Ein Leben mit der Angst

Unendliche Angst

Wovor ich Angst habe: „Angst vor dem Sein, vor der Unendlichkeit“. Was ich liebe: „gutes Essen, Konzerte, sonnige Tage, Reisen“. Eine 21-jährige SPIESSER-Leserin erzählt von ihrem Weg:

30. Oktober 2015 - 13:31
SPIESSER-Redakteurin Onlineredaktion.
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Beigetreten: 25.04.2009

Ich kann mir ein Leben ganz ohne Angst nicht mehr vorstellen. Das klingt sicher wie eine riesige Bürde. Aber diesen Zustand einmal akzeptiert zu haben, macht es für mich einfacher. Tatsache ist, dass die Angst größer wird, je mehr ich mich dagegen wehre und versuche sie zu verdrängen. Sobald ich sie mir angenommen habe, so denke ich, kann sie ein unterstützender Begleiter werden.

In guten Zeiten agiert meine Angst nur im Hintergrund, immer da aber nicht allzu aufdringlich. In schlechten Zeiten ist die Angst lahmend, ständig anwesend und bedrückend. Die Sache, vor der ich Angst habe, ist eher komplex und nicht greifbar: Ich finde schwer einen Sinn im Leben. Allgemein gesprochen, sehe ich oft nur das große Universum über mir und frage mich, was ich hier zu tun habe und was genau mich da umgibt. Viele empfinden die Weiten des Weltalls als faszinierend oder assoziieren sogar Freiheit damit. Mich erdrückt diese Weite regelrecht. Ich fühle mich in der Unendlichkeit gefangen und ihr ausgeliefert. Ohne Selbstbestimmung, dafür mit dem Gefühl der absoluten Ohnmacht. Meine Gedanken kreisen in einer Spirale, die kein Ende finden will. Deshalb ist es schwer, mich der Angst zu stellen. Es ist ein eher philosophischer Gedanke, der von keinem Menschen zu Ende gedacht werden kann.

Regelmäßig Angst zu haben, das bedeutet nicht zuletzt auch mit der ständigen Angst vor der Angst leben zu müssen. Immer wieder komme ich in Situationen, die ich mit diesem Gefühl assoziiere. Bei mir gehört längeres Alleinsein, das Betreten unbekannter Orte oder der Blick in den klaren Himmel dazu. Selbst wenn innere Anspannung, Herzklopfen und zittrige Hände einmal nicht allzu präsent sind, so ist doch im Hinterkopf das Wissen, dass es jederzeit auftreten könnte. Deshalb hat sich ein gewisses Vermeidungsverhalten in mein Leben eingeschlichen. In guten Zeiten kann ich das abschalten und recht frei leben. In schlechten Zeiten komme ich nicht einmal mehr aus meinem Bett. Ich muss mich permanent ablenken und bin nicht mehr in der Lage, mein Zimmer zu verlassen, geschweige denn, am normalen Alltagsleben teilzunehmen

Prof. Dr. Höll: „Phobien treten sehr häufig auf in unserer Gesellschaft. Fast jeder siebte ist davon betroffen. Sobald eine Angst das Leben derart einschränkt, sollte man dringend einem Arzt oder einem Psychotherapeuten davon erzählen.“

Mein Vater meint oft, ich müsse mich einfach mal zusammenreißen und raus gehen. Ein Mensch, der ohne vergleichbare Ängste lebt, kann sich aber einfach nicht vorstellen, dass genau so etwas in diesen Momenten absolut undenkbar ist. Bei mir sind das die Phasen, in denen die komplette Überforderung eintritt. Alles ist zu viel. Sogar das Radfahren zur Uni oder Essen zubereiten. Die Angst lähmt mich. Ein heftiges Ohnmachtsgefühl überschattet mein Denken und Handeln. Ich fühle mich hilflos, machtlos und gefangen.

Noch vor wenigen Monaten hat mir meine Angst alle Freude und Zuversicht genommen, bis ich, am Tiefpunkt dieses Jahres, ins Krankenhaus ging. Die tiefenpsychologische Behandlung half mir wieder auf die Beine zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. Die Gemeinschaft und der Austausch mit Patienten, die teilweise ähnliche Erfahrungen machen mussten, gab mir neue Kraft. Motivation zu schöpfen verlangt mir jedoch noch immer viel ab.

Prof. Dr. Höll: „Bei einer tiefenpsychologischen Therapie kann man den Auslöser der Angst aufspüren, was die Behandlung sehr erfolgreich machen kann.“

Das ist das Stadium, in dem ich mich momentan befinde. Restabilisieren und einen lebenswerten Alltag schaffen, mit viel Bewegung, der Gesellschaft von lieben Menschen und Herausforderungen im Studium.

Eine geraume Zeit war ich nicht mehr in der Lage mein Leben zu genießen, da mein Alltag von Angstgefühlen bestimmt war. Nun aber freue ich mich wieder sehr auf mein Studium. Meine drei Mitbewohnerinnen sind wie eine Familie für mich geworden. Ich bin glücklich über den unterstützenden Freundeskreis und meine verständnisvolle Familie. Besonders über meinen Freund.

Ich habe gelernt, dass eine Angst immer zwei Seiten hat. Nicht nur eine schlechte, sondern auch etwas Positives. Das Schönste, das mir während meiner Krankheit passiert ist? Die vertiefte Nähe zu Freunden und meinem Partner. Ich weiß, ich kann auf meine Leute zählen – und das gibt mir unendlich viel Kraft. Ich akzeptiere die Angst mehr denn je und weiß, dass das Auseinandersetzen mit ihr, mich weiterbringen wird. Denn nichts macht mir mehr Angst, als das Ungewisse.

Wer Prof. Dr. Höll ist, erfahrt ihr hier.

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Kommentare

Ein Kommentar
  • ich hatte immer angst das mir mein arsch aufgerissen wird, sprich ich therapiert werde ein normaler mensch zu sein. Ich zum arbeitsamt renne und weine gebt mir arbeit, ich kann sonst nicht leben im sozialsystem, bis ich irgendwann begriffen habe ihr könnt mich mal all am arsch lecken ihr blöden mixer

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