Herzscheiße

Warum mein Bekenntnis zur Polyamorie noch warten muss

SPIESSER-Autorin Johanna hat eine polyamouröse Beziehung eine Zeit lang in Erwägung gezogen. Wieso sie sich dann doch (noch) dagegen entschieden hat, erzählt sie hier.

02. Mai 2019 - 10:00
SPIESSER-AutorIn johanna.hoberg.2000.
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johanna.hoberg.2000 Offline
Beigetreten: 15.01.2019

Die Polyamorie hat sich in meine Gedanken nicht gewaltsam hineingedrängt. Sie stand in dem Moment, in dem meine Hand unter der Theke die des Mannes berührte, wie selbstverständlich da. Nicht fordernd, sondern mit einem subtil fragenden Gesichtsausdruck.

Ich führte damals eine feste Beziehung mit einem Mann; und diese Hand unter dem Tisch der verrauchten Bar war nicht die seine. Auch wenn es sich bei meiner Partnerschaft um eine offene Beziehung handelte, schloss diese Regelung nur rein körperliche Kontakte mit ein. Emotionales Interesse oder gar Zärtlichkeit waren davon ausgenommen; insofern war die Berührung eine klare Grenzüberschreitung.

Ich sprach mit meinem Partner über das Geschehene – er zeigte sich verständnisvoll, doch schwangen die zu erwartenden Fragen mit: War ein emotionaler Konflikt entstanden? Und falls ja, wie würde ich mich entscheiden? Doch an dem Punkt kam mir ein Gedanke:

Was ist Polyamorie?
Die Bezeichnung selbst ist eine Verbindung der Worte „poly“ (viele) und amore (lieben). Unter dem Begriff „Polyamorie“ versteht man also eine spezifische Lebensweise und -einstellung in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen romantischer und sexueller Natur. Im Fokus steht dabei grundsätzlich die Überzeugung, dass Bindungen zu mehr als einem Partner sowohl umsetzbar als auch emotional erfüllend sein können.

Sie stellt somit einen Gegenentwurf zur Monogamie dar. Zudem ist Polyamorie – entgegen der geläufigen Ansicht – von dem Begriff der offenen Beziehung sowie von Untreue dem Partner gegenüber klar abzugrenzen

Es bestehen zahlreiche unterschiedliche Ausprägungen und Formen polyamouröser Gemeinschaften, insofern ist es nicht möglich, ein Modell als allgemeingültig zu beschreiben. Ehrlichkeit, offene Kommunikation und ein intensiver Dialog zwischen den beteiligten Parteien werden jedoch oft als essentiell für diese Lebensform beschrieben.

Weshalb muss ich mich überhaupt entscheiden?

Überrascht registrierte ich nämlich, dass ich keine Reue oder Scham empfand. Meine jeweiligen Verhältnisse zu den beiden Männern waren derart unterschiedlich, dass sich weder ein Vergleich noch eine Entscheidungsfrage aufdrängte. Die Person in der Bar schien mir nie wie eine skandalöse Affäre, sondern wie ein verlässlicher Freund. Er war keine Konkurrenz; keine Bedrohung im evolutionären Hahnenkampf. Er war eine Ergänzung.

Ich hatte beide Menschen schätzen gelernt, wieso sollte ich das Verhältnis zu einem von ihnen eingrenzen oder gar beenden? Weshalb sollte es nicht möglich sein, beiden Beziehungen den Raum zu geben, sich zu entwickeln? Wer war diese Monogamie, dass ich ihretwegen zwischenmenschliche Bindungen gewaltsam in Schablonen presste, die ihnen nicht gerecht wurden? Es gibt drei Punkte, die für die Antwort entscheidend sind:

Die Ablehnung der Beteiligten

Zugegeben, ich habe meine Überlegungen diesen beiden Männern nie explizit mitgeteilt. Denn ich wusste, dass diese Option ihren Vorstellungen nicht entsprechen würde. Wenn Beziehungen Gesprächsthema waren, wurde in jeder Bemerkung offensichtlich, dass sie die Monogamie als unumstößlich betrachteten. Nicht gesellschaftlich, aber auf die eigene Person bezogen. Dieses Fundament auch nur in Frage zu stellen, erschien mir zu risikoreich.

Die Ablehnung des Umfelds

Was ich als bezeichnend betrachte, ist die Tatsache, dass ich das Wort „Polyamorie“ zu Beginn dieses Artikels in meinem Word-Programm zunächst erst einmal neu einspeichern musste. Als wäre der Begriff ein Fremdkörper, den man einem System erst mühsam zuführen muss, damit er akzeptiert wird. Während Word dies ohne Murren tat, war der Widerstand meines Umfelds umso größer. „Sondergemeinschaften“ oder „abnorm“ waren noch die respektvollsten Betitelungen. Die amüsierte Abfälligkeit, mit der über die Polyamorie geredet und mit der ihr ihre Ernsthaftigkeit abgesprochen wurde, konfrontierte mich mit Zorn und einer gewissen Hoffnungslosigkeit. Meine Lebensweise tagtäglich erläutern, rechtfertigen und verteidigen zu müssen schreckte mich ab.

Innere Widerstände

Es gab einen Punkt, den ich im Laufe meiner hektischen Überlegungen übersehen hatte: die Faszination exklusiver Zweisamkeit. Das Gefühl, einem anderen Menschen in all seinen Bedürfnissen bedingungslos genug zu sein. Dass diesem Wunsch eine gewisse illusionäre Naivität zugrunde liegt, ist äußerst schwierig zu verinnerlichen. Ebenso wie die Vorstellung, sich mit Aspekten wie Eifersucht so schonungslos auseinandersetzen zu müssen. 

Ich habe realisiert, dass Entwicklungen – gesellschaftlich und persönlich - notwendig wären, damit ich mich für eine polyamouröse Beziehung öffne. Vollkommen von mir weisen kann ich diese Option jedoch nicht mehr, denn die Polyamorie ist ein Konzept von faszinierender, beinah altruistischer Schönheit. Sie hat sich inzwischen dauerhaft in meinem Hinterkopf eingerichtet; diskret und geduldig. Vorsichtig nähern wir uns weiter an.

Autorin: Johanna Hoberg
Teaserbild: Photo by Clem Onojeghuo on Unsplash

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