Meinung

Schneller, jünger
und erfahrener?

„Jüngere Absolventen, bitte“, das war der Wunsch der Arbeitgeber. Jetzt sind die jungen Bachelor-Absolventen da und bekommen zu hören: „Mehr Lebenserfahrung wäre schön!“ Was?! SPIESSER-Autor Sandro hat mit der Wirtschaft ein Hühnchen zu rupfen.

06. Mai 2015 - 11:00
SPIESSER-Autor saschroeder.
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saschroeder Offline
Beigetreten: 23.02.2015

Nur noch 47 Prozent der Unternehmen sind glücklich mit den Bachelor-Absolventen, stellte jüngst eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) fest. DIHK-Chef Eric Schweitzer mutmaßte, dass die Unzufriedenheit mit den Bachelor-Kandidaten wohl mit dem sinkenden Alter der Absolventen zusammenhänge. Moment mal! Wenn ich mich richtig erinnere, waren es doch Politik und Wirtschaft, die mehr Effizienz im Studium und jüngere Absolventen wollten!


Jung sollen die Bachelor-Absolventen sein und
Lebenserfahrung sollen sie mitbringen keine
leichte Aufgabe. Foto: Simone Lovati, flickr.com,
CC-Lizenz (CC BY-SA 2.0)
So siehtʼs aus

Also, ich bin 1992 geboren, habe ein „Turbo-Abi“ in Sachsen-Anhalt abgelegt, musste keinen Wehrdienst leisten, habe direkt nach dem Abitur einen Studienplatz bekommen und saß mit frischgebackenen 19 Jahren in meiner ersten Vorlesung. Zwei Jahre später hatte ich schon die Hälfte des Studiums hinter mir. Im selben Alter hatte mein Vater seine Pflichtzeit bei der Armee beendet. Ich bin eigentlich froh, diesen kleinen Vorsprung zu haben.

Inzwischen bin ich ein junger Bachelor-Absolvent. Nach sieben Semestern Regelstudienzeit. Mit Auslandssemester. Mit Praxissemester. Mit 22 Jahren. So weit, so geradlinig. Persönlich empfinde ich das nach wie vor als Glück. Als den richtigen Weg. Und genau das wollten doch auch die Arbeitgeber und die Bologna-Reformen: jüngere Absolventen. Aber jetzt sind wir auf einmal zu jung, zu unerfahren, nicht lebensklug genug. Ach echt?!

Uns – der Generation Y – wird ja gerne vorgeworfen, dass wir radikale Utopisten sind. Dass unsere Wünsche und Vorstellungen nicht mit der Realität der Arbeitswelt einhergehen. Den Vorwurf gebe ich jetzt gerne zurück: Es ist utopisch zu glauben, dass wir jüngeren Absolventen jetzt dieselbe Lebenserfahrung wie unsere älteren Vorgänger mitbringen.

Wir sind keine Duracell-Häschen, die stur im Eilschritt durch das Leben marschieren wollen, nur weil unsere Batterien unter Höchstspannung mit Wissen aufgeladen wurden. Ich bin mir auch echt nicht so sicher, ob die Bologna-Formel der komprimierten Bildung wirklich aufgeht:

Maximaler Input + minimale Studienzeit = schnelle Abschlüsse

Bildung wie mit der Vorspultaste, das mag vielleicht noch gehen. In dieser Gleichung bleibt aber oft zu wenig Platz fürs Leben – zumindest um die ganz großen Erfahrungen mal eben nebenher zu machen. Dabei machen wir schon Praktika und gehen ins Ausland. Zugegeben: Vielleicht sind wir dabei ja wirklich die Ego-Taktiker und verbinden das egoistische, schöne Erlebnis mit der nützlichen und tollen Erfahrung im Lebenslauf. Fehlendes Engagement könnt ihr uns aber nun wirklich nicht vorwerfen: Wir geben uns hier echt alle Mühe, um euch Arbeitgebern und der Realität der Arbeitswelt zu gefallen.


Ihr wollt Lebenserfahrung? Dann gebt uns die Zeit,
sie zu machen! Foto: Alexander Boden, flickr.com,
CC-Lizenz (CC BY-SA 2.0)

Liebe Manager und Firmenbosse, auch heute gibt es an den Hochschulen keinen Lehrplan, keinen Kurs, kein Modul für die Qualifikation „Lebenserfahrung“. Also nicht, dass jetzt jemand auf falsche Ideen kommt: Das soll auch bitte unbedingt so bleiben! Denn es braucht die großen wie die kleinen Erfahrungen und Brüche des Alltags, um lebensklug zu werden. Das wisst ihr Chefs und Entscheider doch eigentlich am besten. Leben wie mit der Schnellvorspultaste, das geht eben definitiv nicht.

Deswegen, liebe Arbeitgeber, entschuldigt bitte, dass die Generation Y bisher keine Zeitmaschine erfunden hat. Dass wir nicht zeitgleich jung UND erfahren sein können, auch wenn das eine noch so schöne Vorstellung ist. Und erlaubt mir eine letzte Frage: Wie lebensklug und erfahren seid ihr eigentlich mit, sagen wir, 21 oder 22 Jahren gewesen?

 

Text: Sandro Schroeder
Teaser-Grafik: Sandro Schroeder

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