Vertretungsstunde

„The Magic
of Labern“

Bremen, Freitagnachmittag, kurz vorm Wochenende: Jan Böhmermann streunert über sein altes Schulgelände. Für SPIESSER wagt er das Lehrer-Experiment. Für die Schüler des Schulzentrums Bördestraße die Chance zum Entspannen – denken sie. Falsch gedacht!

20. April 2016 - 13:54
SPIESSER-Redakteurin grünerTee.
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grünerTee Offline
Beigetreten: 14.01.2013

Jan Böhmermann
ist als Moderator in Radio- und Fernsehproduktionen tätig und hat in letzter Zeit vor allem mit seinem Streich gegen Stefan Raab auf sich aufmerksam gemacht. Groß geworden in der Medienbranche ist der diesjährige Grimme-Preisträger als Side-Kick von Harald Schmidt und mit der Talkshow „Roche & Böhmermann“. Seit Ende 2013 läuft auf ZDFneo seine eigene Late-Night-Show „Neo Magazin“. Der Polizistensohn aus Bremen war zu Schulzeiten im Schülerkabarett „Anti Toxin“ und sogar im Vorstand der Bremer Jugendpresse.

Jan Böhmermann Hallo! Mein Name ist Jan Böhmermann – Herr Böhmermann für euch. Das ist meine erste Unterrichts-stunde.

Jan beginnt ganz klassisch mit einer Anwesenheitskontrolle.

Jan Wo ist Kevin?

Ilja Nicht da. Der war heute aber schon mal da.

Jan Muss ich mir gleich aufschreiben: Ilja ist ein Denunziant. Petze!

Die Klasse lacht.

Jan Ihr seid Klasse elf, oder?

Klasse Nein! Zwölf.

Jan Ihr seht aber aus wie Klasse elf. Gut. Ich habe euch ein Thema mitgebracht.

Jan holt sein Handy raus, von dem er laut abliest.

Jan Es ist sehr komplex, es lautet: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Kreativ- und Medienwirtschaft vor dem Hintergrund (seine Stimme wird immer lauter) des historisch und gesellschaftlich bedingten Mangels an Swag. The Magic of Labern.

Klasse lacht.

Jan Es bedeutet eigentlich nichts anderes als: Warum gucken wir so viele Filme aus Amerika? Wer hat da eine Ahnung?

Die Hände schnellen nach oben.


Schluss mit lustig! Vertretungslehrer
Jan will's ganz genau wissen.

Jannik Weil Deutschland schlechte Filmproduzenten hat?

Leffi Ich glaube, das liegt daran, dass Hollywood früher mehr gepusht wurde und die Schauspieler dort besser sind. Ich denke da an meinen Lieblingsfilm „Titanic”.

Klasse lacht.

Jan Welcher ist dein richtiger Lieblingsfilm?

Leffi Nein, wirklich. Titanic und 300.

Jan Was meinst du denn, Anika?

Anika Ich denke, das liegt daran, dass die meisten wirklich bekannten Leute in Amerika leben.

Jan Aber die Frage ist doch, warum gucken wir gerne nach Amerika? Warum schauen wir keine Filme aus Polen zum Beispiel?

Leffi Na, weil die alle geklaut sind.

Die Klasse lacht. Auch Jan.

Jan Wer von euch weiß, was wir für ein Rundfunksystem in Deutschland haben?

Nico M. Es gibt private Sender wie Pro7 und es gibt halt so allgemeine Sender: ZDF, ARD und so.

Jan Die heißen öffentlich-rechtliche Sender. Das könnt ihr euch gleich mal aufschreiben. Wer weiß denn, seit wann es die privaten Rundfunksender in Deutschland gibt?

Sakay Vorgestern.

Jan Vorgestern, meint Sakay. Das ist schon mal nicht schlecht, aber falsch.

Nico M. 1990?

