Kolumne

Der Charme der Verlegenheitsgeschenke

 

11. Januar 2018 - 10:39
SPIESSER-Autor Der Mann den Sie Pfirsich Nannten.
Deine Bewertung bewertet mit 5 5 basierend auf 2 Bewertungen
Der Mann den Sie Pfirsich Nannten Offline
Beigetreten: 24.04.2015

Holzschnittartiges Buffet, die neuesten Krankheitsfälle aus dem Bekanntenkreis und hinterher einen Kümmerling – es ist wieder Familiengeburtstag. Ich versuche mich aus der Gesprächsschleife zu lösen, die mich immer fühlen lässt, als wäre ich in „Jährlich grüßt das Murmeltier“ gefangen, und lasse meinen Blick durch das Wohnzimmer meiner Großeltern schweifen. Plötzlich ein Dorn im Auge. Nicht physisch, aber optisch. Ein Tritt in die Leisten des guten Geschmacks starrt mich aus seinem billigen Kiefernholzrahmen an. Wer kauft sich sowas?

Niemand. Dann fällt es mir ein. Es war ein Geschenk von einem Ich aus einer anderen Zeit. Wie gern würde ich gerade zehn Jahre zurück reisen, um den 16-jährigen Christian, der von der Klassenfahrt aus Polen heimkehrend, den im direkten Anschluss der Rückkehr terminierten Geburtstag des Großvaters vergessen hat, von einem Scheißgeschenk abzuhalten. Auf der Abschlussrunde der Schnäppchenjungfüchse auf dem Polenmarkt wurde ein Bild eines austauschbaren Hafens beim Sonnenuntergang mit einem bernsteinverzierten Baum im Vordergrund gekauft. Das Ganze in einem oberbilligen Holzrahmen. Sah aus wie selbstgemacht von einer Hand, zu der ein Kopf gehörte, der vor allem mit wenig Kosten viel Gewinn machen wollte. Die Alternativen waren: bedruckte Textilien mit Tippfehlern sowie CDs und DVDs mit ausgeblichenen Covern. Ich erinnere mich, dass ich mich schon damals schäbig gefühlt hab. Bescheuertes Notgeschenk, da wäre was aus Großvaters Schuppen klauen und als Geschenk verkaufen besser gewesen. Da meine Großeltern aber großzügige Menschen sind, hängt das Bild immer noch relativ präsent in deren Wohnzimmer.

Die Begegnung mit dem Bernstein-Kiefernholz-Monster löste einen Backflash der Flop-Geschenke bei mir aus, die man aus fremdbestimmter Höflichkeit und ungerechtfertigter, jugendlicher Geringschätzung der wertvollen Familie gegenüber so schamkaufte. Jahre voller selbstgebastelter Kalender, daheim ausgedruckter Geburtstagskarten mit WordArt, Kitschsouvenirs und das sind nur die Beispiele, an die ich mich erinnern kann!

Der Charme von DIY wird als Geschenk schnell zur Fremdscham und ich glaube die Mühelosigkeit drückt sich durch jede Pore solcher selbstgebastelten Geschenke.
Das einzig Bewundernswerte dabei: Alle Eltern und Großeltern dieser Welt lächeln es mutig weg. Kein Wunder, dass sich ab einem gewissen Punkt im Leben nur noch Fotos gewünscht werden. Ihr denkt, es ginge Ihnen darum die Zeit, die weniger wird, auf Papier glänzend nachzuholen? Wahrscheinlich ist es eher eine elterliche Weisheit, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde als der sicherste Weg keine Scheißgeschenke zu erhalten. Deshalb sind vor der Erfindung der Fotografie die Leute auch lange nicht so alt geworden – reiner Selbstschutz vor den im Alter lauernden Schreckensgeschenken.

Deshalb eine Bitte: Schenkt euren Verwandten, sofern ihr sie mögt, keine Scheiße. Die heben das auf. Für den Kontext. Für die Erinnerung. Vielleicht unterschätze ich meine Verwandtschaft aber auch und es ist einfach nur ein Mahnmal für mein klägliches Enkeldasein. Das Bernsteinzimmer der Verlegenheitsgeschenke.

Ich bin dann mal weg, das war meine Kolumne für dieses Jahr. Wenn es euch nicht gefallen hat, schenkt mir doch einfach etwas Selbstgebasteltes

Text: Christian Schneider
Teaserbild: Lena Schulze

Dir gefällt dieser Artikel?

Kommentare

Und du so? Sag' uns, was du denkst!
Mehr zum Thema „Kolumne
  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Rezo zerstört die CDU, die CSU zerstört sich selbst

    Orientierungslos blieben die eingesessenen Politikprofis zurück nachdem ein junger interessierter Mann mit auffälliger Frisur plötzlich den dunklen Raum der Politik für Jugendliche öffnete. Und die Erwachsenen reagierten, als würden sie von ihren Kindern beim Sex erwischt.

  • maxiise
    Kolumne

    Hört auf, Kinder zu posten!

