Vertretungsstunde

Was macht Europa für mich?

Ein Laptop, ein rosa-flauschiges Notizbuch und grellbuntes Papier. Diana zur Löwen hat ihr Equipment bereits auf das Lehrerpult gelegt. Die Influencerin gibt eine Vertretungsstunde in Sozialwissenschaft am Elisabeth-von-Thüringen-Gymnasium in Köln. Ihre Challenge: Die Jugendlichen zum Wählen bei der Europawahl 2019 zu motivieren. Ob es ihr gelingt?

21. Mai 2019 - 07:34
SPIESSER-Autorin Noe_SB.
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Vorher

Artikel 13, Fridays for Future: Aktuell gehen mehr junge Menschen auf die Straße. Und das will Diana im Fach Sozialwissenschaft aufgreifen: „Es wird sich alles um das Thema Europawahlen drehen, da ich mich in letzter Zeit sehr intensiv damit befasst habe.“ Politik in den eigenen Alltag zu integrieren, sei leichter, als manche denken. Schon alleine morgens während des Schminkens Nachrichten zu hören, würde reichen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. „Ich hoffe, ich kann den Schülern einen Denkanstoß geben, dass sie täglich Nachrichten hören oder sich mit Freunden darüber unterhalten“, setzt sich die Influencerin als Ziel für die heutige Stunde.

Diana zur Löwen

Sie ist 23 Jahre alt, Social-Media-Influencerin und hat seit Januar ihren Bachelor-Abschluss im Fach BWL in der Tasche. Wenn sie nicht gerade auf der Artikel-13-Demo oder im EU-Parlament ihre Meinung verteidigt, veranstaltet sie Women-Empowerment-Events oder Ideen-Workshops wie „Start-up-Teams“ mit Jugendlichen. Auf Instagram könnt ihr sie täglich durch die Themen Beauty, Mode und Politik begleiten.
Während der Stunde

11.45 Uhr im Kölner Gymnasium: Die Schüler betreten mit Vorsicht den Raum. Sie sehen Kameras und mittendrin: eine Social-Media-Influencerin, die fast jeder kennt. Diana geht auf die Mutigen der ersten Reihe zu: „Ihr werdet es überleben!“, lacht die 23-Jährige und schaut sich ihre Klasse an: „Die Hälfte von euch ist ja größer als ich!“

Der Unterricht beginnt mit einem Datum: der 26. Mai 2019. Diana wirft direkt die erste Frage in die Runde – für viele knifflig: „Was ist an dem Tag?“ Ein Schüler aus der letzten Reihe weiß es: „Die Europawahlen.“ Laut Diana ist es insbesondere für Jugendliche wichtig, am politischen Geschehen zu partizipieren. „Es werden Gesetze von Personen beschlossen, die vielleicht nicht unsere Interessen vertreten“, begründet Diana. „Ich selbst war schon zwei Mal auf der Artikel-13-Demo.“


Was würde euch zum Wählengehen überzeugen? Die Schüle-
rinnen und Schüler werden mit Design-Thinking-Methoden zu
Kampagnenmanagern für die Europawahl am 26. Mai 2019.

Doch wie wird gewählt? Wen wählen wir? Die studierte BWLerin erklärt, wie das System der Europawahlen funktioniert. „Man wählt Abgeordnete, die von den Parteien ins Parlament entsendet werden. Die SPD oder CDU gibt es in anderen Ländern nicht, deswegen bilden sich dort sogenannte Fraktionen aus Parteien, die alle eine ähnliche Meinung vertreten“, erklärt Diana.

Die Schüler hören gespannt zu, als ein überraschender Aufruf erklingt: „Holt mal euer Handy raus.“ Mit der Website what-europe-does-for-me.eu versucht Diana, die Zwölftklässler für das Thema „Europa“ zu sensibilisieren. Was tut Europa zum Beispiel in Köln? Oder für Studenten? Förderprogramme wie Erasmus sind dort unter anderem aufgelistet. Das aktuelle Durchschnittsalter im europäischen Parlament liege derzeit bei 54 Jahren, es fehle Frische und Nachwuchs in der Politik, meint die Influencerin. Da kommen Jugendliche als wichtige Meinungs- und Stimmgeber ins Spiel.

