven Charakter in die reale Welt mitnehmen, welche Stärken haben sich beim Spiel herauskristallisiert. Deshalb liegt der Fokus, anders als beim „traditionellen“ LARP, beim pädagogischen LARP nicht so sehr auf dem Verkleiden, sondern viel eher auf dem innerlichen Einfinden und Annehmen einer neuen Rolle. Etwas das Kindern noch deutlich leichter fällt als den Erwachsenen, da diese schon viel mehr in den gesellschaftlichen Konventionen gefangen sind.

Doch auch gerade für Erwachsene kann LARP hilfreich für die Wahrnehmung der eigenen Außenwirkung sein und zur Selbstreflexion anregen. Dies möchte Jorma später einmal beruflich nutzen. Sein Traum ist es eine Organisation zu gründen, die LARP und Rollenspiele professionell anbietet, zum Beispiel für Unternehmen aber auch für Kinder.

Text: Lotta Pommerien
Bildmaterial: Lotta Pommerien

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