    Bilder von Kindern gehören nicht ins Internet. Denn auch sie haben ein Recht auf Privatsphäre wie jeder von uns. Und selbst würde wohl keiner ein Bild von sich beim Kacken, Kotzen, Heulen oder Nacktbaden hochladen.

  • maxiise
    Kolumne

    „Politische Korrektheit“ ist voll behindert

    Bei Konservativen ist es cool geworden, nicht mehr „politisch korrekt“ zu sein. Aber was heißt das überhaupt und warum sollte man erst denken und dann sprechen?

  • maxiise
    Kolumne

    Bushido und das unsinnige Gerede über Loyalität

    Wer spricht schon über Loyalität? Meistens die Leute, die sie von anderen einfordern oder sich selbst damit brüsten wollen, wie loyal sie doch sind. Oh, und Rapper natürlich. Echte Loyalität aber sollte nichts anderes sein als eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit.

  • maxiise
    Kolumne

    Anonymität – Der Preis des Erwachsenwerdens!?

    Unser Kolumnist Max schaut sich einen Text von sich selbst an, in dem er nach dem Abi verzweifelt auf die Welt der Erwachsenen geschaut hat. Heute sieht er vieles anders. Ist vielleicht doch nicht alles so scheiße, wie es manchmal scheint.

  • maxiise
    Kolumne

    Die „Generation Rezo“ kann selber denken

    Bei den Reaktionen auf das Rezo-Video fällt auf: Nicht nur die CDU versteht die Jugend nicht mehr, auch Medienmacher haben den Zugang zur jungen Generation verloren. Vielleicht braucht es die Jungen, um den Alten etwas zu erklären.

  • maxiise
    Kolumne

    Gleichberechtigung unerwünscht

    Unsere Gesellschaft ist so gleichberechtigt wie noch nie zuvor. Trotzdem gibt es einige empörte Feministinnen und Feministen, die anscheinend nicht an Gleichberechtigung interessiert sind und damit die Glaubwürdigkeit und den Wert ihrer Bewegung untergraben.

  • Individuot
    5
    Polimika – die Kolumne

    Mädchen-Mädchen-Tag

    Liebe Freundinnen des Rosas und Pinks, der Blumen und Schokolade – der Valentinstag ist mit seinem Kitsch und seinen Klischees mal wieder über uns geschwappt. Und wisst ihr was? Ihr könnt ihn haben, euren Prinzessinnen-Tag. Besser gesagt: Haltet ihn uns ja vom Leib!

  • maxiise
    Kolumne

    Handball-Revolution: König Fußball muss gestürzt werden

    Nicht Weltmeister, kein Finale, nicht mal Dritter. Die Handball-Heim-WM hat Deutschland in den Bann gezogen – und am Ende flossen bittere Tränen. Die deutsche Mannschaft löste Zuschauerrekorde in den Hallen und an den Bildschirmen aus. Doch scheinbar nur, weil der grausame Riese Fußball

  • Ka.thi
    Kolumne

    Körperchaos

    Katharinas Kolumne: Diesmal über Protest unter Einsatz des eigenen Körpers.

  • maxiise
    5
    Kolumne

    Wer Neujahrsvorsätze braucht, braucht auch eine Therapie

    Ein Anfang kann eine Chance sein, ein Risiko, das Ende einer Ära, ein leeres Blatt. Das neue Jahr beginnt und bringt tausende neue Anfänge mit sich. Manche ganz willkürlich, andere sehr geplant. Aber wer den Jahreswechsel braucht, um sich selbst neu zu erfinden, der hat wirklich ein Problem.

  • Ka.thi
    Kolumne

    Ende mit Ekel

    SPIESSER-Autorin Katharinas letzte Kolumne. Besser ein Ende mit Ekel als ein Ekel ohne Ende.

  • Ka.thi
    Kolumne

    Von enttäuschenden Erleuchtungen

    SPIESSER-Autorin Katharina blickt seit Kurzem ganz anders in den Sternenhimmel.

  • Ka.thi
    5
    Kolumne

    Teilzeitegoistin im Tauschrausch

    SPIESSER-Autorin Katharina über die Lebenszeit ihrer Jeans und Kommerzialisierungskomponente von Second Hand.

  • Ka.thi
    5
    Kolumne

    Diplomatie im Dattel-Dschungel

    Was macht einen Menschen eigentlich zum Mensch? Wie hilft die moderne Technik dabei? Werden Maschinen bald bessere Romane schreiben als Menschen? Über diese und andere Fragen hat sich SPIESSER Autorin Katharina Gedanken gemacht.

  • Individuot
    5
    Polimika – die Kolumne

    April am Arsch

    Das Wetter war selten so nervig und ekelhaft wie in den letzten Tagen und Wochen. Es ist kalt, es regnet, es schneit, verdammte Hacke! Ich finde, es wird höchste Zeit sich mächtig aufzuregen über diese Frechheit.

  • Ka.thi
    5
    Kolumne

    Menschenskinder, diese Technik!

