Polimika – die Kolumne

Wollen dürfen

Ausschlafen und Nickerchen sind was für faule Säcke, Fleischesser sind Mörder und Kohlenhydrate sind sowieso die Ausgeburt des Teufels. Sich selbst etwas zu verbieten gehört immer mehr zum guten Ton. Aber was soll das Ganze eigentlich? Ich plädiere ja für mehr Kompromisse und weniger Selbstgeißelung.

01. Juni 2015 - 11:09
SPIESSER-Autorin Individuot.
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Individuot Offline
Beigetreten: 01.07.2014

Je mehr wir uns verbieten, desto schönere und bessere Menschen sollen wir sein. Ausgewogene Ernährung, viel Sport, kein Alkohol, generell nichts Ungesundes, vor dem Schlafen gehen noch „Krieg und Frieden“ auslesen und dann früh ins Bett, um wiederum früh wieder fit zu sein – so lautet der Tagesablauf des schönen, guten, schlauen Menschen. Jeder, der sich gehen lässt, ist schwach und schlecht. Nebenbei stirbt die Spontanität gleich mit der Lebenslust aus.

Dass Stress bereits zum elitären Schwanzvergleich geworden ist, wissen wir ja. Wer nicht gehetzt, sondern ausgeschlafen und tiefenentspannt wirkt, der ist nicht wichtig genug, um viel zu tun zu haben. Oder ist schlichtweg faul. Klare Sache. Dabei ist das eigentlich Gefährliche daran ein Placeboeffekt. Sprich, wer sich die ganze Zeit darüber beschwert, er hätte ja so viel Stress, der hat ihn letzten Endes auch. Aber nicht durch zu viele Aufgaben und zu wenig Zeit, sondern durch sein eigenes Rumgenörgel.

Natürlich könnte man das Phänomen auch auf die bösen, bösen Medien schieben, die uns tagein tagaus mit neuen Diäten und Trainingseinheiten überfallen, mit denen wir uns gefälligst selbst malträtieren sollen. Ergänzt wird das Ganze durch die eingefleischte Panik vor der Lücke im Lebenslauf und dem Wissen, soo viel Wissen darüber, wie sehr unser Konsum nicht nur uns, sondern auch der Umwelt, der Tierwelt und unseren Mitmenschen schadet.

Ja, wir wissen viel von sterbenden Menschen und Tieren, von Umweltkatastrophen und Gesundheitsrisiken. Und ja, das meiste davon lässt uns verzweifeln. Aber heißt das, dass wir uns deswegen nichts gönnen dürfen? Nichts wollen dürfen, das in irgendeiner Art und Weise Schaden anrichten könnte? Natürlich ist das sinnvoll. Aber müssen wir immer nur nach dem handeln, das durch und durch sinnvoll ist?

Ich plädiere ja für mehr Kompromisse und weniger Selbstgeißelung. Ihr könnt ruhig mal in ein Stück Fleisch beißen, wennʼs vom Metzger des Vertrauens kommt. Oder shoppen, wennʼs nicht das zwanzigste Billigtop ist, sondern mal was Ausgefallenes aus der kleinen Boutique um die Ecke, wo noch selbst genäht wird. Oder halt second hand! Ist günstiger und schließlich auch wieder in. Und schlafen, liebe Leute, könnt ihr so viel wie ihr wollt, solange ihr alles auf die Reihe kriegt mit Schule, Uni, Arbeit und Sozialleben. Lasst euch nicht stressen von den schönen, guten, schlauen Menschen, die sich an ihren selbstauferlegten Verboten aufgeilen und ganz übersehen, wie langweilig sie dabei sind.

 

Text: Polina Boyko
Collage: Anja Nier

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