Herbst 2019: Privatsphäre

Verletzt Instagram meine Privatsphäre?

Wir chatten, posten, liken und sharen, was das Zeug hält. Doch welchen Preis zahlen wir wirklich, wenn wir unser Leben uploaden? Welche Rolle spielt dabei Privatsphäre – und was ist das überhaupt noch? Die Klärung dieser Fragen beginnt mit einer Datenanalyse.

16. September 2019 - 13:41
SPIESSER-AutorIn Sofie Silber.
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Sofie Silber Offline
Beigetreten: 16.11.2018

Seit einem Jahr bin ich auf Instagram aktiv. Ich bin dem Netzwerk erstaunlich spät beigetreten, was einen zentralen Grund hatte: Ich war ungewiss, was mit meinen Daten passiert. Wie lange und wo sie gespeichert werden, beispielsweise. Ich wollte meine Privatsphäre schützen. Doch irgendwann habe ich dem Drang, Bilder und Nachrichten von Bekannten und Freunden zu sehen und zu bewerten, nachgegeben. Ich war es leid, mich immerzu auf die schockierte Frage „Wie, du hast kein Instagram?!“ zu rechtfertigen. Nach meinem Beitritt ist auch alles gut gelaufen: Ich habe mein Konto brav auf privat gestellt, nur Anfragen von Personen, die ich persönlich kenne, akzeptiert und mir so eine mittelgroße Community von 200 Abonnenten und Abonnements aufgebaut. Ich habe die Beiträge kommentiert, auf denen ich markiert wurde, und nach einem lustigen Partyabend ein Foto der ausgelassenen Stimmung in meine Story gestellt. Nach und nach verstand ich Instagram, kam hinter das System, das auf dem Folgen-Zurückfolgen-Prinzip beruht. Und so entdeckte ich, während ich meine Einstellungen durchstöberte, eine sehr interessante Funktion: „Deine Daten von Instagram downloaden“. „Kann ja nicht schaden“, habe ich mir gedacht und gleich ausprobiert. Kann ja nicht schaden zu sehen, ob Instagram mehr als upgeloadete Bilder, Kommentare und Chatverläufe gespeichert hat. Natürlich war mir klar, dass Instagram mein Nutzungsverhalten analysiert und dokumentiert. Aber dass der Konzern einen so starken Einblick in mein Leben bekommt, den ganzen sozialen Umkreis erkennt, in dem ich mich bewege … Dabei habe ich jeden Tag doch nur zehn, fünfzehn Minuten meinen Newsfeed gecheckt! Mich hat fasziniert und schockiert, wie leicht man seine Privatsphäre dadurch aufgibt, oder das, was ich bis dahin für „Privatsphäre“ gehalten habe.


Unter „Profil“, „Einstellungen“ und schließlich ganz unten bei
„Privatsphäre und Sicherheit“ findet jeder Instagram-User den
Hyperlink: Download anfordern.

Doch zurück auf Anfang. Der „Datendownload“ ist eine Funktion auf Instagram, die jeder Nutzer in seinen Einstellungen findet. Die Verarbeitung dauert bis zu 48 Stunden. So weit, so gut, jetzt hieß es also warten. Doch warum lässt Instagram seine Nutzer einen Blick in ihr Profil werfen? Grund dafür ist die EU-Datenschutz-Grundverordnung, die am 25. Mai 2018 in Kraft trat. In Artikel 20 sieht sie vor, dass „die betroffene Person […] das Recht [hat], die sie betreffenden personenbezogenen Daten […] in einem gängigen, strukturierten und maschinenlesbaren Format zu erhalten.“ Heißt also: Jeder hat das Recht, zu wissen, welche Daten er oder sie teilt – und jeder soll diese auch verstehen können. Mal sehen, ob ich das auch kann. Zwei Tage später ist es endlich so weit: Ich empfange einen Link, der mir einen Einblick in meine Daten gewährt. Als ich die ZIP-Datei herunterlade und entpacke, stelle ich fest, dass alle Informationen in einer einzigen langen Zeile aufgelistet sind. Durch Kommas, Leerzeichen, Befehle und Anführungszeichen getrennt, versteckt sich der Inhalt meiner Nachrichten, verteilte Likes, angesehene Stories mit Datum, Uhrzeit und Account-Info. Penibel aufgelistet, chronologisch geordnet. Auch die Fotos sind alle da. Jedes Emoji, jede Reaktion auf die Story meiner Freunde. Und da, im Ordner „contacts“, auch die Telefonnummern und E-Mail-Adressen meiner Kontakte. Das schockiert mich ganz schön, obwohl ich selbst zugestimmt habe, dass Instagram Zugriff darauf hat. Ich stelle mir die Frage, wie viel der Konzern dadurch über meine Freunde, mein gesamtes Umfeld, erfährt. Verletze ich in gewisser Weise die Privatsphäre meiner Freunde, wenn ich Daten über sie veröffentliche? Oder geben wir unsere Daten gegenseitig preis?


