Kolumne

Sprecht darüber, statt zu (ver)schweigen

Was in Hanau am 19. Februar passiert ist, war für viele ein Auslöser von Angst. Tatsache ist aber, dass diese Angst für viele People of Colour in Deutschland Alltag ist.

24. März 2020 - 08:50
SPIESSER-Autorin Cherilia.
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Cherilia Offline
Beigetreten: 04.08.2012

Nach dem rassistischen Anschlag in Hanau, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergrund getötet wurden, versuchten sich viele, mit diesen zu solidarisieren. Das allein ist löblich und wichtig – wenn jedoch gerade Weiße in meiner Facebook-Timeline von einem „Angriff auf uns alle“ sprechen, haben sie schlicht Unrecht. Wäre ich selbst in einer der Shisha-Bars gewesen und verletzt worden, wäre das wohl hauptsächlich als ein Kollateralschaden zu betrachten. Das Motiv des Täters ist bekannt und eindeutig rechtsextrem und rassistisch. Und deshalb müssen wir darüber sprechen. Und uns unsere eigene Mitschuld eingestehen.

Die Morde in Hanau waren nämlich kein ungewöhnlicher und unerklärlicher Einzelfall. Sie sprießten auf einem Nährboden, den wir als Weiße, die unsere eigenen Rassismen nicht hinterfragen, bereiten. Damit möchte ich nicht behaupten, dass jeder Mensch, der mal einen rassistischen Kommentar gemacht hat, zu einer Gewalttat bereit ist. Wenn wir diese Kommentare jedoch nicht genügend bewerten und sanktionieren, verbreiten und normalisieren sie sich. Das ist bereits zur Genüge geschehen – und wenn es Hanau gebraucht hat, um das für eine breite Masse sichtbar zu machen, ist das sehr spät – aber auch eine Chance.

Eine Chance, nicht nur AfD-Politiker wie Björn Höcke stärker zu verurteilen – sondern die Fehler auch bei sich selbst zu suchen. Dafür sollten wir uns gerade nicht nur auf klassische Spielarten von Rechtsextremismus, wie wir sie aus dem Geschichtsunterricht kennen, versteifen. Statt uns nur mit dem Neonazi zu beschäftigen, der eindeutig an seinem Hitlergruß erkennbar ist, gilt es, sich viel stärker mit Alltagsrassismus zu beschäftigen. Dieser ist, wie der Aktivist Ali Can ihn in einem Interview mit der FAZ bezeichnet, regelrechtes „Futter für Rechtsterroristen“. Und als Weiße sollten wir aufhören, diese Futter bereitzustellen.

Damit meine ich selbstverständlich auch und vor allem mich selbst. Jedes Mal, wenn ich mitbekomme, wie jemand aufgrund seines Aussehens oder seiner Herkunft diskriminiert wird und nichts dagegen sage oder tue, bin ich Teil des Problems. Das beginnt dort, wo sich eine Person im Bus neben mich setzt und beginnt, über „diese Ausländer“ zu wettern und ich einfach schweige. Das beginnt an dem Punkt, an dem darüber gestritten wird, welche Auflagen Geflüchtete erfüllen sollten, um als „gut integriert“ gelabelt zu werden und ich nicht laut dafür plädiere, diese Menschen zu allererst als Menschen anzusehen, die vor Krieg fliehen mussten und einen sicheren Ort suchen.

Ich kann mich als Weiße recht einfach aus diesem Thema heraushalten und ich werde aufgrund meines Aussehens als deutsch gelesen und erfahre deshalb keinen Rassismus. Ich kann wegschauen und es wird für mich keine Konsequenzen haben. Aber es kann und darf nicht mein Ziel sein, meine eigenen Privilegien auf dem Rücken anderer auszutragen. Dass ich selbst nicht von Rassismus betroffen bin, sollte ein Grund mehr sein, mich bei jeder Gelegenheit dagegen auszusprechen – damit nicht jede antirassistische Bildungsarbeit an People of Colour hängen bleibt.

 

Text von Veronika Hofmann
Fotos: Photo by Melany Rochester on Unsplash

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