Meinung

„Die Lesbe erkennst du an den kurzen Haaren“

„Der trägt einen Ohrring, der ist doch sicher vom anderen Ufer“, so oder so ähnlich ertönt es aus den Mündern der Leute, die anscheinend die Menschenkenntnis mit Löffeln gefressen haben. Dabei merken sie gar nicht, wie viel Ignoranz und Ahnungslosigkeit zugleich herausströmen.

15. November 2017 - 13:45
SPIESSER-Autorin breakfastatspiesser.
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Beigetreten: 28.07.2017

Generation „Woke“

Wir leben im Jahr 2017. Durch Feminismus und Social Media ist eine Generation Z herangewachsen, die täglich online mit den verschiedensten Lebensweisen und Selbstpräsentationen konfrontiert wird. Auf Instagram, Facebook und Co. sprießen Empowering-Seiten aus dem Boden und die Communites unterstützen sich gegenseitig in den Kommentaren. Dadurch ist diese Generation „woke“ – also aufgeweckt, laut des Internets. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Sexualität sowie Bodyshaming – all das sind Dinge, die zwar nach wie vor eine bedeutende Rolle spielen, aber immer mehr im Sinne des Kampfes dagegen. Zumindest für die große (schlaue) Mehrheit, möchte man meinen.

Ist ja auch alles ganz wunderbar. Trotzdem gibt es da eine Sache, die „weckt“ bei mir akuten Brechreiz. Ausgelöst durch die lieben Leute, die meinen, sie könnten die Sexualität eines Menschen anhand der Kleidung und des allgemeinen Aussehens bestimmen. Hauptsächlich die Menschen, die der Generation Z ein paar Jährchen voraus sind. Das fiel mir mal wieder auf, als ich gemeinsam mit meinen Eltern und deren Bekannten eine Reportage über ein männliches Model schaute. Der Junge berichtete davon, in seiner Kindheit gemobbt worden zu sein, weil er schon damals ein sehr weibliches Aussehen gehabt hätte. Er trug gern Röcke, bunte Blusen und Ohrringe. Heute würde er auch bewusst mit seiner femininen Seite im Job spielen und genau deswegen es immer noch im Alltag erleben, dass Menschen einfach annehmen, er sei schwul. Doch wieso setzen es manche voraus, dass er auch wirklich auf Männer steht – ohne ihn zu kennen?

Fachmännische Kenntnis...

„Der ist doch aber auch schwul. Guck ihn dir an“, höre ich den Bekannten meiner Eltern neben mir auf der Couch grunzen. Mir liegt eine bissige Bemerkung auf der Zunge, doch alles, was ich dazu erwidern kann, wird mittels eines müden Augenrollens weggedrückt.

Habe ich früher noch versucht, mit den Menschen in meinem Umfeld darüber zu diskutieren, bin ich es langsam schon leid. Denn Solche Aussagen kommen leider auch von ein paar Individuen unserer sonst so non-judgemental-Generation. Da fehlt von Offenheit jede Spur, der Horizont wird unterbewusst verkleinert, wenn so etwas wie „Aber dieser Junge trägt einen Mädchenohrring. UND KAJAL! Das sieht man“ hervorgestoßen wird. Geht seine Sexualität jemanden etwas an? Kann man Kleidung überhaupt als Ausdruck solcher betrachten? Einfache Antwort: Nein. Doch daran wird gar nicht erst die Denkkraft verschwendet.

Der Ignoranz-Radar

Ich habe die Nase voll davon, dass man nicht die Klamotten tragen kann, die man tragen will, ohne sich auch gleich zu outen. Dass Frauen keinen „männlichen“ Stil haben können, ohne dass sie in den Augen einiger Leute gleich lesbisch sind. Wozu gibt es denn die Boyfriend-Jeans oder unisex? Scheint keinen zu beeindrucken, denn trotzdem kann sich mancher die Kommentare nicht verkneifen á la „Die hat einen Igelhaarschnitt und trägt einen Hosenanzug. Mein Lesbenradar meldet einen Treffer!“ Der einzige Treffer, den ich hier sehe, ist der auf dem „oberflächlich und ignorant“ – Radar.

Macht es denn solchen Spaß, andere Menschen in Schubladen zu stecken? Sie vielleicht sogar zu verletzen, weil man denkt, man hätte die Gabe, in ihre Köpfe zu schauen? Kann man nicht bitte jeden das tragen lassen, was er will und worin er sich wohlfühlt? Das tut doch keinem weh. Man selbst kann sich gern „typisch hetero“ und „genderspezifisch“ anziehen, da interessiert mich mein Käsebrot mehr. Aber sich in ein bisschen Zurückhaltung und Empathie üben, das wäre schön. Kleider machen eben weder Leute, noch die sexuelle Orientierung.

 

Text: Rebekka Hörnig
Foto: AO (Unsplash)

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