Was'n da los?

Wider dem Wachstum

Greta Thunberg fliegt nicht mehr mit dem Flugzeug, weil ältere Generationen so viele Ressourcen aufgebraucht haben, dass sie sich das emissionstechnisch nicht mehr leisten kann. Überhaupt werden immer mehr Stimmen laut, die sagen, dass wir Wirtschaft nicht weiter wie bisher betrachten können und uns der Endlichkeit der Ressourcen unserer Erde endlich stellen müssen. SPIESSERin Lara hat dazu mit dem Doktoranden Leonard Creutzburg gesprochen.

14. Mai 2019 - 13:16
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lara.sc Offline
Beigetreten: 23.08.2011

Schlagwörter wie „Postwachstum“ und „Degrowth“ fallen immer öfter. Worum genau geht es da eigentlich?

Leonard: „Degrowth“ bedeutet eine geplante Rücknahme der Wirtschaftsleistung. Das ist aber nicht zu verwechseln mit einer Rezession, denn das wäre ein ungeplanter Rückgang, wie in einer Wirtschaftskrise. Die Idee von Degrowth beruht auf einigen wichtigen Erkenntnissen. Es gibt bisher zum Beispiel keine Anzeichen dafür, dass wir wirtschaftlich immer weiter wachsen können, ohne immer mehr Ressourcen zu verbrauchen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es kein dauerhaftes Wirtschaftswachstum geben kann, schon aus rein natürlichen Gründen. Schließlich sind viele Ressourcen nur begrenzt verfügbar. Außerdem sehen wir bereits heute die drastischen Folgen von exponentiellem wirtschaftlichen Wachstum: extreme Verschmutzung der Ozeane, steigende CO2-Emissionen und verstopfte Innenstädte durch immer mehr Autos.

Du hast in Zürich eine Postwachstumsinitiative gegründet. Was ist euer Ziel?

Wir möchten eine Debatte anstoßen. Es kann auf einer Welt mit endlichen Ressourcen kein unendliches Wachstum geben. Das Mantra des Wachstums ist heutzutage oft Selbstzweck. Man hat sich daran gewöhnt, aber es wird gar nicht mehr hinterfragt, was wir als Gesellschaft eigentlich wollen: Möchten wir wirklich ein immer höheres Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf? Und welchen ökologischen und sozialen Preis zahlen wir dafür? Denn das BIP macht uns ab einem gewissen Wert, der in Deutschland für die meisten Menschen schon in den 1970er Jahren erreicht war, nachweislich nicht glücklicher. Das Phänomen hat sogar einen Namen: Easterlin-Paradox.


Leonard (27, rechts), mit Levin (25) und Viktoria (23). Zu dritt haben sie letztes Jahr Post-Growth Zürich gegründet. Foto: privat

Anhand welcher Kriterien kann man den Wohlstand einer Gesellschaft noch messen?

Dazu zählt zum Beispiel die Zufriedenheit mit unseren Jobs, ob diese einen gesellschaftlichen Mehrwert haben und Sinn stiften, die Intensität und Qualität unserer privaten, sozialen Kontakte sowie der Zustand unserer Umwelt.

Vom Diskutieren mal abgesehen, gibt es denn auch konkrete Lösungsansätze? Was kann man selbst machen in einer Gesellschaft, die auf Wachstum ausgelegt ist?

In einer Postwachstumsgesellschaft würde weniger konsumiert werden, vor allem sogenannte „Lifestyleprodukte“. Das sind Dinge, die man kauft und nach kurzer Zeit wieder entsorgt, weil sie dann wieder out sind. Das betrifft besonders die Fashion-Industrie, mit immer neuen Kollektionen. Degrowth setzt dagegen auf zeitloses Design und langlebige Produkte. Gleichzeitig würde mehr repariert und getauscht werden. Dafür gibt es heute schon Repair-Cafés, in denen man sich gegenseitig bei Reparaturen hilft, und Leihläden, in denen man sich zum Beispiel Werkzeug, das selten gebraucht wird, ausleiht. Dadurch würde auch der soziale Austausch steigen. Auf jeden Fall müssen wir dafür weg von der Annahme, dass Konsum langfristig glücklich macht.

Muss nicht auch die Politik mehr tun?

Unbedingt! Neben diesen individuellen Ansätzen, die man teilweise heute schon umsetzen kann, gibt es auch eine politisch-institutionelle Dimension. Es ist viel ökologischer, mit der Bahn zu fahren als zu fliegen – aber oft kostet die Bahn viel mehr und die Fahrt dauert gefühlt ewig, weil Verbindungen schlecht sind und man oft umsteigen muss. Das muss sich ändern. Wir müssen viel mehr in den Bahnverkehr und die öffentlichen Verkehrsmittel investieren. Gleichzeitig sollten Flughäfen und Autobahnen nicht weiter ausgebaut werden. In der Arbeitswelt könnte man die Arbeitszeiten verkürzen. Das lässt mehr Raum für soziale Kontakte, privates Engagement und persönliche Erholung. All das könnte man relativ schnell umsetzen – sofern der politische Wille tatsächlich vorhanden wäre. Für ein gutes Leben brauchen wir eine gesunde Umwelt. Bei vielen aktuellen politischen Entscheidungen zeigt sich aber, dass dieser Fakt absichtlich ignoriert wird.

Glaubst du, wir werden jemals in einer Gesellschaft leben, die sich vom Wirtschaftswachstum freigemacht hat?

Aus heutiger Sicht hat Degrowth sicherlich etwas Utopisches, schließlich ist Wirtschaftswachstum heute das Ziel der Politik und großer Teile der Wirtschaft, die davon abhängig sind. Die Firmen geben natürlich auch Unmengen an Geld für ihre Lobbyisten aus, die die Politik beeinflussen, um wachstumsfreundliche Entscheidungen zu treffen. Doch es ist klar, dass es in der Zukunft eine Transformation geben wird. Die Frage dabei ist, ob wir diese gestalten wollen, wofür Degrowth viele gute Ideen parat hält, oder ob der Wandel uns überrollen wird, ohne dass wir die Gelegenheit haben, ihn zu gestalten. Auf Englisch gibt es dafür einen schönen Ausdruck, der übersetzt bedeutet: Transformation durch Planung oder Katastrophe („Transformation by design or desaster“). Ich ziehe ersteres eindeutig vor.

Leonard CreutzburgNach dem Studium der Politikwissenschaft und Ökologischen Ökonomik in Frankfurt (Main) und Wien promoviert Leonard Creutzburg (27) zurzeit an der ETH Zürich im Bereich Wald- und Bodennutzung. Mit der Initiative „Post-Growth Zürich“, die er 2018 mitbegründete, möchte er die Idee des Postwachstums in die gesellschaftliche Debatte tragen. Die Initiative erreicht ihr auf Facebook, Twitter oder per E-Mail unter postgrowthzurich@mailbox.org.

Text: Lara Schech
Teaserbild: kamiel79,pixabay.com

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Kommentare

Ein Kommentar
  • He, was ist mit Grammatik? "Wider" steht mit Akkusativ, nicht Dativ. Bitte Titel ändern, bevor es peinlich wird!

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