Das Elend und ich

Von: Gustav
 
09.02.2012 - 17:34
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Nur nicht sentimental werden: Auf den letzten Metern zum Abitur verabschiedet sich Gustav von seinen Homies. Ein Spaziergang durch die Schule.

Leck mich fett, ist das kalt hier. Adidas-Jäckchen an und los: Ein harter Kerl auf dem Weg durch seine Heimat der letzten 2 Millionen Vormittage. Bevor ich diese Schule verlasse, möchte ich mich von jedem Staubkorn verabschiedet haben. Die Kälte auf dem Oberstufenflur bringt mich an den Rand der Verzweiflung. Aber es kommt noch schlimmer.

Als ich genüsslich die Treppe hinunter zu stapfen versuche, springt mir eine Front quietschender Blagen entgegen. Die brüllt: „Hallo Gustaaaaav!”
Willkommen daheim. Ich hasse euch alle!

Endspurt Abi

Im Mund noch den fernen Geschmack des Mutterleibes, vor den Augen die aufregende Zukunft: Gustav ist bald raus aus der Nummer „Schule“. Kurz vorm Abi erzählt der NRW-Gesamtschüler in Blogform von seinem Endspurt in die Freiheit – und was sonst so los ist in der gymnasialen Oberstufe.

Oder? Nein, ich hasse hier niemanden. Das polytone Hintergrundgeschrei der kleinen Menschen wird mir fehlen. Meine Feinde aus der Unterstufe, die ich immer autoritär und böse angucke, werde ich genauso vermissen wie diejenigen, die sich auf dem Flur unbedarft in einem vernichtenden Lautstärkepegel nach meinem Sexualleben erkundigen, mich in der Mittagspause ungefragt für ihren Verlobten erklären oder auf dem Weg zum Wasserspender meinen Pullover zerreißen – alles in der Hoffnung auf Aufmerksamkeit.

Ich leide gerne. Habe ich das schon erwähnt? Wie sonst soll ich es rechtfertigen, dass ich für dies ganze Theater meine Pausenzeit aufgebe? Vernünftige Oberstufenschüler sitzen im Klassenzimmer, starren die Wand an, essen minderwertiges Zeug aus dem benachbarten Supermarkt. Das ist nichts für mich. Schulflur-Kommunikation ist spannend. Junge Menschen haben viel zu erzählen, wenn man nur zuhört.

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Vorsicht Unterstufen-Schülerinnen: Rette sich wer kann! - Foto: Felix Clasbrummel / jugendfotos.de, CC-Lizenz (by-nc)

Wenn man Geburtstag hat, wie ich letztens, lohnt sich das sogar doppelt. Es sieht nämlich nicht nur danach aus als hätte ich irre viele Freunde, nein, es gibt sogar einen großen Haufen Geschenke. Kermit der Frosch als Plüschfigur war dabei, eine Elch-Tasse, eine Grußkarte ... der ganze Tüddel eben, der nach dem Weihnachtswichteln übrig bleibt. Und wisst ihr was? Ich habe mich trotzdem gefreut. Sehr sogar. Als der Schulleiter mir dann noch über die Sprechanlage gratuliert hat, hätte ich fast geheult vor Freude. 

Man ist ja doch nicht so allein, wie man selbst manchmal denkt. Auch wenn einem kleine Quietschkinder auf den Senkel gehen, man seine Lehrer am liebsten rausschmeißen würde und die Klassenkameraden einen gelegentlich intellektuell überfordern - man hat (nein: ich habe!) sie im Endeffekt doch alle lieb.

Gruppenknuddeln!

Am SLZ (= Selbstlernzentrum = Raum, in dem ein paar lahme PCs stehen und ein Bücherregal mit Büchern, die kein Schwein liest) treffe ich dann meine Ober-Homies. Die, mit denen ich die letzten 9 Jahre verbracht habe, immer auf Wasserspender-Mission. Meine Fresse, die werde ich vermissen. Schule nervt, aber ich werde sie nur schweren Herzens verlassen.

Schluss der melancholischen Gedanken. Meine Wasserspender-Gang um Hendrik und Tobias nölt schon wieder rum: Gustaaaaaav! Jetzt mach hinne! Wir müssen! Das Ziel ist die heilige Quelle – unser Wasserspender. Die Tränke meiner Begierde. Das Idol ohne Attribute, wärme- und wasserspendend. Bei ihm bin ich zu Hause. Ihn werde ich am meisten vermissen.

Ob Julia in Halle auch so tolle Freunde hat wie ich? Nächste Woche schreibt sie wieder aus ihrem Uni-Alltag.

Mitarbeit: Tobias Rickhoff, Philipp Kneilmann

Kommentare

Bild von derSeb

Filmtipp

"Schule", mit Daniel Brühl aus dem antiken Jahr 2001.

Bild von TheoMueller

SLZ klingt gut. Wir hatten

SLZ klingt gut. Wir hatten ein DIZ, ich konnte aber nie in Erfahrung bringen, was das sein sollte. Lahme PCs waren jedenfalls auch drin.

Bild von Petra

sentimental?!

Ich bin gerade alles andere, aber nicht sentimental.
Das liegt aber vielleicht auch daran, dass in zwei Wochen meine schriftlichen Prüfungen anfangen und ich für Sentimentalität leider keine Zeit habe.

Vielleicht kommt das ja nach den Prüfungen, spätestens aber wohl dann in meinen letzten Ferien.
Aber zurzeit überwiegt nur ein Gefühl: (Vor-) Freude, dass bald endlich (fast) alles hinter mir liegt! :-)

Bild von Farbenfreak

:-)

Viel Glück bei deinen Prüfungen

Bild von Hendrik

:D

Wie wahr, wie wahr! Ich werde es ehrlich gesagt auch vermissen.. GUUUSSSTTTAAAAVVV!!

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