Kinofeeling

Verleugnung

In postfaktischen Zeiten, in denen wir die Freiheit der Meinung als Deckmantel von Fake News enttarnen müssen, zeigt „Verleugnung“ wie es gehen kann.

20. April 2017 - 16:11
SPIESSER-Autor Der Mann den Sie Pfirsich Nannten.
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Der Mann den Sie Pfirsich Nannten Offline
Beigetreten: 24.04.2015

Worum geht's?

Die Professorin und Expertin für den Holocaust Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) bringt ein neues Buch heraus, in dem sie den Holocaustleugner David Irving (Timothy Spall) als Holocaustleugner verunglimpft, woraufhin er sie wegen Verleumdung verklagt. Verleumdung gegen Verleugnung.


Professorin und Expertin für den Holocaust Deborah Lipstadt.

Der Hauptteil des Filmes besteht dann im gerichtlichen Verfahren und dessen Vorbereitungen sowie die moralische Berg- und Talfahrt, die man auf dem Kinosessel ohne Feststellbügel ertragen muss.

Vom Sehgefühl erinnert der Film an den Vorjahresoscargewinner „Spotlight“, nur dass „Verleugnung“ sich dem letzten Schritt einer bereits historisch gewachsenen skandalösen Recherche widmet. Und der Film nicht so dramaturgisch geschickt daherkommt. Dabei trifft er aber den menschlichen Kern der Zeit, die immer unmenschlicher zu werden scheint und bringt die dringende Frage hervor: Wie gehen wir mit Menschen um, die wissentlich Unwahrheiten verbreiten, um für ihre politische Agenda zu mobilisieren? Reicht Zorn? Hilft Sachlichkeit? Oder lösen am Ende doch nur Onlinepetitionen das Problem?

Wer spielt mit?

Die natürlich alleinlebende und in der Freizeit joggende Professorin wird von der wundervollen Rachel Weisz gespielt, die offensichtlich ihr Alter leugnen möchte. Ihren verabscheuungswürdigen Gegenspieler spielt Timothy Spall, der einen Hang zum Unsympathischen zu haben scheint, kennen ihn einige von euch sicher noch als Wurmschwanz im Harry Potter Universum.

Als Anwalt von Deborah tritt Tom Wilkinson in seiner fülligen Advokatenstatur und seiner Churchilligkeit hervorragend an die Seite von Rachel Weisz. Die sehr britische Besetzung begründet sich neben der in England handelnden Geschichte auch mit der Unterstützung der Produktion durch den britischen Sender BBC.

Auf einen Blick
Action:
Romantik:
Humor: ✪ ✪
Niveau: ✪ ✪ ✪
Bildungsfaktor: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪
Filmischer Augenschmaus?

Nein. Mit Absicht. Hier gilt function over style.
Allerdings ist der Film gespickt mit Aufnahmen aus Auschwitz im nebeligen Winter, die einen den Atem stocken lassen. Zumindest für den geschichtsbewussten Deutschen ist das stellenweise etwas mehr als nötig, aber für die internationale Bühne braucht es die intensivere Betonung des Grausamen möglicherweise.

Gibt's was zu meckern?

Dem Film gelingt es stellenweise nicht den sehr eng gestrickten Handlungsrahmen um das Gerichtsverfahren herum mit hinreichend Spannung und Tiefe zu füllen. Die strenge Konzentration auf diesen Einzelfall lässt ein wenig Potential liegen, ist aber mit Sicherheit so beabsichtigt. So lässt sich der Film phasenweise von der Trockenheit richterlicher Auseinandersetzungen anstecken. Außerdem begibt man sich einige Male in die schwer vermeidbare Falle des Übererklärens der handelnden Personen, um die Bedeutsamkeit des Falls für Jedermann verständlich herüberzubringen. Unterschätze nie dein Publikum ist bekanntlich die alte Kameralinsenweisheit, aber vielleicht überschätze ich es auch oftmals.

Braucht man Taschentücher?

Die Frage wirkt hier deplatziert. Die Thematik des Zenits den Unmenschlichen berührt jeden Menschen, der ein Herz für mehr als sich selbst hat.

Mit wem angucken?

Mit jedem, der sich fragt, warum wir, die wir doch nichts mehr mit den Taten unserer Großeltern zu tun hätten, immer noch an die Opfer des Zweiten Weltkrieges gedenken sollen. Mit jedem, dem man durch‘s Medium Film einem Zugang zu Geschichte bieten kann, den Schule oder Gesellschaft nicht vermittelten. Mit jedem, der sich fragt, wie man der AfD begegen soll.


Schaffen wir das?
Was macht man danach?

Durchatmen und daheim durch die Timeline gefüllt mit Nachrichten von Erdogan, Trump, Höcke, LePen, Wilders und vielen Weiteren durchscrollen und solange Kopfschütteln, bis sich die Gedanken fügen. Keine Gewähr! Aus medizinischen Gründen nach einigen Stunden aber lieber unterbrechen.

 

In 3 Worten:

Wir schaffen das!

Große Leinwand oder kleiner Bildschirm?

Großes Publikum, kleine Leinwand. Den Film sollten viele Leute sehen, aber auch darüber hören und lesen reicht schon. Die Botschaft und die Gedanken, die dahinführen, stechen hier mehr als filmästhetische Glanzpunkte heraus. Das Bild ist nur Träger der Geschichte.

Mainstream oder Independent?

Der Film wohl independent, da er nicht auf Unterhaltung ausgelegt ist. Die Problematik ist jedoch mainstramig wie lange nicht und daher auch für Schulklassen sicher gut geeignet, um den Diskus anzuregen, der woanders stattfinden muss als in Polittalkshows in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten.

Verleugnung

Regie: Mick Jackson
Schauspieler: Rachel Weisz, Tom Wilkinson, Timothy Spall, Andrew Scott
Kinostart: 13.04.2017
Länge: 110 Minuten
Genre: Dokudrama

 

 

Text: Christian Schneider
Bildmaterial: © SquareOne/Universum

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