Kolumne

Nur das Pech
ist gerecht

Manchmal versagt einfach das System. Im Niedersächsischen Mathe-Abi war es wieder soweit. Fragen zu schwer, Zeit zu kurz, Schülerproteste und dann mussten Noten angepasst werden. Reichlich unangenehm für alle Beteiligten, und die Schüler sind die Leidtragenden.

27. September 2016 - 12:06
SPIESSER-Autor Henk Marzipan.
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Henk Marzipan Offline
Beigetreten: 22.01.2014

Man stelle sich einmal vor, es hätte niemand etwas gesagt: Keine Beschwerden, Mathe-Abi ist halt schwierig, aber es ist ja die gleiche Chance für alle. Dann hätten wir plötzlich einen Haufen Niedersächsische Abiturienten auf die Welt losgelassen, mit schlechterem Abi als die Konkurrenz. Sowas Ungerechtes! Ich bin dafür, wir geben den Aufgabenstellern auch Noten: Setzen! Sechs.

Eigentlich ist die Schule doch eine Petrischale der kleinen und großen Ungerechtigkeiten der Welt. Du bist zwar schlau, aber leider etwas schüchtern? Zu schade: Mündliche Noten gelten für alle. Also besonders für die Fleißbienchen aus der ersten Reihe. Dein Physiklehrer hält Mädchen für blöde? Schade, auch die Note zählt in dein Abi. Dann wird das nichts mit dem Psychologie-Studium, auch wenn du die Jahrgangsseelsorgerin bist, Numerus Clausus sei Dank. Aber das ist halt Pech, und das kann jeden treffen. Pech haben ist gerecht.

Durch den N.C. kommen eben nur die Besten an die Uni. Bill Gates oder Mark Zuckerberg hätten das in Deutschland bestimmt nicht geschafft. Beide sind Voll-Nerds und nicht besonders sozialkompetent. Beim Völkerball wurden sie bestimmt immer als letztes gewählt. Ihr Abi wäre bestimmt zu schwach, weil ihnen schon in der vierten Klasse beim Falten von Papierblüten attestiert würde, ihr „Arbeits- und Sozialverhalten entspricht nicht den Erwartungen.“ Andererseits hatte ich in „Schönschrift“ auch eine Fünf und ich habe es trotzdem zum Schreiberling gebracht. Man kann also auch Glück haben.

Mit der Schule hört die Ungerechtigkeit natürlich nicht auf. So ist das mit der Realität. Natürlich helfen gute Gene. Attraktive Personen hält der Mensch automatisch für intelligenter. Wissenschaftlich erwiesen. Bist du eine Frau wirst du wahrscheinlich schlechter bezahlt. Bist du ein gutaussehender Mann eventuell mit ein bisschen Charisma, und Schwupps, wirst du über jede Kompetenz hinaus befördert. Ist bestimmt auch nicht schön. Bei Unattraktivität hilft zur Karriere nur die Schönheits-OP, als Frau vielleicht gepaart mit einer Geschlechtsumwandlung. Da gibt es bestimmt irgendwo ein Kombi-Angebot.

Also gewöhnen wir uns lieber daran und machen das Beste daraus. Ein gutes System ermöglicht es natürlich jedem, das Beste aus seinem Leben zu machen. So ist es noch nicht, aber wir können uns ja dafür einsetzen: für ProfessorInnen mit Arbeitereltern, dicke SportlehrerInnen, homosexuelle HafenarbeiterInnen oder vernarbte ModeratorInnen. Oder für Schreiberlinge mit einer Fünf in Schönschrift.

Text: Henric Abraham
Teaserbild: Anja Nier

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