SPIESSER debattiert

Wer braucht schon Vertretungsstunden?

Ein Lehrer fällt kurzfristig aus. „Yeah, unterrichtsfrei“, freut sich die Klasse. Zu früh, denn sie bekommt eine Vertretungsstunde reingedrückt. Wie sinnvoll aber sind die? Wäre eine Freistunde besser als Absitzen und Zeit totschlagen? Ring frei für das Schüler-Lehrer-Duell.

29. März 2015 - 13:40
SPIESSER-Redakteurin Onlineredaktion.
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Onlineredaktion Online
Beigetreten: 25.04.2009

 

Gymnasiallehrer Herr Werber: "Vertretungsstunden effektiv gestalten"

Vertretungsstunden erscheinen oft als zusätzliche Belastung für alle Beteiligten: Schüler, Lehrer und die Schule selbst. Doch der vermeintliche Mehraufwand wird durch einen viel größeren Nutzen überboten.

An allen Schulen fallen sehr viele Stunden aus. Sei es durch kranke Lehrer, Verspätungen, durch jahreszeitlich bedingtes schlechtes Wetter oder den allgemeinen Lehrermangel. Durch Vertretungsstunden kann der enorme Stundenausfall immerhin gedämpft werden. Das Ziel einer jeden Klassenstufe, aber insbesondere das Abitur, stellt sehr hohe Ansprüche an die Schüler. Sie müssen immer mehr Stoff in kürzerer Zeit bewältigen. Die Zeit muss also so effektiv genutzt werden, wie nur möglich. Einfach die Stunden ausfallen zu lassen und die Schüler sich selbst zu überlassen, scheint da nicht besonders förderlich.

Ganz anders sieht es mit Vertretungsstunden aus. Denn hier werden tatsächlich Inhalte vermittelt – nur eben ein bisschen anders. Aber wer wird sich denn über ein wenig Abwechslung beschweren? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder werden die Inhalte eines Fachs durch Aufgaben vom fehlenden Lehrer vermittelt oder ein anderes Fach wird unterrichtet, in dem zuvor einige Stunden ausgefallen sind oder voraussichtlich ausfallen werden. Die erste Option fordert und fördert die Selbstständigkeit der Schüler. Da sie beim fachfremden Lehrer kaum nachfragen können, müssen sie selbst denken. Selbstständigkeit und Selbstdisziplin einzufordern, kommt bei Schülern aber nur selten gut an. Die zweite Option, ein anderes Fach unterrichten, hingegen führt nur zu Änderungen im gepackten Rucksack und im Stundenplan – ansonsten unterscheidet sich die Qualität hier nicht vom gewohnten Unterricht.

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Für Lehrer sind Vertretungsstunden oft belastend. Dennoch sollten sie sich nicht beschweren. Für sie sind Vertretungsstunden zwar oft kurzfristig angesetzt und stören so die Routine und eventuelle andere Aufgaben, aber sie sind oft auch im Lehrauftrag vorgesehen. Eine bestimmte Anzahl der zu haltenden Stunden kann für Vertretungsstunden reserviert sein – oder aber, man muss früheren Ausfall selbst aufarbeiten. Der Aufwand verschiebt sich also nur, es entsteht kein neuer. Letzteres gilt im Übrigen auch für die Schüler.

Zudem erscheinen zusätzliche Stunden bei der eigenen Klasse als Rettung, sollte mehr Zeit für den Unterrichtsstoff benötigt werden, und wir alle – Lehrer und Schüler – wissen, wie oft man
sich das schon gewünscht hat. Bei Klassen anderer Lehrer kann man auch seinen Kollegen diesen Gefallen tun und möglichst den von langer Hand angelegten Plan durch Vertretungen einhalten. Außerdem hat man so die Gelegenheit, andere Klassen und Schüler kennenzulernen, aber auch andere Fächer. So können Chancen für fächerverbindenden und fachübergreifenden Unterricht erkannt und genutzt werden.

Ich empfinde Vertretungsstunden also als willkommene, überaus nützliche Abwechslung. Der vermeintliche Mehraufwand für Schüler besteht eigentlich nur in dem Zwang, zu arbeiten, statt zu entspannen. Das gilt wohl auch für manche Lehrer. Jedoch bedeutet Ausfall auch einen Ausfall von Lernzuwachs, was um jeden Preis vermieden werden muss. Wir tragen also eine gemeinsame  Verantwortung, Vertretungsstunden so effektiv wie möglich zu gestalten.

