Nachgefragt

Traumjob? Einmal updaten, bitte!

Ganz selbstverständlich durchleben besonders wir, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die Technologisierung unseres Alltags. Doch wenn wir in die Zukunft blicken, klammern wir uns paradoxerweise an verstaubte Berufsbilder: Lehrer, Arzt, Mechaniker … Warum verschließen wir gerade bei der Berufswahl die Augen vor der Digitalisierung 4.0?

02. September 2020 - 10:44
SPIESSER-AutorIn Valentina Schott.
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Valentina Schott Offline
Beigetreten: 13.10.2017

„Hilfe, mein Kind will YouTuber werden!“ Möglicherweise war das der Gedanke von Auroras Mutter und Vater, als die Neunjährige ihnen ihre Zukunftspläne offenbarte. Sie und vierzig andere Kinder und Jugendliche aus der dritten und elften Klasse zweier Fuldaer Schulen habe ich zu ihren Traumjobs befragt. In Auroras Fall hätten ihre besorgten Eltern im Internet zahlreiche Ratgeber und Artikel gefunden, um mit den neuartigen Berufswünschen ihres Nachwuchses umzugehen. Gerade für viele sogenannte Digital Immigrants, also für Personen, die nicht mit digitalen Medien großgeworden sind, bietet das Internet einen Raum, um Hobbys nachzugehen und Kontakte zu pflegen, aber sicher keinen Schlüssel zum Arbeitsmarkt. Doch die Befürchtung, dass ihr Kind seinen YouTube- Idolen nachstreben und womöglich „nichts Ordentliches“ lernen könnte, scheint unbegründet. Denn Aurora hat relativ schnell selbst die Erfahrung gemacht, dass das Leben als Reise-Bloggerin oder Instagram- Influencerin nicht weniger mit Stress und Arbeit verbunden ist als Berufe außerhalb der digitalen Welt. „Ich habe ein paar Videos hochgestellt, aber dann gemerkt, dass das gar nicht so einfach ist. Deshalb möchte ich jetzt Ärztin werden“, erklärt sie mir kurz und knapp ihren pragmatischen Sinneswandel. Dabei ist die Grundschülerin keinesfalls die Einzige, die sich im Endeffekt doch wieder für einen klassischen Beruf entscheidet.

Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto mehr brechen die Rollenbilder auf, dennoch bleibt die Orientierung am Familienund Bekanntenkreis.

Die Antworten, die ich in den beiden Schulen erhalten habe, decken sich größtenteils mit den Ergebnissen einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Ende Januar 2020 auf dem Weltwirtschaftsforum vorgestellt wurde. Dafür wurden weltweit insgesamt 500.000 junge Menschen zu ihren Berufsvorstellungen befragt, in Deutschland nahmen über 5000 15-Jährige teil. Das Fazit der OECD? Obwohl die jüngeren Generationen von klein auf mit Smartphone, Internet und Social Media aufgewachsen sind, spielt die Digitalisierung beim Thema Berufswahl nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen bevorzugen sie etablierte und traditionelle Laufbahnen. Folglich gibt es in den Top Ten der Berufe nur wenige Überraschungen und kaum Vielfalt. Nur Deutschland und Österreich heben sich ab, da sich am Ende der Liste auch etwas außergewöhnlichere Berufswünsche wie Designer (Platz 9, Mädchen) oder Profisportler (Platz 10, Jungen) tummeln.

