Brief an ... Indien
SPIESSER.de-Autoren schreiben Briefe. Diesmal schreibt Tatjana an Indien.
Mein liebstes Indien,
Ich schreibe dir jetzt diesen Brief, in der Hoffnung, dass ihn dir jemand in all deine Sprachen übersetzen kann. Und dabei auch deine Tribal-Sprachen nicht vergisst, die ja auf der ganzen Welt nur noch von rund 30 Personen gesprochen werden. Ich schreibe dir aus vielen Gründen. Ich möchte mich bei dir bedanken. Ich vermisse es, mich mit dir zu zanken. Aber vor allem möchte ich dir einfach mal schwarz auf weiß diesen Satz aufschreiben: Ich werde dich nie vergessen.
Am 10. August 2009 flog ich mit einer Flugmaschine zu dir. Kannst du dich noch genauso gut an diesen Tag erinnern wie ich? Ich habe mich gefühlt wie ein Entdecker, ja, wenn ich es mir recht überlege wie ein zweiter Kolumbus: Ich wollte ursprünglich nach Südamerika und bin letztendlich in Indien gelandet. Für mich kam es einem Wunder gleich, wie ich in nur neun Stunden von Frankfurt bis nach Mumbai reiste! Und dann bei meiner Ankunft hast du mich mit deiner heißesten Nachtluft begrüßt und mir die Flugzeugklimaanlagengänsehaut in Minuntenschnelle in Schweiß verwandelt. Dann kündigtest du mir nach einer langen, verschlafenen Busfahrt in 2.500 Metern die Endstation an. Du empfingst mich herzlich damit, mir meine Vorurteile über die Hitze in Indien in nasskaltes Regenwetter umzutauschen. Du hast mir gastfreundlich und wohlwollend ein Jahr lang Reis auf meinen Teller geschaufelt und mir gesagt, ich könne ruhig mit der Hand essen. Danach hast du mir das Klopapier weggenommen und mir gezeigt, dass es noch ganz andere Standards gibt. Du wärst eher selbst hungrig ins Bett gegangen, als mir nicht genug zu Essen anbieten zu können. Du kamst auf die Idee, die Kuh heilig zu sprechen. Tagelang hast du mich auf Ämtern warten lassen, um zu dem Schluss zu kommen, dass ich nächste Woche wiederkommen solle. Ich war noch nirgends zu Besuch, wo es so religiös zuging wie bei dir. Du hast dir alle zwei Meter ein neues Bild von Gott gemacht und du glaubst fest an sie alle.
Ganesh
Ist einer der beliebtesten Hindugötter. Er hat einen Elefantenkopf.
Du kannst fabelhafte Geschichten darüber erzählen, wie sie ihre blaue Farbe bekamen oder ihren Elefantenkopf. Du stellst Wiedergeburten bildhaft dar, indem du in jedem weiteren Leben einen Arm hinzufügst. Du hast den Rikschafahrern Lametta und Plastikblumenketten gezeigt, und sie haben ihnen so gut gefallen, dass sie sie jetzt nie wieder aus ihren Fenstern wegmachen wollen. Du hast mich eingeladen auf Hochhausdachterassenpoolparties und zum Tee trinken in deine Lehmhütten. In deinen Wäldern leben Elefanten, Tiger, Affen und fliegende Eichhörnchen. Vor 1.800 Jahren hast du das Kamasutra erfunden und heute badest du in Kleidern. Bei dir wuchsen Magic Mushrooms im Garten und deine nackigen Babys haben immer Bauch und Fußkettchen und einen schwarzen Punkt auf der Backe. Deine Mutter wurde noch mit deinem Vater verheiratet, ohne ihn vor der Heirat je gesehen zu haben. Du hast mir von deinen Leben erzählt und warst auch sehr neugierig auf meines. Ich habe dir gerne immer wieder mit Ja geantwortet, wenn du mich zum tausendsten Mal fragtest, ob ich dich mag. Schließlich hast du auch nie an Komplimenten für mich gespart. Und dann hast du geregnet. In alle Himmelsrichtungen. So stark, dass der Regen ein bisschen über den Rand der Swimmingpools der Reichen hinausschwappte und die unbefestigten Lehmhütten an den Hängen zuerst mit Erde durchspülte, bevor die Erosion sie mit sich riss. Übrig blieben Löcher in den Teeplantagen. Auch im Norden lässt du den Regen so hoch in den Straßen stehen, dass dein friedlich hupender Verkehrslärm verebbt und stattdessen Waisenkinder mit ihren kleinen Geschwistern auf den Schultern durch das Wasser waten. Ich habe gerne deine Schriftzeichen gelernt, bin gerne auf deine Kompromisse eingegangen und freue mich jetzt immer, wenn ich etwas von dir höre, wo ich doch wieder so weit weg von dir bin.
Vielen Dank für alles, was ich bei dir erleben durfte. Ich werde dich nie vergessen, deine Tatjana
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Kommentare
ohhh interessant :)
schön geschrieben...
ich muss nächste woche einen vortrag halten: die Marionetten Regierung in Indien vor 1947 und man findet nix im Internet.ich bin jetzt schon aufgeschmissen.hm naja..
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Fänd ich ansprechender,
Fänd ich ansprechender, wenn's nicht als Brief geschrieben wäre. :/
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Ich muss senfgrün recht
Ich muss senfgrün recht geben, ich fand die Serie "Brief an..." bisher immer eine geniale Plattform für meinungstarke Texte oder Glossen. An Indien finde ich da zu generell.
Wie wärs mit einem Auslandsblog mit tollen Bildern gewesen? ;)
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Naja
Danke für den Tipp Senfgruen und Laura. Mein nächster Brief geht an etwas über das sich besser streiten lässt..also wohl kein Land mehr. :-)
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