Wie spießig ist das denn?

Tschi-What?

Pssssst! Ihre innere Stimme hat SPIESSER-Autorin Polina bei einem Qigong-Kurs entdeckt und dabei am Räucherstäbchen-Fanclub Gefallen gefunden. Esoterische Langeweile oder entspanntes Runterkommen? Ein klarer Fall für den SPIESSER-Test.

04. Oktober 2014 - 07:33
SPIESSER-Autorin Individuot.
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Individuot Offline
Beigetreten: 01.07.2014

„Qigong, Tai-Chi, Pilates – alles der gleiche Kram, bei dem viel geredet und wenig körperlich getan wird“, so dachte ich lange über asiatisch angehauchte Sportarten, wenn man sie überhaupt Sportarten nennen kann. Außerdem wird ständig alles Mögliche personifiziert: die Erde, die Luft, einzelne Körperteile, die Yoga-Matte. Skeptisch betrete ich das Qigong-Zentrum und muss zunächst die Schuhe ausziehen. Na, das fängt ja typisch an!

„Irgendwie werden jetzt auch meine Zehen taub“

Pssst! Im Stuhlkreis soll sich jeder
konzentrieren.

So langsam trudeln die anderen Kursteilnehmer ein und ich merke, dass ich den Altersdurchschnitt der Gruppe dramatisch nach unten ziehe. Ich weiß nicht so recht, wohin mit mir, und beobachte erst mal. Typische Sportkleidung gibt es nicht, dafür leichte Baumwollgewänder. Am Tisch steht bereits eine Kanne bereit. „Ach Leute, der Tee zieht doch schon wieder viel zu lange“, ruft Horst-Rainer Rust, Ansprechpartner des Qigong-Zentrums und Kursleiter, während er frischen Tee aufsetzt.

Es geht los: Wir eröffnen einen Stuhlkreis und konzentrieren uns eine Weile auf eine gerade Sitzposition und unsere Atmung. Alle sitzen mit geschlossenen Augen da, die ersten fangen an zu gähnen. Ich schließe die Augen und versuche, mich zu entspannen. Mist, meine Nase juckt. Irgendwie werden nun auch noch meine Zehen taub. Ich fühle mich ein wenig wie bestellt und nicht abgeholt, weil die Entspannung, die alle einnimmt, sich bei mir auf Biegen und Brechen nicht einstellen will.

Und jetzt mal alles zum Fließen bringen

Bei den ersten Übungen merkt Polina noch
nichts...

Bei langsamen Bewegungsübungen sollen wir das Qi („Tschi") mal fl ießen lassen, mal ziehen und mal einsammeln. Jemand niest. „Oh, das war wohl ein Ha-Qi“, witzelt Herr Rust. „Das Qi ist die universelle Lebenskraft“, lerne ich, „es ist eine dynamische und bewegliche Ursubstanz und die bewegende und formgebende Kraft hinter allem. Außerdem ist es ganz wichtig, dass das Qi im Gleichgewicht ist, weil nur so auch der Mensch im Gleichgewicht sein kann. Ein Qi, das im Ungleichgewicht ist, löst Krankheiten und Beschwerden jeglicher Art aus.“

„Qi“ ist nur eines der erklärungsbedürftigen Wörter, die während des Kurses fallen und die mir Fragezeichen auf die Stirn zaubern: Meridian, Dentian, Laogong-Punkte, Bai Hui, Yong Quan Punkt folgen. Ich wünschte, ich hätte ein Lexikon für asiatische Medizin dabei. Immerhin wird mir klar, dass mit Qigong die Fähigkeit bezeichnet wird, das Qi zu bewegen und zum Fließen zu bringen. Fließen ist sowieso ein wichtiges
Stichwort beim Qigong. Alle Übungen werden sehr langsam und mit Bedacht ausgeführt und wiederholt. Durch das langsame, bewusste Ausführen der Übungen verfalle selbst ich nach und nach in einen meditativen Zustand und merke, wie sich Verspannungen lösen. Als mein erster Gähner fällt, bin ich tiefenentspannt und nehme auch die anderen Teilnehmer und die Umgebung nicht mehr so stark wahr. Ich bin ganz bei mir, und mein Qi fühlt sich pudelwohl in seinem Gleichgewicht.

Und? Muskelkater?

...doch am Ende ist sie entspannt und
nimmt Muskelkater mit nach Hause.

Der Kurs endet mit einer Energieübung gegen Müdigkeit und einer Verbeugung. Ich fühle mich zwar, als wäre ich gerade aufgewacht, bin aber weder ausgelaugt noch erschöpft, sondern entspannt und ruhig. Mir wird bewusst, dass Qigong gar nicht mal so spießig ist. Laut Herrn Rust habe ich Talent und der Haufen an Qi, den ich an diesem Abend gesammelt habe, hält hoffentlich noch eine Weile an. Ich werde zwar weiterhin schwer an eine Urkraft glauben können, die alles bewegt und in allem steckt, aber um für eine Weile den Alltag zu vergessen und sich auf sich selbst zu konzentrieren, eignet sich Qigong hervorragend. Und wider Erwarten – am nächsten Morgen habe ich Muskelkater.

 

 

Text: Polina Boyko
Fotos: Daniel Scholz

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