Ihr für Flüchtlinge

Unterwegs an der Grenze

Fethullah, Sinah und Jannis sind über die Balkanroute ins griechische Idomeni gefahren, wo tausende Flüchtlinge ausharren. Unterwegs haben sie Spenden verteilt, Filme gedreht und andere Ehrenamtliche unterstützt. SPIESSER-Autorin Laura hat mit dem Trio gesprochen.

03. Juni 2016 - 13:28
SPIESSER-Autorin Laura....
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Laura... Offline
Beigetreten: 17.05.2009

Fethullah und Jannis studieren Politik- und Islamwissenschaft in Heidelberg. Kein Wunder also, dass sich die beiden auch in ihrer Freizeit über das unterhalten, was in der Welt geschieht. Als sich die Situation entlang der Balkanroute verschärfte, wollten sie nicht länger untätig bleiben, da sich ununterbrochen Flüchtlinge unter schwersten Bedingungen auf den Weg nach Europa machten.

Kurzerhand entschieden die Studenten, in ihren Semesterferien auf den Balkan zu fahren. Das war im November 2015. „Wir wollten uns selbst ein Bild von der Situation verschaffen“, berichtet Fethullah. Sie wollten mit ihrer Hilfe einen kleinen Teil dazu beitragen, dass Menschen, die in ihrer Heimat unbeschreibliches Leid erfahren haben, auf ihrer Flucht zumindest mit dem Nötigsten versorgt werden. Ihr Vorhaben nannten sie „Ease the Way“ und bloggten später auch unter diesem Namen.

Von Dortmund aus auf die Balkanroute

Endlich kann es losgehen: Jannis knipst vor der Abfahrt noch
ein Selfie.

Binnen weniger Wochen organisierten die beiden ihre Reise. „Die Vorbereitungen waren etwas schwierig“, erinnert sich Fethullah. Bis sie die Finanzierung gesichert und alle bürokratischen Hürden überwunden hatten, dauerte es eine Weile. Schließlich unterstützte sie die Deutsche Auslandsgesellschaft mit rund 3.000 Euro und Kontakten zu Hilfsorganisationen entlang der Route. Ein Dortmunder Autohaus lieh ihnen einen Transporter. Auch die beantragten Presseausweise bekamen sie kurz vor Beginn ihrer Reise im Februar.

„Wir wollten vor Ort helfen und alles möglichst gut dokumentieren“, erzählt Jannis. Deshalb holten die beiden noch Filmstudentin Sinah in ihr Team. Unterwegs änderte das Trio dann seinen Plan: „Wir haben gleich zu Beginn der Reise festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, gleichzeitig zu helfen und zu filmen. Man kann immer nur eines von beiden richtig gut machen“, meint Jannis. „Wenn man mit der Kamera auf die Menschen zukommt, verhalten sie sich anders, als wenn man als Helfer aktiv ist. Man kommt in beiden Situationen ganz unterschiedlich ins Gespräch.“ Insgesamt habe die Gruppe etwas mehr gefilmt und ihre Eindrücke auf einem Blog dokumentiert, an einigen Tagen aber nur mitgeholfen, wo sie gebraucht wurde.

Im österreichischen Wels und Graz sortierten sie Kleiderspenden für ankommende Flüchtlinge und unterhielten sich mit anderen Engagierten. Unter den freiwilligen Helfern waren auch Geflüchtete aus Syrien, die sie zum Abendessen einluden. In Graz verteilten sie Sachspenden, die Freunde und Bekannte ihnen mit auf den Weg gegeben hatten. In einem Transitlager in Dobrova, an der slowenisch-kroatischen Grenze, räumten sie zwei Tage lang auf und teilten von der Hilfsorganisation Slovenska Filantropija organisierte Decken, Kleidung, Essen und Hygieneartikel aus. „Das wurde überall gebraucht“, erinnert sich Jannis.

In einer surrealen Welt

Die köperliche und psychisch harte Arbeit geht auch an
Fethullah nicht spurlos vorbei.

Während sich das Trio auf den Weg machte, verschärfte sich die Situation in den Grenzregionen: Zäune wurden gebaut und Übergänge stärker kontrolliert. Auf dem Plan standen ursprünglich die Balkanländer Österreich, Ungarn, Kroatien, Serbien, Slowenien, Mazedonien und Griechenland. „An unserem geplanten Ziel in Slowenien wurden wir aber zum Beispiel gar nicht gebraucht“, sagt Fethullah: „Als wir dort ankamen, war die klassische Balkanroute quasi schon tot.“ Die Menschen saßen in verschiedenen Transitlagern fest, weil sie diverse Grenzen nicht mehr passieren durften. Also änderten sie die Route.

Die Zustände in den überfüllten Flüchtlingslagern zu sehen, war krass. Vor allem in Idomeni hat sich ihnen ein surrealer Eindruck geboten, denkt Jannis zurück: „Da waren Drei-Personen-Zelte so weit man schauen kann. Es war absurd: Da waren diese krassen Bilder von Erwachsenen und Kindern, die gar nichts mehr haben, und zugleich haben sie bei der Essensausgabe gesungen und getanzt.“

Die Not vieler Menschen ist groß gewesen. Mehrere Autoladungen mit Schlafsäcken, Büchern und Stiften für Kinder und Lunchpaketen haben sie in Athen gekauft und in Idomeni verteilt. „Uns wurde alles regelrecht aus den Händen gerissen“, sagt Sinah. Auch die Dimensionen der Hilfe im Flüchtlingscamp sind unglaublich. Das Trio von „Ease the Way“ schloss sich dort der gemeinnützigen „Aid Delivery Mission“ an und kochte täglich für bis zu 10.000 Menschen.

„Man gewöhnt sich an den Schock“

Die Zustäne in Idomeni

Die Erlebnisse im Blog festzuhalten und viel miteinander zu reden, hat Sinah geholfen, besser damit umgehen zu können. Fethullah ist erstaunt, wie gut das tatsächlich funktioniert hat. „Egal, wie schockiert man war, man gewöhnt sich relativ schnell daran und lernt, mit der Situation umzugehen“, resümiert er nach Ende der vierwöchigen Reise.

Fethullah, Jannis und Sinah sind seit einigen Wochen wieder in Deutschland, doch noch lange nicht fertig mit ihrer Arbeit. Um in Zukunft unabhängiger von Unterstützern helfen zu können, haben sie jüngst einen Verein gegründet. Ihre Erfahrungen auf der Balkanroute möchten sie bald in Form von Schulveranstaltungen zum Thema Flucht weitergeben. Ob sie in den nächsten Semesterferien wieder nach Idomeni reisen werden, wissen sie noch nicht. Aufgrund der politischen Geschehnisse ist Idomeni schon heute anders als noch vor zwei, drei Monaten, meint Fethullah. Fraglich sei, wie es mit den Menschen nach der Räumung des Lagers weiter geht.

Tex: Laura Konieczny
Fotos: Ease the way

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