„Wir werden jetzt kreativ“, lautet Dianas Ansage zum Endspurt der Stunde. Sie verteilt Eddings und buntes Notizpapier: „Ihr seid jetzt Kampagnenmanager für die kommenden Europawahlen.“ Es sind keine Regeln oder Grenzen gesetzt. Die Schüler sollen all ihre verrückten Ideen im Design-Thinking-Stil aufschreiben. Was würde sie selbst überzeugen, wählen zu gehen? In Partnerarbeit gehen die Zwölftklässler an die Problematik von Nachrichten ran, um neue Konzepte zu entwickeln, wie man Politik jugendfreundlicher machen könnte.

„Viele beschweren sich, dass manche junge Menschen nichts tun, aber ich finde, man kann ihnen keinen Vorwurf machen, wenn sie gar keinen Zugang zu Nachrichten oder Informationen haben, wenn sie keinen Fernseher oder kein Internet haben“, sagt eine Schülerin. „Noch ein Problem ist die Nachrichtendarstellung. Formate wie die „Tagesschau“ sprechen uns Jugendliche gar nicht an“, stellt sie zudem fest.

Nach zehn Minuten intensiver Besprechungen und Austausch mit Diana ist aus dem Stapel Notizzettel ein buntes Tafelbild mit zahlreichen verrückten und interessanten Ideen geworden: ein Filmfestival, das Produktionen über politische Themen zeigen soll, eine Diashow am Kölner Dom, Flugzeug-Banner, ein Flashmob mit bekannten Influencern oder eine EU-Party – ganz nach dem Motto „Feiern verbindet!“. Eins ist jedem nach der Übung klar geworden: Mit Kreativität erreicht man Menschen – egal ob auf der Straße oder hinter dem Bildschirm.


Diana: „Es ist sehr spannend, den Austausch mit den Schülern zu haben und zu sehen, dass sie noch ganz viele weitere Ideen einbringen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre.“

Nachher

„Mir hat es richtig viel Spaß gemacht, heute mal als Lehrerin unterwegs zu sein!“, schwärmt Diana nach der Vertretungsstunde. „Der Austausch mit den Schülern ist sehr spannend. Sie haben ganz viele Ideen eingebracht, auf die ich selbst nicht gekommen wäre!“ Diana liebt Herausforderungen: „Ich würde es auf jeden Fall noch mal machen. Es ist total beflügelnd, die Stimmung war super positiv und das Gefühl, den Schülern etwas mit auf den Weg geben zu können, ist toll. Ich hoffe, ich konnte den einen oder anderen zum Wählengehen bewegen!“

Fazit aus der Klasse

 

Anna, 18:

„Mir hat die Unterrichtsstunde sehr gut gefallen. Ich fand es interessant, über aktuelle politische Situationen zu sprechen. Ich glaube, dass es auch vielen Schülern weitergeholfen hat, politische Abläufe zu verstehen.“

Note: 1-

 

 

Luen, 18:

„Ich fand die Stunde sehr aufschlussreich, vor allem weil Diana sehr nah an uns Schülern dran ist – meistens viel näher als die Lehrer – und sich in ihrer Freizeit sehr für das Thema interessiert.“

Note: 1-

 

 

Johannes, 18:

„Ich fand die Stunde sehr gut. Ich finde es sehr interessant, über die EU zu sprechen. Meiner Meinung nach weiß man als Jugendlicher generell sehr wenig darüber. Die Stunde war entertaining und gut geleitet.“

Note: 2+

 

 

 

Text: Noelia Sanchez-Barón
Fotos: Frank Dünzl
Kamera: Sascha Burghaus
Schnitt: Michael Auerswald

Teaserbild: Paula Hohlfeld

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