Schmökern

Ursula Poznanski: „Cryptos“

Was ist, wenn Umweltkatastrophen unsere Welt zerstören? Die Realität draußen so schrecklich ist, dass sie nicht mehr auszuhalten ist? Dann entwickeln die Menschen Technologien, um dem zu entkommen. Geräte, die es einem erlauben virtuell in programmierten Welten zu leben. Doch währenddessen tobt die Zerstörung der Welt weiter. SPIESSER-Autorin Ema hat sich dem Zukunftsszenario von „Cryptos“ gestellt.

18. September 2020 - 10:54
SPIESSER-Autorin Em.
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Em Offline
Beigetreten: 17.07.2015

Worum geht’s?

Es ist die Zukunft und unsere Erde agiert in einer Selbstzerstörung gegen sich selbst. Tsunamis, Waldbrände, Dürren und Überschwemmungen sind an der Tagesordnung. Doch die Menschen schotten sich ab, liegen in Hightech-Anzügen regungslos in Kapseln und verbringen ihre Zeit lieber virtuell. Der Anzug ermöglicht es ihnen, die virtuellen Welten aktiv zu erleben, zu fühlen, zu denken, Entscheidungen zu treffen. Alles scheint „echt“. Auch der Tod wird erfahrbar. Doch tatsächlich stirbt niemand, denn der Mensch in seiner Kapsel bleibt erhalten. Ähnlich wie in heutigen Videospielen kann jeder Mensch nach dem virtuellen Tod einfach wieder von vorne beginnen.

So gibt es neben zahlreichen friedlichen, virtuellen Welten, zum Beispiel eine Lernlandschaft für Kinder oder eine Welt nach der Romanvorlage Jane Austens, auch gefährliche Welten. Ein mittelalterliches London, mit Schlägereien und der Pest. Zahlreiche historisch nachgestellte Kriegsschauplätze. Eine eisige Winterlandschaft ohne Zufluchtsmöglichkeit. Eine Landschaft voller fleischfressender Dinos. Eine mystische Fantasy-Welt mit todeswütigen Gestalten. Eine viktorianische Vampirlandschaft. Die Menschen sehnen sich nach Adrenalinkicks und Extremerfahrungen und verlieren immer mehr den Bezug zur realen Welt, die sie draußen erwartet und ihre Hilfe braucht.

Die virtuellen Welten werden von einer kleinen Anzahl an Designern kreiert. Jana wird mit 17 Jahren ebenfalls rekrutiert und ist eine der Außerwählten, die bei ihrem Arbeitgeber Mastermind in der Realwelt arbeitet. Sie gilt als aufstrebendes Talent und ihre Welten sind gut besucht. Doch eines Tages bemerkt sie viele Exits in ihrer friedlichsten Welt, Kerrybrook, ein verschlafenes, irisches Fischerstädtchen. Exits – das sind reale Todesfälle, die gelegentlich vorkommen, wenn ein älterer Spieler in seiner Kapsel eines natürlichen Todes stirbt. Doch so viele auf einmal sind auffällig und Jana wird neugierig. Gegen die Anweisungen ihres Arbeitgebers macht sie sich auf eine lange Suche.

„Cryptos“

Autorin: Ursula Poznanski
Veröffentlichung: 12. August 2020, Loewe Verlag
Seitenzahl: 444

Wer steckt dahinter?

Die österreichische Schriftstellerin Ursula Poznanski brachte 2009 ihren Debütroman „Erebos“, einen Jugendroman-Thriller, auf den Markt. 2011 gewann der Roman den deutschen Jugendliteraturpreis. 2019 schrieb die ehemalige Journalistin eine Fortsetzung. Seit der Veröffentlichung von „Erebos“ folgten weitere Publikationen im Genre. Mit „Cryptos“ schrieb Poznanski nun ihren ersten Roman, der sich mit einer möglichen Klimakatastrophe auseinandersetzt.

Kurz und knapp oder dicker Schinken?

Mit genau 444 Seiten ist der Roman doch eher ein dicker Schinken. Aber dafür ist das Buch ein ganz schöner Hingucker im Regal und man hat lange Lesefreude daran.

Für die Bahn, den Sessel oder den Pausenhof?

Am besten eignet sich dann wohl der heimische Sessel oder ein gemütliches Plätzchen in einem Café. Während Jana im Buch beschreibt, wie sie Dinge in der virtuellen Welt schmeckt, kann man sich bei einer heißen Tasse Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen dankbar schätzen, alles in echt erleben und schmecken zu dürfen.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie schwer ist es, das Buch wegzulegen?

Ich verorte das Buch zwischen einer 9 und 10, denn zumeist hört das Kapitel genau dann auf, wenn Jana einer Gefahr entkommt und in einer neuen, virtuellen Welt landet. Ein klassischer Cliffhanger demnach, so dass man wissen möchte, in welcher Welt die Protagonistin nun gelandet ist und was sie dort erwartet.

Wem borgt man es nach dem Lesen als erstes?

Freunden, die total auf jegliche Arten von Computerspielen abfahren. Die beschriebenen (Spiel-) Welten sind für Game-Freaks einfach ein wahres Paradies! Aber auch Freunde, die sich für die Zukunft unserer Erde und den Klimawandel interessieren, könnten das Buch verschlingen.

Lieblingszitat:

„Ich habe ohnehin meinen Platz in der unbequemen, heißen, echten Welt und frage mich
schon beim ersten Bissen, warum das eigentlich als erstrebenswert gilt. Natürlich ist die Realwelt der einzige Ort, an dem man wirklich auf Dinge Einfluss nehmen, sie verändern und
verbessern kann. Aber in diesem Moment finde ich das vollkommen bedeutungslos.“ (S. 66)

In drei Worten:

Surreal. Unheimlich. Mitreißend.

 

Text: Ema Jerkovic
Cover: Loewe Verlag
Teaserbild: Ema Jerkovic

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