    Was macht einen Menschen eigentlich zum Mensch? Wie hilft die moderne Technik dabei? Werden Maschienen bald bessere Romane schreiben als Menschen? Über diese und andere Fragen hat sich SPIESSER Autorin Katharina Gedanken gemacht...

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Die Flucht nach vorn

    Wenn der Wahlkampf etwas Gutes hatte, dann das ein Thema wieder Platz findet in den zeilensprunghaften Leitmedien: Migration. In der Debatte wird das Thema Integration genutzt, um sich vom politischen Gegenüber abzugrenzen.

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Geheime Wahl,
    geh heim

    Es gibt zwei Aussagen, die mich aktuell regelmäßig verzweifeln lassen. Gern auch in Kombination. Einerseits hat beim Datenschutz keiner was zu verbergen. Andererseits wird auf die Frage „Wen wählst du?“ sich gesetzestreu aufs Wahlgeheimnis berufen. Als würde man ein Stück

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Die Kunst,
    modern zu reisen

    Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Einen Selfie-Stick, einen Marco- Polo-Reiseführer und Desinfektionstücher. Ich möchte heute mit einem Vorurteil aufräumen. Mit dem Vorurteil, dass Reisen automatisch bildet. Reisen kann bilden, in letzter Zeit bekomme ich aber vermehrt Fälle

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Im Lebensfrühling überwinten

    Die Pubertät. Für die meisten von euch sicher, ebenso wie für mich, eine Zeit in Ketten gelegt. Vor allem, was die Zähne anbelangt. Mündig werden und Zahnspange tragen – da sind Probleme vorprogrammiert.

  • Der Mann den Sie Pfirsich Nannten
    5
    Kolumne

    Wo ist der Logout beim Stammbaum?

    Es gibt Sätze, die möchte man bei Facebook einfach nie angezeigt bekommen. Zum Beispiel „Deine Freundin hat ihren Beziehungsstatus auf ,Es ist kompliziert‘ geändert“ oder „JETZT RAY BAN BRILLE 50% RABATT!“ Oder eben „Deine Mama hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt.“

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Auf Pilgerfahrt für
    Gott und Instagram

    Ihr könnt mich alle mal! Ich bin dann mal weg! Wer hat das noch nicht gedacht? Ich jedenfalls schon oft. Damit kann ich wirklich jeden verstehen, der aus der Zivilisation ausbrechen will: kein Smartphone, kein Facebook, kein Alltag. Mal volle Dröhnung auf sich selbst konzentrieren und schauen,

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Durchschnitt und
    stolz darauf

    Ich verstehe Mode nicht. So grundsätzlich und überhaupt. Ich bin der Typ, der immer noch seine zwei Jahre alten H&M-Standard-Shirts trägt und darin kein Problem sieht. Immerhin bin ich dabei dünn.

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Nur das Pech
    ist gerecht

    Manchmal versagt einfach das System. Im Niedersächsischen Mathe-Abi war es wieder soweit. Fragen zu schwer, Zeit zu kurz, Schülerproteste und dann mussten Noten angepasst werden. Reichlich unangenehm für alle Beteiligten, und die Schüler sind die Leidtragenden.

  • Henk Marzipan
    Kolumne

    Ich sporte, also bin ich!?

    Wir müssen alle gesund sein, und schön, und zwar sofort! Und da die meisten von uns ihre Arbeit am Schreibtisch erledigen, wenn uns vorher die Maschinen nicht komplett ersetzen, bleibt uns nur der Sport. Als Millennial gehe ich natürlich nicht zum örtlichen Sportverein auf aschebedeckten

  • Henk Marzipan
    5
    Kolumne

    Hauptsache, das Label stimmt

    Nachhaltigkeit ist so 2007. Da gewann Al Gore für eine Umweltdoku noch einen Oscar. Der Klimawandel war neu, aufregend, sexy. Die große Bedrohung, die uns alle zu vernichten droht. Das ist so lange her, da war MTV (gerade) noch ein wichtiger Jugendsender. Und auch der machte eine sexy Kampagne

  • Henk Marzipan
    5
    Kolumne

    Schon mal gevögelt wie im Porno?

    Wenn ich ins Netz gehe, umgibt mich nackte Haut. Meist weibliche. Seltener männliche, dann aber mit Waschbrettbauch. Sexappeal verkauft sich gut – von der Strumpfhose bis zur Schlagbohrmaschine. Wir leben im Jahr 2016.

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Zepter abzugeben

    Etwas Selbstreflexion steht jedem gut zu Gesicht – definitiv auch unserer Polimika. Doch auch dabei kommt sie nicht ohne ihre geliebte Meckerei aus. Aber: Genug gemeckert, jetzt müssen mal andere ran. Du vielleicht?

  • Individuot
    Polimika – die Kolumne

    Anti-YOLO

    You only live once – war wohl die nervigste möchtegern philosophische Weisheit der letzten Jahre. Jaja, es stimmt schon, wir leben nur einmal, aber was daraus im Twitter-Universum gemacht wurde, ist ganz schöner Quatsch. Ein Plädoyer gegen YOLO und für die Faulheit.