Nachgefragt

Was es bedeutet,
ein Europäer zu sein

Auf der „Denk ich an Deutschland“-Konferenz in Berlin wurden Ideen für die Zukunft Europas entworfen. SPIESSER-Autorin Klara hat dort die Redner interviewt und dabei herausgefunden, wie viel Verantwortung jeder Einzelne für die EU trägt.

25. Januar 2018 - 11:07
SPIESSER-Autorin KlarO.
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Beigetreten: 06.04.2017

„Und woher kommst Du?“

Nicht Hintertupfingen, kein Bundesland und erst recht kein Nationalstaat sollte aus europäischer Perspektive die Antwort auf diese Frage sein, sondern:

„Aus Europa.“

Erst die Verschmelzung der eigenen kulturellen Identität mit Europa ist das, was laut Daniel Röder, Begründer der Organisation „Pulse of Europe“, einen Europäer charakterisiert. Er ist einer der Redner der neunten „Denk ich an Deutschland“-Konferenz hier in Berlin.

Bei allen unseren Interviewpartnern ist der erste Gedanke zu der EU in einem Wort sehr positiv – „Freiheit“ hören wir oft. Vielfalt, Frieden. Fragt man jedoch nach dem momentanen Gefühl, das sie im Hinblick auf die EU haben, äußern viele sogar Kritik. Zu Bemerkungen wie „großartig“ mischen sich hier vermehrt „zu kompliziert“ oder „hin- und hergerissen“. Wenn die EU also grundsätzlich etwas Gutes ist, woher kommt dann dieses augenblickliche Gefühl der Unzufriedenheit mit der Situation?

Cem Özdemir beispielsweise behauptet in seiner Rede, dass es in der EU nicht schnell genug voran gehe. Europa sollte stärker wahrnehmbar sein, was aber nicht möglich sei, wenn so viele Nationen mit sich selbst beschäftigt sind und nur den eigenen Nationalstaat stärken wollen. Dabei sei das für ihn gar keine Frage, denn nur mit einem starken Europa könne auch Deutschland stark sein: „Wer sein Land liebt, muss überzeugter Europäer sein.“

Und tatsächlich scheinen diese Ansicht viele auf der Konferenz zu teilen – „Ich bin ein Europäer“ heißt beispielsweise die Rede von Christian Lindner. Gerade deshalb sind die Teilnehmer hier zusammen gekommen: um neue Ideen zu formulieren und eventuell sogar neue „Verbündete“ in ihrem Engagement für Europa zu finden, wie es Anna Herrhausen, die Geschäftsführerin der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, ausdrückt.

Wo der Einsatz weitergehen muss

Engagement, vor allem von der ganz normalen Bevölkerung ausgehend, verlangen mehrere unserer Interviewpartner. Hanno Burmester, der die strategische Leitung des Democracy Lab innehat, glaubt, das Bestehen oder das Scheitern der EU werde sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren entscheiden – es sei also die Aufgabe jedes Einzelnen „sich ein Stück weit reinzulehnen“. Denn wo Deutschland ohne Europa wäre, wolle man sich gar nicht vorstellen, da sind sich die Befragten einig.

Die EU als Garant für den Frieden, als Anbieter der Reisefreiheit und als Möglichkeit, einen Gegenpol zu dem aufstrebenden China, zu Russland und den USA zu bilden – das sind die Kerngedanken und damit auch die nicht von der Hand zu weisenden Vorteile der europäischen Gemeinschaft, die uns unter anderem Dr. Paul Achleitner nennt.

Doch Rashuf, eine nach Deutschland Geflüchtete, fasst ihre Gefühle zur EU wie folgt zusammen: „Was ist Europa eigentlich? Und was heißt es, Europäer/in zu sein? Es gibt Länder, die sind heute noch in der EU und morgen schon nicht mehr, das ist etwas sehr Politisches. Es geht für jeden persönlich mehr darum, wie man mit den anderen Menschen interagiert.“

Was also müssen wir tun, um die Vorteile der EU zu sichern und die momentanen Unstimmigkeiten zu beseitigen?

Sich wechselseitig für die Belange Anderer zu interessieren, ist der Vorschlag von Daniel Röder. Auf jeden Fall aber „Kommunikation“, so lautet von allen Seiten das Zauberwort, für die „europäische Zivilgesellschaft“ genau wie für die großen politischen Akteure. Und Deutschland braucht eine handlungsfähige Regierung! Mit den Worten von Klaus-Dieter Frankenberger, Leiter des Ressorts für Außenpolitik der FAZ, lässt sich ein passendes Resümee für den Tag ziehen: „Ist die EU perfekt? Natürlich nicht. Können wir sie besser machen? Vermutlich.“

 

Text: Klara Wessel
Bild: G. Crescoli on Unsplash

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