Jan Fast. 1984 ist die richtige Antwort. Das waren damals Sat.1 und RTL Plus. Wie sind private Sender?

Klasse Asozial, dumm, unrealistisch.


"Ich würde sagen, ihr zwei setzt euch
jetzt mal auseinander
weil Fummeln
ist nach der Schule!"

Jan Und öffentlich-rechtliche?

Klasse Informativ (Jan lacht), langweilig, für Ältere.

Jan Was ist denn der Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern?

Nico Für öffentlich-rechtliche bezahlt man Rundfunkgebühren.

 

Jan Private Sender sind Unternehmen, denen ist nichts anderes näher als Geldverdienen. Was habt ihr denn in der ersten Stunde in Wirtschaftskunde gelernt: Was ist das Ziel eines jeden Unternehmens?

Klasse Gewinnmaximierung.

Jan Richtig! Öffentlich-rechtliche Sender gehören dagegen der Bundesrepublik. Aber was ist jetzt der Unterschied im Praktischen?

Nico In den Privaten laufen mehr internationale Filme und auf ARD und ZDF mehr deutsche Produktionen.

Jan Wer von euch kann sich vorstellen, warum das so ist?

Nico In Amerika gibt es eine größere Auswahl an Serien und Formaten. In Deutschland lohnt sich das vielleicht einfach nicht.

Jan Es geht dabei vor allem um die Produktion von Inhalten. Viele Fernsehsender kaufen Inhalte aus Amerika ein: Das ist günstiger und birgt weniger Risiko. Wenn man sich beispielsweise eine Serie ausdenkt, weiß keiner, ob sie auch funktioniert. Auch wenn man ganz viel Gedankenschmalz und Geld reinsteckt. Warum sind wir Importeure im Kreativbereich? Sind wir denn uncooler? Produzieren wir uncoolere Sachen?

Ines Ja, weil wir schlechtere Schauspieler haben.


Jan auf der Suche nach der korrekten
Lehrerposition.

Jan Wer von euch will mal ins Showgeschäft?

Einige Hände schnellen nach oben.

Jan Was braucht man dafür?

Sakay Gute Connections.

Jan Falsch. Einen Versuch hast du noch.

Sakay Eine große Klappe.

Jan Falsch. Disziplin! Man muss durchhalten und seitenweise Konzepte schreiben.

Nico Ich will Sie jetzt nicht angreifen, aber ich habe so einige Videos mit Ihnen gesehen und da haben Sie auch ein ganz schön großes Mundwerk.

Klasse lacht.

Jan Okay, jetzt ist es raus. Lacht. Aber ich trage bei meiner Show auch die Produktionsverantwortung. Ich bin nicht nur der Moderator.

Alle Augen auf Jan.

Jan Was ich sagen will: Ich denke, wir brauchen mehr Leute in Deutschland, die gute, kreative Inhalte produzieren. So, liebe Schüler, jetzt ist die Stunde offiziell beendet. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Leffi Aber wir haben noch zwanzig Minuten.

Jan Dann stellt mir Fragen!

Die restlichen Minuten nutzt Jan, um mit den Schülern über ehemalige Mathelehrer, Zukunftschancen und Disziplin zu sprechen, bevor er sich von seinen Schülern verabschiedet, aus seinem "bizarren Albtraum" – dem alten Schulhaus – hechtet, ins Taxi springt und mit ganz viel Disziplin zur nächsten Show düst.

Fazit aus der Klasse:

 

Kristina, 18

Ich fand das sehr gut mit dem Jan. Er war sympathisch und es hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Note: 1

 

 

Anika, 16

Der Unterricht war locker und lustig. Es war ganz anders als unser normaler Unterricht.

Note: 1

 

 

Furkan, 17

Ich finde, er hätte an manchen Stellen noch mehr beim Thema bleiben können.

Note: 2

 

Text: Tabea Grünert
Fotos: Daniel Scholz
Video: Franz Leuschner

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