Die ewigen Geschlechterrollen

Auffällig ist auch, dass sich Rollenbilder zwischen Mann und Frau immer noch deutlich im beruflichen Werdegang widerspiegeln. Während Mädchen zu einem Großteil sozialen Tätigkeiten nachgehen wollen, bei denen Fürsorge und Kommunikation im Mittelpunkt steht, liebäugeln Jungen mit technischen Berufen oder Jobs, in denen sie die Beschützerfunktion einnehmen können. „Ich will mit der Pistole schießen und schnelle Autos fahren, deswegen weiß ich noch nicht, ob ich Sanitäter oder Polizist werden will“, überlegt Gerrit aus der 3a der Adolf-von-Dalberg-Schule Fulda und greift damit Top 4 der männlichen Berufswünsche auf. Noch beliebter sind laut OECD-Durchschnitt Industrie- und Automechaniker (5,2 und 5,1 Prozent). Auf Platz 1 mit 6,7 Prozent ist der IT-Spezialist, einer der wenigen Berufe, in dem sich der Einfluss der Digitalisierung niederschlägt. Bei den Mädchen hingegen fehlt jede Spur von Karrieren im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Auch wenn Schülerinnen in diesen Unterrichtsfächern genauso leistungsstark sind wie ihre Mitschüler, entscheiden sie sich seltener für eine Laufbahn im MINT-Bereich (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Stattdessen wählen mehr als ein Viertel der weiblichen Befragten Schule, Kindergarten oder das Krankenhaus als zukünftigen Arbeitsplatz. Auch meine jüngeren Interviewpartnerinnen suchen sich mit Friseurin oder Tierpflegerin klassische „Frauenberufe“ aus. In dem Wunsch, Schneiderin, Malerin, Autorin oder Schauspielerin zu werden, schwingt vor allem die Vorstellung mit, ihrem jetzigen Hobby nachgehen zu können.

Wer beraten will, muss sich auskennen

Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto mehr brechen die Rollenbilder auf, dennoch bleibt die Orientierung am Familien- und Bekanntenkreis. Schon die McDonald's, Ausbildungsstudie 2013 hatte gezeigt, wie groß der Einfluss der Eltern bei der Berufswahl ihrer Kinder bleibt. Problematisch dabei ist, dass auch sie größtenteils nur eingeschränktes und überholtes Wissen über Verdienstmöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven auf dem Arbeitsmarkt besitzen. Um ihrer Ratgeber-Rolle besser gerecht zu werden, empfiehlt der Professor und Forscher Klaus Hurrelmann, dass auch Mütter und Väter ihre Kinder auf Bildungsmessen begleiten, um sich so über neue Arbeitsmöglichkeiten zu informieren.

Berufsmessen und Jobbörsen in weiterführenden Schulen sind ein erster Schritt in die richtige Richtung [...].

Auch Franziska, 17, von der Freiherr-vom-Stein-Schule Fulda verdankt ihren Wunsch, Nautik zu studieren, ihrer Familie. „Es gibt ansonsten einfach zu wenige Informationen über neuere oder ausgefallenere Berufsoptionen“, bedauert die Gymnasiastin. „Berufsmessen und Jobbörsen in weiterführenden Schulen sind ein erster Schritt in die richtige Richtung, allerdings muss man auch da schon eine Idee von den eigenen Interessen haben, sonst ist man bei diesen Events haushoch überfordert.“

Genau deswegen setzt die Bundesagentur für Arbeit seit dem laufenden Schuljahr nicht nur vermehrt Berufsberater in der Mittelstufe ein, sondern stellt auch online ein „Selbsterkundungstool“ zur Verfügung. Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) fordert eine bessere Verzahnung von Schulen und Betrieben und weist auf die Notwendigkeit hin, die Jugend für IT-Berufe zu begeistern, zum Beispiel durch ein bundesweites Pflichtfach Informatik. Das war beim 17-jährigen Jonathan nicht notwendig. Er möchte nach dem Abitur Informatik studieren und schaut zuversichtlich in die Zukunft: „Ich denke, es wird leicht, eine Stelle zu finden. Schließlich werden ja überall Programmierer gebraucht.“ Recht hat er, denn bereits jetzt sind deutschlandweit über 124.000 Stellen im IT-Bereich unbesetzt.

Vom Affiliate Marketing Manager bis hin zum Technischen Produktdesigner könnte man die Liste der durch die Digitalisierung neu entstandenen Berufe endlos weiterführen. Zum Glück haben Aurora und ihre Mitschüler noch ein paar Jahre Zeit, um ihre Fähigkeiten und Interessensschwerpunkte herauszufinden und um zu realisieren, dass es zum Traumberuf YouTuber viele Alternativen gibt, die vielleicht doch besser zu ihnen passen.

 

Text von Valentina Schott, 22, träumt davon, Diplomatin zu werden.
Teaserbild: Paula Hohlfeld

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