Kolumne

Wer Neujahrsvorsätze braucht, braucht auch eine Therapie

Ein Anfang kann eine Chance sein, ein Risiko, das Ende einer Ära, ein leeres Blatt. Das neue Jahr beginnt und bringt tausende neue Anfänge mit sich. Manche ganz willkürlich, andere sehr geplant. Aber wer den Jahreswechsel braucht, um sich selbst neu zu erfinden, der hat wirklich ein Problem.

15. Januar 2019 - 16:11
SPIESSER-AutorIn maxiise.
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maxiise Offline
Beigetreten: 03.02.2016

Was ist aus 2018 hängengeblieben? Trump, Chemnitz, Sommerbilder mit Schweißflecken und schlechter Fußball im Fernsehen. Sicherlich auch persönliche Erlebnisse und Erinnerungen von jedem Einzelnen. Doch die Frage ist: Bist du in diesem Jahr ein anderer Mensch geworden? Und bist du jetzt wirklich der sportliche Nichtraucher mit Topmodel-Figur, geilem Job und massig Zeit für Familie, Freunde und dich selbst, der du letztes Neujahr werden wolltest? Nein? Auch nicht schlimm, denn das Leben ist eben nicht planbar und Veränderungen sind langwierige Prozesse. Und daran ändern auch gute Vorsätze zum Jahreswechsel nichts.

Ganz ehrlich: Vorsätze sind doch scheiße. Wenn du wirklich unzufrieden mit dir bist, dann nimm dein Leben jetzt in die Hand und ändere es, aber warte nicht, bis das Feuerwerk erloschen ist. Eine Veränderung muss aus dem eigenen Willen motiviert sein, nicht aus einer Tradition zum neuen Jahr. Niemand geht ein ganzes Jahr ins Fitness-Studio oder hört mit dem Rauchen auf, nur wegen eines Versprechens nach drei Sekt in der Silvesternacht. Wenn der eigene Wille nicht da ist, bringt der Vorsatz auch nichts und wenn doch, ist der Vorsatz ja auch überflüssig. Wer Silvester braucht, um sich zu ändern, der hat es einfach an den restlichen Tagen des Jahres verpasst.

Die meisten Vorsätze sind doch eh nur Selbstlügen und geheuchelte Entschlossenheit. Nach maximal drei Wochen sind sie schon wieder über den Haufen geworfen, der Alltag ist eingekehrt, die Kippe brennt, das Bier ist gezapft, die Tüte Chips wird beim Fernsehen vernichtet und Sport wird den Profis überlassen. Wahrscheinlich leiden Menschen, die sich Neujahrsvorsätze alibimäßig aufzwingen, an einem zu geringen Maß an Reflexionsvermögen oder einem nicht vorhandenen Willen zur Veränderung. Hier wäre dann vielleicht eher eine Selbstfindungstherapie angemessener, als eine überstürzte Anmeldung beim Fitness-Studio oder ein panischer Kauf eines Diät-Buches.

Der einzig gute Vorsatz

Es könnte immer besser sein: Der Nachbar hat das schönere Auto, der Kumpel die schöneren Muskeln und der Kollege die schönere Frau. Vergleichen macht neidisch und deshalb unglücklich. Der Eindruck von Reichtum, Schönheit oder Wert ist immer nur relativ und hängt davon ab, was man selbst hat. Glücklichsein ist eine rationale Entscheidung – und der einzig gute Vorsatz. Dazu muss man akzeptieren, was man nicht ändern kann und wertschätzen, was man hat. Wer in einer durchschnittlichen Familie in Deutschland aufgewachsen ist, hat viele Gründe, um glücklich zu sein. Viele Dinge, von denen andere Menschen sagen würden: „Das ist doch alles, was ich zum Glücklichsein brauche.“ Frieden, Demokratie, Bildung, ein Dach überm Kopf, einen vollen Kühlschrank, eine liebevolle Familie, ein paar gute Freunde oder vielleicht sogar einen liebenden Partner. Darüber sollten wir alle viel häufiger glücklich sein.

2019 wird ein besonderes Jahr, auch für mich. Ich habe meine erste eigene Kolumne und darf von nun an einmal im Monat im SPIESSER und auf spiesser.de meinen Senf zu aktuellen Themen dazugeben, die mich bewegen. Ein aufregendes Jahr liegt vor uns und es wird sicherlich viel zu besprechen geben. Dabei freue ich mich auf eure Kommentare, spannende Diskussionen und provokante Thesen.

Text: Maximilian Sepp
Teaserbild: Lena Schulze

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