Nachgefragt

Zeit ist mehr als Geld

Die Fraunhofer-Gesellschaft hat eine lange eindrucksvolle Geschichte. An 72 Instituten sind rund 28.000 Mitarbeitende beschäftigt, unter ihnen auch Roda Müller-Wieland, die am Center for Research and Responsible Innovation des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Berlin forscht. Ihr Kerngebiet: New Work und Unternehmenskultur sowie die Frage: Wie werden sich Arbeit, Führung und Kompetenzen in Zukunft verändern und wie gestaltet sich die Transformation?

02. September 2020 - 10:57
SPIESSER-AutorIn Mitdenkerin.
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Mitdenkerin Offline
Beigetreten: 27.07.2019

Roda, was ist jungen Menschen an ihrem Job heute besonders wichtig?

Ich glaube, dass viele relativ klare Erwartungen an ihr Arbeitslebensmodell haben: Work-Life-Balance, höherer Stellenwert von Familien-und Freizeitaktivitäten, ein Sabbatical mit 30, die Werte des Unternehmens und so weiter. Bei der Art der Tätigkeit aber wissen junge Leute häufig wegen der vielen verschiedenen Optionen gar nicht genau, was sie werden wollen.

Roda Müller-Wieland


ist studierte Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Unternehmenskultur und Transformation am Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer IAO. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeit und Führung der Zukunft sowie auf Veränderungs- und Innovationsprozessen.

Junge Menschen streben also nach mehr als dem klassischen 9-to-5-Bürojob. Warum wollen neue Generationen anders arbeiten?

Ich bin gar nicht so sicher, dass das wirklich auf die gesamte Generation zutrifft. Die Studienlage zeigt, dass die Vorstellungen divers sind. Es zeigt sich eher der Wunsch nach fix-flexiblen Strukturen. Es besteht der Wunsch nach Raum für Gestaltung und Autonomie, sodass man selbst kreative Gedanken einbringen kann und möglichst großen Handlungsspielraum hat, und gleichzeitig streben viele nach sicheren Strukturen. In Österreich beispielsweise sagt eine Studie, dass die Befragten geregelte Arbeitszeiten bevorzugten und nicht eine Art Work-Life-Blending haben wollen. Ich glaube also, dass es stark darauf ankommt, mit wem man spricht, aber der Trend geht tendenziell in die Richtung möglichst flexibler Arbeitszeiten bei gleichzeitig festen und sicheren Rahmenbedingungen.

Will die junge Generation zu viel?

Die jüngeren Generationen werden in den Medien häufig Pauschalbewertungen unterworfen. Entweder sind sie die Faulen, die nicht mehr arbeiten wollen, oder sie sind zu leistungsbereit und haben zu viele Wünsche. Wir haben einen technologischen Wandel, der andere Möglichkeiten schafft und die Rahmenbedingungen verändert. Hinzu kommen weitere Veränderungen wie ein sozialer Wandel, der demografische Wandel, eine höhere Frauenerwerbstätigkeit etc. Diese technologischen und sozialen Veränderungen sind so komplex und vielschichtig, dass ich es völlig legitim finde, dass neue Anforderungen, Vorstellungen und Wünsche entwickelt werden. Mittlerweile haben auch die Unternehmen erkannt, dass sie den jungen Generationen etwas Attraktives bieten müssen, und das sind nicht mehr nur Gehalt und Status, sondern es sind vor allem auch kulturelle und soziale Werte.

Welchen Herausforderungen müssen sich Arbeitgeber heute noch stellen, um erfolgreich und wettbewerbsfähig zu bleiben?

Es gibt diese verschiedenen Trends, die alle ineinandergreifen. Die technologischen Trends und die gesellschaftlichen müssen verknüpft betrachtet werden, weil sie sich wechselseitig beeinflussen. Durch unsere Smartphones und durchs Internet haben wir die Möglichkeit, immer erreichbar zu sein, von überall aus zu arbeiten. Die Akzeptanzschwellen für Innovationen werden immer niedriger, die Innovationszyklen schneller. Es ist alles deutlich dynamischer geworden und somit verändern sich auch die Organisationsformen. Stark hierarchische Organisationen können nicht so schnell auf neue Anforderungen reagieren.Um wettbewerbsfähig zu sein, brauchen Unternehmen also eine schnelle Anpassungsfähigkeit und fähige Mitarbeitende, die selber Entscheidungen treffen können.

Wenn ein Unternehmen uns beauftragt, weil es stark gewachsen ist oder internationale Standorte entstanden sind und es sich entsprechend verändern will, dann analysieren wir dessen Unternehmenskultur und entwickeln ein Sollbild: Wie soll die Unternehmenskultur in Zukunft aussehen? Der Analyseprozess ist in den letzten zehn Jahren deutlich partizipativer geworden, die Mitarbeitenden werden mehr eingebunden. Ausgehend von dem erstellten Zukunftsbild überlegen wir uns, wie das jetzt auch in den Arbeitsalltag übertragen werden kann. Nur weil ein Leitbild erarbeitet wurde, heißt das nicht, dass sich von heute auf morgen alle Menschen im Unternehmen verändern.