Teaserbild: Moritz Rakutt

Schülerin Annika, 10. Klasse Gymnasium: "Vertretungs- stunden heißt absitzen"

Ein Lehrer muss zu einer Fortbildung oder ist plötzlich krank geworden. Ein Fall für die Vertretungsstunde:
Ein anderer Lehrer springt ein und unterrichtet das Fach einfach weiter. Die Schüler verpassen so keinen Stoff. Lehrer, Eltern und Schüler sind zufrieden – so der Plan.

Ich habe aber meistens etwas ganz anderes erlebt: Der Vertretungslehrer versteht von dem ausgefallenen Fach bestenfalls so viel wie die Schüler. Außerdem kommt ihm die Vertretungsstunde in die Quere, weil er eigentlich was anderes vorhatte oder frei machen wollte. Daher ist es verständlich, dass er wenig begeistert das Klassenzimmer betritt. Am liebsten würde er ein ihm bekanntes Thema aus seinem Fach unterrichten. Aber da stößt er nur auf  Protest. Wenn die Klasse den Lehrer zudem noch nicht einmal kennt, kann dieser Protest im Extremfall sogar in eine lautstarke „Meuterei“ ausarten. So heißt das Thema der Stunde meistens Spiele spielen oder Selbstbeschäftigung. Hauptsache, es ist relativ ruhig und auf dem Gang ist nichts zu hören.

Für die Schüler, die gerade in Zeiten von G8 lernen sollten, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, ist es frustrierend, wenn sie freitagmittags noch die letzten Stunden absitzen müssen, obwohl sie eigentlich nach Hause könnten. Und auch die Lehrer finden daran recht wenig Gefallen, Überstunden bei einer Horde quengelnder und randalierender Schüler zu machen.

Wenn man nach einer deutschlandweiten Statistik zu ausgefallenen Schulstunden sucht, findet man rein gar nichts. Denn Bildung ist Ländersache. Und jedes Land geht mit dem Thema anders um: Brandenburg und Baden-Württemberg machen nur Stichproben, Nordrhein-Westfalen hat vor vier Jahren aufgehört, Statistiken zu ermitteln und Hessen, Niedersachsen und das Saarland lassen es gleich sein.

Manche unterscheiden dabei zwischen fachgerechtem und fachfremdem Vertretungsunterricht, andere zwischen längerem Unterrichtsausfall, zum Beispiel durch Mutterschutz, und kurzfristigen Ausfällen durch kleinere Erkrankungen. Der Großteil aber zählt Vertretungsstunden tatsächlich als regulären Unterricht.

Dieser mangelnde Wille, überschaubare Zahlen zu zeigen, muss doch einen Grund haben. Der Deutsche Philologenverband hat bereits 2005 einen gefunden. Er geht davon aus, dass sechs bis zehn Prozent des Unterrichts ausfallen. Da sind die Aussagen der Bundesländer anders: Thüringen ist im selben Jahr von  vier Prozent ausgegangen, Berlin kommt auf 2,5 Prozent und in Brandenburg sind es sogar nur 2,3 Prozent. Entweder die Länder kennen andere Rechenwege oder es sollen tatsächlich ausgefallene Unterrichtsstunden verschleiert werden. Und davon geht der Philologenverband auch aus. So fordert er die Ministerien auf „endlich ungeschönte Zahlen auf den Tisch zu legen“.

Also quälen sich Schüler und Lehrer, schlagen in Vertretungsstunden Zeit tot, nur damit die Bildungsministerien in besserem Licht dastehen. Schließlich ist eine ersetzte Stunde, in der aber nicht viel bei rumkommt, zumindest keine ausgefallene Stunde. Aber eigentlich sollte es bei Bildung doch darum gehen, was und ob gelernt wird, nicht darum, wie viel Zeit in der Schule verbracht wird.

Mein Vorschlag: Ältere Schüler nach Hause schicken und für die jüngeren, aufgrund der Aufsichtspflicht, einen Raum in der Schule einrichten, in dem sie spielen, arbeiten oder einfach nur quatschen können. Ein Lehrer übernimmt die Aufsicht und die Schüler können frei bestimmen, wie sie die Zeit nutzen wollen. Und vor allem – das ist die Hauptsache – müssen die Länder diese Stunden dann als ausgefallen werten und wir werden nicht mehr von schöngerechneten Statistiken getäuscht.

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