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Pauliina Susi: „Die Kollision“

Ein Kreuzfahrtschiff aus Plastik, an dessen Bord die Italo-Diskoschlager und die aufgesetzte Heiterkeit schlimmere Kopfschmerzen verursachen als ein Nachmittag bei IKEA. Die Schwestern Leia und Ripsa mittendrin – umgeben von undurchsichtigen Gestalten. Anderswo auf dem Mittelmeer eine Familie im Schlauchboot, die auf Gummi setzt. Hier wie dort spitzt sich die Lage zu – SPIESSER-Autorin Nana hat für euch Pauliina Susis Krimi „Die Kollision“ gelesen.

28. Juni 2019 - 13:57
SPIESSER-Autorin nana_nessaja.
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nana_nessaja Offline
Beigetreten: 16.06.2019

Worum geht’s?

Leia sieht einer Kreuzfahrt mit ihrer Schwester mit gemischten Gefühlen entgegen: Während Ripsa in jedem Hafen Männer abschleppt, sorglos in 5-Gänge-Menüs schwelgt und sich rundum verwöhnen lassen will, kämpft Leia mit Gewissensbissen: Sie weiß um die Arbeitsbedingungen an Bord und hat Bilder von Flüchtenden im Kopf, die in lausigen Schlauchbooten um ihr Leben bangen. 

Und dann ist da ihr Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen. Wer ist der allein reisende Ingenieur, der ihr so merkwürdig vertraut vorkommt? In welches Komplott ist die hitzköpfige Marina verstrickt, die aus geheimer Quelle wissen will, dass die Besatzung der „Siren“ kurz davor steht, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen? Und wer veröffentlicht anonym mit Hasstiraden versehene Fotos von Leia im Internet?

Was zunächst eine Geschichte über den schrägen Urlaub zweier ungleicher und sich ständig in die Haare kriegender Schwestern sein könnte, verdichtet sich zu einem schier unauflösbaren Netz aus Intrigen. Diese betreffen nicht mehr nur zwei Frauen in einer vermuteten Midlife-Crisis, sondern umspannen Länder und spiegeln die politischen Herausforderungen unserer Zeit.

„Die Kollision“

Autor: Pauliina Susi
Veröffentlichung: 24. Mai 2019
Seitenzahl: 544

Wer steckt dahinter?

Pauliina Susi hat sich vor allem in ihrer Heimat Finnland, wo sie mehrfach ausgezeichnet wurde, einen Namen als schonungslose Krimiautorin gemacht. „Die Kollision“ ist ihr dritter Roman und der zweite, der sich um das spannungsreiche Leben von Leia Laine dreht. Mit ihrer Protagonistin teilt Susi das gesellschaftswissenschaftliche Studium und die Leidenschaft für politische Fragen.

Allerdings irritiert, dass Leias ständigen Reflektionen über gesellschaftliche Probleme zumeist Tiefe und Sachkenntnis fehlen: bei einer Akademikerin um Mitte dreißig befremdlich. Warum gesteht die Autorin ihrer Hauptfigur so wenig Reife und Wissen zu?

Kurz und knapp oder dicker Schinken?

Mit über 500 Seiten ist „Die Kollision“ ein Thriller von beachtlichem Umfang. Der flüssige Schreibstil und die fesselnde Handlung lassen die Zeit beim Lesen aber verfliegen. Der Hauptstrang der Erzählung um Leia wird immer wieder geschickt durchbrochen: Mysteriös werden parallele Erlebnisse anderer Figuren eingefügt. Bis ganz zuletzt bleiben Motive und Hintergründe ungeklärt, was eine große Spannung erzeugt. Wer ist Freund, wer Feind, und wie lassen sich die Verwicklungen auf und jenseits des Mittelmeers auflösen?

Für die Bahn, den Sessel oder den Pausenhof?

Dieses Buch schreit danach, am oder besser noch auf dem Wasser gelesen zu werden.
Bei manchen Szenen ist es aber sicher auch von Vorteil, sich an den Lehnen eines Sessels festkrallen zu können.
Der Pausenhof empfiehlt sich nicht: Die Schule hätte eher schlechte Karten mit dem Stoff – um Hacker, Attentate und Dates auf der Kommandobrücke – zu konkurrieren.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie schwer ist es, das Buch wegzulegen?

Ich vergebe eine 7. Teilweise habe ich das Buch nicht aus der Hand legen können. Die angestrengten Diskussionen über soziale Ungerechtigkeit und Terrorismus haben mich hingegen enttäuscht. Gegenüber der nervenaufreibenden Atmosphäre und den unvermuteten Wendungen im Plot, fallen die Charaktere durch ihre teils mangelnde Glaubwürdigkeit und stereotype Überzeichnung ab. Warum muss ein Nerd unrasiert und menschenscheu und eine sozial tickende Frau pausenlos vom Weltschmerz und ihren Emotionen übermannt sein?

Wem borgt man es nach dem Lesen als erstes?

Allen Idealist*innen, die Lust auf fesselnde Lektüre haben, die relevante Themen von heute mit einer guten Story verbindet.

Lieblingszitat:

„Der erste Gedanke im freien Fall: Das war nicht klug. Zehn Meter. Oder zwölf. Jedenfalls ein verdammt langer Sturz. Auch ein zweiter Gedanke blitzt auf: Ist irgendeine Frau das wert? Und wenn es Leia ist? Und Gedanke Nummer drei: Ich sterbe. Andererseits – ein Heldentod. Das hätte Marjukka ihm nie zugetraut.“ S. 377

In drei Worten:

Strandurlaub – Nervenkitzel – Polit-Thriller.

Text & Teaserbild: Nana Tigges
Coverfoto: dtv

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