Die Unternehmen haben erkannt, dass sie den jungen Generationen etwas Attraktives bieten müssen, und das sind nicht mehr nur Ge halt und Status.

Wie wird sich der Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren entwickeln? Kommen ungeahnte Herausforderungen auf uns zu?

In der Forschung gibt es verschiedene Ansätze und Szenarien. Das Worst-Case-Szenario geht in die Richtung, dass durch die Digitalisierung viele Stellen abgebaut werden. Im Best-Case-Szenario wird eher sozialverträglich digitalisiert, um eine möglichst kleine Schere zwischen Niedriglohnsektor und den Hochverdienenden zu erzeugen. Es könnte sich so entwickeln, dass wir ganz viele Jobs haben, die einen niedrigen Bildungsgrad benötigen, und welche, die einen extrem hohen erfordern. Die „Mitte“ wird dann von Technologien übernommen. Es ist aber auch möglich, dass lediglich repetitive Tätigkeiten, die einen geringeren Bildungsgrad voraussetzen, durch die Technik ersetzt werden und die Stellen ür die breite Mitte plus hoch spezialisierte Personen bestehen bleiben. Wir forschen natürlich danach, wie wir dieses Best-Case-Szenario erreichen können.

Die Tendenz sagt, es gäbe nicht weniger Jobs und eine höhere Arbeitslosenquote, sondern noch mehr Jobs, weil immer neue entstehen würden.

Welche Kompetenzen sind in der Zukunft unerlässlich? Wenn du drei nennen müsstest, welche wären das?

Ganz pauschal eine Veränderungskompetenz, also Bereitschaft, sich zu verändern, aber auch die nötigen Tools und den Willen, sich auf neue Anforderungen einzulassen. Zudem flächendeckend bei fast allen Menschen technologische Grundfähigkeiten. Und vielleicht so etwas wie systemisches Denken oder Querdenken. Es wäre gut, wenn man die Fähigkeit besäße, an Schnittstellen zu denken, sodass man möglichst alle Systeme in Handlungen und Lösungen einbezieht. Die Nutzerperspektive wird ja schon immer mehr eingenommen, aber man muss weiterdenken: Was hat das eigentlich für Auswirkungen? Von wem brauche ich welches Wissen, um etwas Neues zu entwickeln?

Unternehmen müssen sich aktuell und in Zukunft intensiver damit auseinandersetzen, wie sie ihre Widerstandsfähigkeit steigern.

Während der Einschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie mussten viele Unternehmen kurzfristig gewohnte Strukturen ändern. Wie wird diese Ausnahmesituation, deiner Meinung nach, die Zukunft der Arbeitswelt beeinflussen?

Es könnte gut sein, dass es zunächst zu einer Schere kommen wird: Die einen haben die zwangsläufi gen Veränderungen genutzt, um sich zu digitalisieren, ihr Kerngeschäft zu innovieren und neue Formen der Zusammenarbeit zu erproben. Sie haben erkannt, dass Flexibilität und Innovationsfähigkeit Unternehmen im heutigen turbulenten und unsicheren Umfeld einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen können und versuchen, die neuen Strukturen aufrechtzuerhalten und sich als Unternehmen weiterzuentwickeln. Auf der anderen Seite gibt es jene, die eher weniger positive Konsequenzen wahrgenommen haben und zumindest kurzfristig wieder in „alte“ Strukturen und Verhaltensweisen „zurückfallen“, beispielsweise indem sie wieder verstärkt Wert auf Präsenz legen.

Unabhängig von diesen Ausprägungen denke ich, dass Unternehmen sich aktuell und in Zukunft intensiver damit auseinandersetzen, wie sie ihre Widerstandsfähigkeit steigern können, um auch in Zukunft und bei möglichen weiteren Krisen bestehen zu können.

#futureworkchallenge ‒ Der Wettbewerb zur Zukunft der Arbeit

Wie unser Arbeitsalltag in Zukunft aussehen wird, wissen wir noch nicht. Doch wir können ihn mitgestalten. Darum ruft das Bundesministerium für Bildung und Forschung euch dazu auf, einen kreativen Blick in die Zukunft zu werfen: mit der #futureworkchallenge.

Eure Aufgabe: Stellt einen Beruf mit Zukunft dar, erklärt ihn in wenigen Worten und reicht das Ergebnis als Video oder Foto bis zum 30. September online ein. Ob mit Requisiten, gemalt oder getanzt – Hauptsache kreativ! Zu gewinnen gibt es moderne Technik. Der Wettbewerb wird im Rahmen der Europäischen Arbeits-Forschungstagung beyondwork2020 ausgerichtet.

Info & Preise: beyondwork2020.com/wettbewerb

 

Text von Stephanie Graetz, 28, Vollzeit-Mutter, Jura-Studentin in der Freizeit, hätte auch ein Sabbatical verdient.

Fotos von Christian Schneider Fotograf und Filmemacher, hat also keine Ahnung von „richtiger“ „Arbeit“.

Teaserbild: Paula Hohlfeld

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Kommentare

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