Schmökern

„Oder Florida“

Die Nachwende-Jahre haben viele Menschen in Deutschland nachhaltig geprägt. Das neue Buch von Christian Bangel „Oder Florida“ erzählt genau von dieser Entwicklung. SPIESSER-Autorin Britt-Marie begab sich für euch auf Zeitreise.

26. Oktober 2017 - 10:14
SPIESSER-Autorin glossandgrey.
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glossandgrey Offline
Beigetreten: 19.03.2013

Worum geht's?

Der zwanzigjährige Freier wächst nach der Wende in Frankfurt an der Oder auf und lernt in der Hausbesetzer-Szene Fliege kennen. Der will den Stadtverband der SPD übernehmen und einen neuen Bürgermeister einsetzen, zentrale Forderung seiner MoSü: Mehr Sonnenschein! Unter dem Motto „Zur Sonne, zur Freiheit“ streben sie danach, Frankfurt wieder zu einem lebenswerten Ort zu machen.

Beste Voraussetzung dafür: Vor den beiden liegt ein Sommer, der grenzenlos wirkt. In dem alles gleichzeitig möglich und unmöglich scheint. Denn da ist Freiers erste Liebe Nadja, die nach Frankfurt zurückkommt. Ein Millionär, der die Ossis hasst, aber Frankfurts Bürgermeister werden will. Da sind aber auch die Neonazis, die Freier zusammenschlagen.

Am Ende geht es vor allem um Hoffnung, Vertrauen und echte Freundschaft: Die Mauer ist zwar offen, aber es baut sich eine andere in den Köpfen auf. Nazi oder Sozi, das ist hier die Frage. Und Freier fragt sich, wo er eigentlich hinwill in seinem Leben.

Wer steckt dahinter?

Wer den Namen schon einmal online über einem Artikel hat prangen sehen, der liegt richtig: Christian Bangel ist Chef vom Dienst des Newsdesk von ZEIT Online. Er ist selbst in Frankfurt (Oder), dem Spielort des Buches, geboren. Später gründete er den Anti-Rechtsextremismus-Blog stoerungsmelder.org und arbeitete bei „Netz gegen Nazis“ mit. „Oder Florida“ ist sein erster Roman und gleich ein schöner Mix aus Ost-Nostalgie und Gesellschaftskritik. Das Buch mag 1998 spielen – es ist trotzdem ein Blick nach vorn. Eine Art Lehrstück über das Deutschland, das wir heute kennen.

Kurz und knapp oder dicker Schinken?

Das Buch hat 337 Seiten, ist also eher mitteldick. Da es kurzweilig geschrieben ist, verfliegen die Seiten aber schnell. Von dem etwas schwerfälligen Einstieg sollte man sich nicht abschrecken lassen. Die Erzählung nimmt schnell an Fahrt auf.

Oder Florida

Autor: Christian Bangel
Verlag: Piper Verlag
Veröffentlichung: Oktober 2017
Seitenzahl: 337

Für die Bahn, den Sessel oder den Pausenhof?

Etwas für die Bahn. Die erzählten Szenen sind meistens kurz, die Kapitel kann man sich so gut aufteilen. Trotzdem braucht man etwas Ruhe zum Lesen. Die Gedankengänge von Freier hallen lange nach, oft versteht man erst ein paar Sätze später, wie etwas gemeint war.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie schwer ist es, das Buch wegzulegen?

„Oder Florida“ ist ein Blick auf das Deutschland, in dem unsere Elterngeneration aufgewachsen ist. Das macht es auf der einen Seite spannend, aber auch zu einem ordentlichen Brocken Geschichtsunterricht. Christian Bangel hat seine Charaktere so liebevoll gestaltet, dass man sich erst am Ende des Buchs sicher sein kann, Freier, Fliege und den Töffler richtig zu kennen. Es bekommt eine solide 8: Eine tolle Geschichte und der etwas andere historische Roman. Wer sich für Geschichte interessiert, wird es verschlingen.

Wem borgt man es als erstes?

Dem Freund oder der Freundin, die bei politischen Diskussionen immer Feuer und Flamme sind. Oder generell jedem, der einen Teil der „DNA“ dieses Landes kennenlernen sollte: Was kam nach der Wende?

Lieblingszitat:

„Wir sind nicht ein paar Hanseln, wir sind eine Generation. Dieses Nazikaff ist die Aufgabe, in die wir reingeboren sind, und niemand anders kann sie erfüllen. Wir werden diese Stadt retten.“ (Seite 210)

In drei Worten:

Gedankenreich. Politisch. Erwachsenwerden.

 

Text+Teaserbild: Britt-Marie Lakämper

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