Nachgefragt

Wie homophob
ist die Schule?

Männlein+Weiblein=Kind. Das lernen wir in der Schule. Und was ist mit denen, die das gleiche Geschlecht lieben? Homosexualität ist bis heute nicht Teil des Lehrplans. Wir haben hetero- und homosexuelle Jugendliche gefragt, wie sie in der Schule klar gekommen sind und welche Hürden sie in der Schule und im Alltag meistern mussten.

02. Juli 2015 - 10:53
SPIESSER-Redakteurin Onlineredaktion.
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Beigetreten: 25.04.2009

Am Wochenende feierten Tausende die Gleichstellung der Homo-Ehe in den USA. In Deutschland genießt die Ehe zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Ehen noch nicht dieselben Rechte wie die zwischen Mann und Frau. An den Schulen geht dieses Thema ganz unter, es steht nicht einmal im Lehrplan. Woher also sollen junge Menschen lernen, dass es auch eine andere Form der Liebe gibt? Und wie kommen Schüler damit zurecht, wenn sie anders sind? Wir haben drei ehemalige Schüler gefragt.

Nicole, 23: Homosexualität gehört zur Aufklärung

Für eine Fünfzehnjährige gibt es nichts schlimmeres, als gemobbt zu werden und dann auch noch festzustellen, dass man bi ist.

Zu Schulzeiten wusste nur meine beste Freundin davon. Die anderen Mitschüler hätten mich nur weiter gemobbt. Als ich etwas mit einer Frau anfing, habe ich vor meinen Mitschülern einen Mann daraus gemacht, um überhaupt davon erzählen zu können. Ich kannte niemanden, der offen schwul oder lesbisch lebte, von Bisexualität ganz zu schweigen. Das hätte mir geholfen. So aber versteckte ich mich lieber. Ich hätte den Leuten damals gern davon erzählt, dass ich mich in eine Frau verliebt habe. Aber ich war mir sicher, dass das keiner verstanden hätte.  Anderssein ist schlecht, die Botschaft bekam ich durch meine Lehrer.

Auf meiner Schule gab es einen Lehrer für Katholische Religion, der in einem Text etwas von der Liebe zwischen zwei Menschen las und fett „Mann und Frau“ drüber schrieb. In so einem Umfeld können schwule, lesbische oder bisexuelle Schüler nicht sie selbst sein. Ich hätte gern positivere Botschaften bekommen. Im Biologieunterricht hat man über das Thema gar nicht geredet. Sexuelle Aufklärung von oben bis unten, nur das hat man ausgelassen. Dabei gehört Homosexualität doch dazu, wenn man über Aufklärung redet.

Wenn ich heute von Leuten in der Zeitung lese, die die Krise kriegen, wenn das Wort Homosexualität im Lehrplan auch nur erwähnt werden soll, macht mich das unglaublich traurig. Man muss jungen Menschen vermitteln, dass es okay ist, wenn sich zwei Menschen gleichen Geschlechts lieben. Damit nicht noch mehr Homophobie entsteht.

Benjamin, 19: Lehrer sollen nichts diktieren

Meiner Meinung nach sollten die Themen Homo- und Intersexualität fester Bestandteil des Bio-Unterrichts werden. Die Schüler müssen lernen, dass es verschiedene sexuelle Orientierungen gibt und keine davon besser oder schlechter, normaler oder weniger normal als eine andere ist. Wird in der Schule nur die Heterosexualität thematisiert, entsteht ganz automatisch eine Rangfolge von wichtig bis weniger wichtig.
Dies ist in meinen Augen schon Diskriminierung.

Selbst zu meiner Schulzeit, obwohl diese erst seit einem Jahr vorbei ist, stand das Thema nie an der Tagesordnung, weil es auch nicht Teil des Lehrplans ist. Lediglich ein Bio-Lehrer hat gemeint, dass Homosexualität abnormal sei, da es gegen die klassische biologische Lehre verstoße. Als wir eine andere Lehrerin darauf ansprachen, sagte sie uns, dass diese Aussage aus dieser biologischen Perspektive nicht falsch sei. Auch wenn sie niemanden diskriminieren wollten, taten sie es eben doch. In ihrer Vorbildfunktion sollten Lehrer nicht eigenmächtig definieren, was normal ist und was nicht.

Auch ein Lehrer, der gerade sein Referendariat hinter sich hat, bestätigte mir, dass Diskriminierung in der Schule nach wie vor ein Thema sei. Er, der selbst schwul ist, hat sich dazu entschieden, seinen Schülern nichts von seiner sexuellen Orientierung zu erzählen. Solange man sich als Homosexueller noch fragen muss, ob man seine Sexualität zum Thema macht, ist die Schule nicht frei von Diskriminierung.

Simone, 24: Verletzender Gruppenzwang

Ich bin eine Femme: Ich habe lange blonde Haare, meine Lippen sind knallrot und ich trage viele Blumen, viel Spitze und viel rosa. Ich ziehe mich aber ganz bestimmt nicht für die Kerle so an, denn die interessieren mich überhaupt nicht. Mein erstes Mädchen habe ich mit 16 geküsst, schon vorher war für meine Mitschülerinnen offensichtlich, dass ich auf mein eigenes Geschlecht stehe. Das war okay. Vielleicht, weil ich so aussehe wie die Lesben im Fernsehen: Arizona in „Grey’s Anatomy“, oder Willow in „Buffy". Die Leute sind überrascht, wenn ich mich oute.

Anders als bei meiner Freundin. Ihre kurzen Haare und Haltung sind Dinge, die in unserer Gesellschaft stereotypisch sind. Da ist es egal, ob ein heterosexuelles Mädchen einfach nur gerne einen Pixiecut trägt, man wird ihr „Guck dir die Lesbe an!“ hinterher raunen. Oder meine ehemalige Mitschülerin L., die auch auf Frauen steht, aber jahrelang darunter gelitten hat, dass alle anderen es vor ihr „wussten“ und sie eben als „diese Lesbe“ mit einem ekeligen Ton bezeichnet haben.

Für mich ist der Gebrauch solcher Wörter eine Art Gruppenzwang. Nicht, dass man den Druck hat, sie als Schimpfwörter zu verwenden, aber zumindest rollt es einem leichter über die Zunge, wenn alle anderen es tun. Sogar die Eltern dieser Schüler finden dumme Sachen „schwul“. Doch diese Worte verletzen und machen unser Leben nicht leichter. Als man in Baden-Württemberg gegen die Einführung unserer Existenz im Unterricht war, hat man sich im Fernsehen über die aufgebrachten Menschen lustig gemacht. Doch leider stimmen denen noch viel zu viele zu.

Kürzlich hat eine alte Frau meine Freundin und mich auf der U-Bahn-Rolltreppe blöd angemacht, weil wir Händchen gehalten haben. Das sei widerlich. Für sie kommt dieser Unterricht zu spät. Und meine Freundin ist nach drei Wochen immer noch aufgebracht.

Teaserfoto: Moritz Rakutt
Text: Simone Bauer, Nicole Prehn, Benjamin Kutz

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