Kolumne

Geheime Wahl,
geh heim

Es gibt zwei Aussagen, die mich aktuell regelmäßig verzweifeln lassen. Gern auch in Kombination. Einerseits hat beim Datenschutz keiner was zu verbergen. Andererseits wird auf die Frage „Wen wählst du?“ sich gesetzestreu aufs Wahlgeheimnis berufen. Als würde man ein Stück seiner Seele verlieren, verheimlicht man, wo man halbinformiert ein Kugelschreiberkreuz auf ein überdimensioniertes Stück Papier setzt, welches man anschließend ungeschickt faltet. So ist sie, die moderne Privatsphäre von Welt.

25. September 2017 - 11:41
SPIESSER-Autor Der Mann den Sie Pfirsich Nannten.
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Der Mann den Sie Pfirsich Nannten Offline
Beigetreten: 24.04.2015

Natürlich zeigen uns Berichte aus der Türkei, Russland und anderen Nationen dieser Welt, wie wichtig es ist, für seine politischen Ansichten nicht benachteiligt zu werden. Aber da wir davon, staatseidank, ein gutes Stück entfernt sind, möchte ich dazu aufrufen, den Klammergriff der Geheimniskrämerei zu lösen und mit offenen Armen sein politisches Verständnis kundzutun. Schließlich setze ich mein Kreuz für die politische Richtung, die so oder so mein Leben an jedem Tag prägt. Wie wichtig ist mir Umwelt? Wie wichtig ist mir wirtschaftlicher Erfolg? Wie sehe ich die deutsche Verantwortung in der Flüchtlingsfrage? Wie beurteile ich Gegenwartsereignisse? Was läuft bei uns und was schief? Sind wir das Volk? Und die, die es rufen, auch?

Ich will hier gar nicht den Hobby-PB-Lehrer heraushängen lassen. Aber genau zu solchen Tagesthemen (nicht die Sendung) haben wir eine Meinung und die Entscheidungen dazu sind Politik. Dass wir bei unserer politischen Meinung so vorsichtig sind, zeigt zum einen, dass wir von ausgelebter Demokratie noch ein Stück entfernt sind, und zum anderen, dass wir ungern Weltvorstellungen aneinander prasseln lassen. Vor allem in den Bereichen des Lebens, in denen man gerne konfliktfrei nebenher lebt, wird das letzte politische Hemd vom Deckmantel der geheimen Wahl bedeckt – im Job, im Sportverein und auch in der Familie. Meine Mutter wollte mir vor meiner ersten Wahl nicht verraten, was sie wählte. Dabei braucht es Diskussionen darüber, was wer richtig und falsch findet und warum, am besten mit so vielen Leuten wie möglich, um sich aus seiner Blase zu befreien ohne sich die Augen reiben zu müssen. Sonst machen „die da oben“ doch noch mehr „eh was sie wollen“.

Die Globalisierung und der moderne Kapitalismus brachte uns eine neue Individualität, die Freiheit, alles kaufen zukönnen. Diese Freiheit und der Blick auf das Internationale, hat die eigene politische Identität aufgeweicht und deren gefühlte Notwendigkeit. Das birgt allerdings die Gefahr, dass in Kombination mit gefühlten Wahrheiten, böse Überraschungen lauern. Gleichzeitig führt es dazu, dass Berufspolitiker verstärkt Politik als Produkt begreifen. Ein Produkt, mit dem sie in den Monaten vor der Wahl mit allen Marketing-Mittelchen auf Stimmenfang gehen und anschließend vor allem eines nicht wollen: Negativ auffallen. Damit scheitern unangenehme, aber notwendige Maßnahmen, die nachhaltig die vielen Probleme dieser Welt angehen, fast automatisch.

Uninformierte Kunden sind gute Käufer. Unpolitische Bürger sind aber schlechte Wähler. Die Wahl meiner politischen Richtung bestimmt mein Denken und das braucht Dialog. Also fragt alle, die ihr kennt, was sie wählen und wer sich grämt, dem zeigt ihr den Artikel hier und falls ihr dann keine Freunde mehr habt, könnt ihr euch auch gerne bei mir melden. Aber damit Politik mehr in unserem Sinne wird, müssen wir Politik wieder mehr im Sinn haben. Und nun entschuldigt mich, ich muss mein Abendessen wählen – was es wird, ist aber mein Geheimnis. Achso, ich wähle übrigens links.

Text: Christian Schneider
Teaserbild: Anja Nier

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