Nachgefragt

„Wir müssen da hin,
sonst knallt’s“

Freital ist in aller Munde: 300 Flüchtlinge, ein rassistischer Mob und buntfröhlicher Gegenprotest. Dass die Lage bisher nur brodelt und nicht eskaliert, liegt auch an musikalischen Einlagen wie dem Kurzkonzert der Dresdner Band „Banda Comunale“. SPIESSER-Autorin Polina sprach mit dem Klarinettisten Michał Tomaszewski über die friedliche Wirkung der Musik und seine Sicht auf Freital.

01. Juli 2015 - 13:13
SPIESSER-Autorin Individuot.
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Individuot Offline
Beigetreten: 01.07.2014

Seit wann gibt es die Band „Banda Comunale“ und wer seid ihr eigentlich?

Wir sind eine Blaskapelle aus der Dresdner Neustadt und uns gibt es seit 2001. Die Mischung aus Funk, Jazz, Ska und Cumbia, die wir spielen, lässt sich am besten als „Weltmusik“ zusammenfassen. Einerseits bewegt durch die damals immer größer werdenden Naziaufmärsche und andererseits durch die gemeinsame Begeisterung für Balkan, haben wir uns zusammengefunden. Mittlerweile sind wir elf Musiker und ein konstanter Freundeskreis.

Wie kam es, dass ihr in Freital gespielt habt?

Wir haben schon im Dezember als Pegida auf die Straße ging, bei den Gegendemos angefangen zu spielen. Musik wirkt einfach deeskalierend. Aber wir sind ehrlich gesagt auch etwas erledigt von dem ganzen Aktivismus. In Freital wollte ich trotzdem schon lange spielen, aber oft war dies für uns zeitlich nicht möglich. Als letzte Woche beschlossen wurde, dass Freital zur Erstaufnahmestation für Asylsuchende wird und die Lage eskalierte, bin ich am Dienstag hingefahren, um mir selbst ein Bild zu machen.


Michał und seine Klarinette. Foto: Andreas
Hilger
Und wie war die Stimmung vor Ort?

Ich war an insgesamt vier Tagen dort und vollkommen erschüttert. Die Leute, die sich da gegen die Aufnahme der Flüchtlinge positioniert haben, sind inakzeptabel für eine anständige Gesellschaft. Man sprach bei Pegida viel über Ängste. Das in Freital waren schon lange keine Ängste und Sorgen mehr, sondern zur Schau getragene Verachtung, Anstandslosigkeit, Hass und Ignoranz. Also hab ich die Jungs gefragt und am Donnerstag sind wir hingefahren. Wir konnten dann allerdings nur 20 Minuten spielen, weil die Polizei auf die Einhaltung der Auflagen drängte: die Musik war nicht angemeldet. Dabei hat unsere Musik die Lage extrem entspannt. Die Antifa war ruhig, die Flüchtlinge hatten Spaß und den Anderen wurde keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Welche Rolle spielten die Polizei und die Antifa in der Situation?

Auflagen hin oder her, aber es gibt einen eindeutigen Vorwurf, den man der sächsischen Polizei stellen muss: Die Polizei geht ihrer Pflicht nicht nach, Straftaten zu ahnden. Wenn dort 15 Leute stehen, „Ausländer raus!“ rufen und den rechten Arm ausstrecken, muss die Polizei einschreiten. Es gibt eine Grenze, die gerade überschritten wird, und wenn man das zulässt, ist die Gesellschaft hinüber. Ich halte auch nichts von Antifas, die Leipzig zerlegen. Aber wäre die Antifa in Freital nicht von Anfang an präsent gewesen, wäre dort viel Schlimmes passiert. Die Leute, die in Freital waren, waren nicht der schwarze Block, sondern junge Leute, die das Ganze politisch verfolgt und dann gesagt haben: „Wir müssen da hin, sonst knalltʼs.“

Wie haben die Flüchtlinge die Situation aufgenommen?

Das sind Menschen mit allen möglichen Geschichten und Traumata. Die Menschen, die ich kennen gelernt habe, waren vor allem Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien, die vor dem Krieg geflohen sind. Die wären dort einfach umgebracht worden und mussten das Weite suchen. Ich habe einem von ihnen versucht zu erklären, was dort in Freital los war, und er meinte nur: „Hey, kein Problem. Wir haben viel Schlimmeres erlebt. Wir sind froh, endlich hier zu sein.“ Das ist ein Kommentar, der dich emotional komplett aus dem Alltag wirft. Auf der einen Seite ist da dieser Mensch, der einfach nur froh ist, dass sein Kopf noch dran ist und er seine Kinder mitbringen konnte. Und auf der anderen Seite stehen diese Vollspackos.


Auch wenn die Lage fatal ist, darf man nicht
aufgeben. Foto: Andreas Hilger
Was wären denn deiner Meinung nach, Maßnahmen für eine bessere Willkommenskultur?

Es ist ein fatales Bild, dass in Deutschland wieder Asylheime und Synagogen von der Polizei beschützt werden müssen. Deutschland erfährt derzeit einen Rechtsdruck, der im Zaum gehalten werden muss. Worauf man jetzt sein Augenmerk legen sollte, wäre die Möglichkeit, Integrationsmaßnahmen schneller durchzusetzen und zu fördern. Wenn Sachsen sein Image, das mit Hilfe von Pegida so dermaßen durch den Kakao gezogen wurde, retten will, müssen die Hürden für kulturelle Projekte und andere Aktivitäten für und mit Asylbewerbern niedriger sein. Man braucht außerdem Menschen, die Deutsch beibringen und psychologisch betreuen können. Und natürlich Gelder, um diese Menschen zu bezahlen.

Was meinst du, wie es in Freital weitergehen wird?

Am besten wäre es, man überlässt die Freitaler sich selbst und holt die Flüchtlinge dort raus. Sie werden auf der Straße angepöbelt, fotografiert und beäugt; von irgendeiner Art Integration oder nachbarschaftlichem Kontakt kann gar nicht erst die Rede sein. Dabei haben diese Menschen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Soweit ich weiß, arbeitet die Organisation „Dresden für alle“, die sich schon seit Monaten für Weltoffenheit und Toleranz in Dresden und Umgebung engagiert, gerade an langfristigen Konzepten. Das Ganze braucht Unterstützer. Einmalig dort Sachen zu spenden und zu helfen, ist zwar begrüßenswert, aber es muss vor allem regelmäßig passieren. Man muss jetzt gerade mehr tun als sonst – die Lage ist wirklich fatal.

Text: Polina Boyko
Fotos: Andreas Hilger

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