„Mich hat fasziniert und schockiert, wie leicht man
seine Privatsphäre aufgibt.“

Um das zu durchdenken, schaue ich mir erst mal an, was unter „Privatsphäre“ im Allgemeinen verstanden wird. Fakt ist: „Privatsphäre“ ist das zwölfte Menschenrecht der United Nations und wird als Recht auf freie Entfaltung und Schutz vor willkürlichen Eingriffen in die persönliche Sphäre definiert. Das bedeutet also: Wir haben ein Recht auf ein Privatleben und alles, was dazugehört. Beispielsweise, dass niemand unsere Briefe öffnet, wenn wir das nicht wollen. Doch was ist mit unseren Nachrichten im Instagram-Messenger? Sind das nicht auch digitale Briefe? Wer genau diese mitliest, ist unklar, im Datendownload sind sie jedenfalls unter „messages“ zu finden. Ich frage mich: Ist das Speichern privater Nachrichten mit einer Verletzung unseres Briefgeheimnisses zu vergleichen? Das würde bedeuten, Instagram verletzt unsere Privatsphäre. Dem ist aber nicht so. Indem ich den allgemeinen Geschäftsbedingungen von Instagram zustimme, kenne ich die Richtlinien. Ich weiß oder kann wissen, wie mit meinen Daten umgegangen wird. Eine Verletzung des Briefgeheimnisses bedeutet aber, etwas geschieht gegen meinen Willen und ohne meine Kenntnis.

Doch was genau ist Privatsphäre für mich individuell? Was schließe ich aus der allgemeinen Definition der United Nations? Für mich beinhaltet Privatsphäre in erster Linie den Schutz derjenigen Daten über meine Person, die ich nicht preisgeben möchte, wie ärztliche Diagnosen oder „Familienangelegenheiten“. Privat ist demnach das, was jeder für sich selbst als privat definiert – was das alles betrifft, kann sehr stark variieren, und dafür bietet die Definition der United Nations genug Raum.

Was heißt das in Bezug auf Instagram? Für mich bedeutet das einerseits, das zu posten, was ich möchte. Dadurch kann ich mich ausleben und so zeigen, wie ich will. Andererseits heißt es auch, in Ruhe gelassen und nicht für meine Selbstdarstellung schikaniert zu werden. Konkret: Wenn ich ein freizügiges Foto auf meinem Instagram-Kanal posten möchte, darf ich das auch. Solange ich mich an bestimmte Regeln wie das Urheberrecht halte, hat niemand die Befugnis, mir das zu verbieten. An dieser Stelle ist es wichtig, zwischen Privatsphäre und Datenschutz zu unterscheiden. Datenschutz ist der Schutz meiner Daten vor Missbrauch. Dazu gehört, dass meine Informationen nicht an Dritte weitergeleitet werden. Ich möchte die Kontrolle über meine Daten, die als Querschnitt meiner Verhaltensspirale zu sehen sind, behalten. Als Zeichen der Selbstbestimmtheit. Denn was passiert, wenn ich diese Kontrolle verliere? Ganz einfach: Ich fühle mich machtlos. Ich fühle mich wie ein Objekt, definiert durch mein Konsumverhalten und kategorisiert nach Zielgruppen. Mein Wert hängt von meinem marktwirtschaftlichen Nutzen ab, inwiefern es sich lohnt, mir „effiziente Werbung“ anzuzeigen.


„Eines hat mir die Datenanalyse gezeigt: Privatsphäre und Instagram
sind kein Widerspruch.“

Meine Daten auf Instagram beinhalten nicht nur das, was ich selber durch Likes, Kommentare und Verlinkungen preisgebe. Auch das, was meine Freunde sharen und uploaden, auf welchen Fotos, mit welchen Hashtags, sie mich markieren – all das bildet ein riesiges Netz aus Daten. Verknüpfungen, die gut sortiert problemlos mein soziales Netzwerk aufzeigen können. Verletze ich demnach durch Ortsangaben auf Bildern oder Markierungen die Privatsphäre meiner Freunde? Greife ich ihren persönlichen Raum an, wenn ich Fotos von uns hochlade? Das kommt klar auf den Fall an. Solange ich meine Freunde frage, ob ich Bilder von ihnen posten darf, respektiere ich ihre Privatsphäre. Denn eines hat mir die Datenanalyse gezeigt: Privatsphäre und Instagram sind kein Widerspruch. Beides lässt sich vereinen, indem man einige Grundregeln befolgt und mit der gegenseitigen Privatsphäre verantwortungsvoll umgeht. Bis dahin können wir weiter sharen, liken und posten.

 

Text von Sofie Silbermann, 17, ist nach wie vor auch mal länger als 15 Minuten täglich auf Instagram aktiv.
Fotos von Said Kallup, arbeitet seit elf Jahren als Fotograf, kommt noch aus der Zeit von MySpace! Insta: @said_kallup
Teaserbild: Paula Hohlfeld

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